Barack Obama gehört nicht zu den regelmäßigen Kirchgängern, die öffentlich ihre Zugehörigkeit zu einer Religionsgruppe bekunden.

Das mag erklären helfen, warum die US-Amerikaner zu Beginn des achten Jahres seiner Präsidentschaft noch immer diffuse Vorstellungen von Obamas Religiosität haben. In einer CNN-Umfrage vom September sagten 29 Prozent der Befragten und 45 Prozent der Republikaner, der Präsident sei ein Muslim. Lediglich 39 Prozent wussten, dass Obama
„ein Protestant oder anderer Christ“ sei.

Obamas Vater war säkularer Muslim

Für die Zurückhaltung des Präsidenten gibt es indes eine Reihe von Gründen. Zunächst seine Herkunft aus einem wenig religiösen Elternhaus. Sein abwesender kenianischer Vater war ein säkularer Muslim, und Obamas alleinerziehende Mutter aus Kansas hatte wenig Bezug zu ihrer christlichen Herkunft.

So fand Obama erst als Erwachsener zum Glauben. Den Prozess seines spirituellen Erwachens schildert er in seinen beiden autobiografischen Büchern. Es ging einher mit seinem Freiwilligen-Einsatz auf der bettelarmen Südseite von Chicago, wo er stark von der christlichen Soziallehre beeinflusst wurde.

Vor seiner Präsidentenwahl 2008 gab Obama in einem Interview einen seltenen Einblick in seine Überzeugungen. Er glaube, „dass Jesus Christus für meine Sünden gestorben ist und ich durch ihn erlöst bin“, sagte er. Aber das allein reiche nicht. Dazu gehöre die
„Verpflichtung, nicht nur das Wort hochzuhalten, sondern durch Taten jene Erwartungen zu erfüllen, die Gott an uns hat“, so Obama.

Religiöse Einlassungen haben Seltenheitswert

Dieser Gedanke zieht sich wie ein Roter Faden durch die seltenen religiösen Einlassungen des Präsidenten – zuletzt bei der Würdigung des schwarzen Predigers Clementa Pinckney. Er war im Juni in Charleston zusammen mit acht Gemeindemitgliedern bei einem Bibelkurs von einem jungen Rassisten getötet worden.

Wenige Meter vom Sarg seines Freundes entfernt sprach Obama über das Vorbild, das Pinckney und dessen Gemeinde gesetzt hätten, als sie den Mörder in ihrer Mitte willkommen hießen. Ähnliches gelte für die Angehörigen, die nach der Tat für dessen Seelenheil beteten: „Was bedeutet das für unsere Lebensführung?“ fragte Obama in seiner Trauerrede. „Wenn wir diese Güte zulassen, kann sich alles ändern.“

Die politische Realität erwies sich in Obamas Amtszeit nüchterner. Statt die Nation auf der Basis christlicher Werte zusammenzubringen, musste er bereits im Wahlkampf 2008 in der Kontroverse um seinen früheren Chicagoer Pastor Jeremiah Wright schmerzhaft erfahren, wie Religion in den USA instrumentalisiert wird. Wright geriet etwa wegen
der Aussage „Gott verdamme Amerika“ in die Schlagzeilen. Zudem äußerte er sich abfällig über Juden. Diese damalige Kontroverse gilt als zweiter wesentlicher Grund für Obamas Zurückhaltung in Glaubensdingen.

Gibt er in seinem letzten Amtsjahr seine Zurückhaltung auf?

Auch spielt wohl der von Donald Trump und anderen Republikanern gehegte Dauerverdacht eine Rolle, der Präsident sei ein „heimlicher Muslim“. Diese Behauptungen gehen einher mit Anspielungen auf seinen muslimischen Vater, der schon in frühesten Kindheitstagen aus Obamas Leben verschwunden war und eine tiefe Narbe hinterlassen hat.

In Obamas Umfeld heißt es, der Präsident könnte in seinem letzten Amtsjahr seine Zurückhaltung aufgeben, um seinen Prioritäten Nachdruck zu verleihen. Obama findet Schnittmengen sowohl mit der katholischen Kirche als auch mit evangelikalen Gemeinden, etwa beim Umgang mit Flüchtlingen und undokumentierten Einwanderern, bei der Verteidigung der Religionsfreiheit, dem Kampf gegen Rassismus und
Waffengewalt sowie bei einer Strafrechtsreform.

Ob er im Wahljahr damit mehr Kräfte hinter sich versammeln kann als in den sieben Jahren seiner Amtszeit, ist fraglich. Aber auch das gehört zu den Überzeugungen des Präsidenten: niemals aufzugeben, für eine bessere Welt zu streiten.