Jerusalem: Sicherheitskräfte, sowohl in Uniform als auch in Zivil, verhaften einen palästinensischen Mann in der Nähe des Damaskustors in der Altstadt von Jerusalem. Foto: Mahmoud Illean/AP/dpa

Die Lage im Nahen Osten spitzt sich einen Tag vor dem Ramadan-Fest weiter zu. Gestern gab es den bisher schwersten Raketenangriff auf Israels Küstenmetropole Tel Aviv: Mindestens eine Frau wurde bei den Explosionen am Dienstagabend getötet. Israel antwortet mit massiven Gegenschlägen und nimmt ebenfalls kaum Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. 

Nach Angaben der Rettungsorganisation Zaka starb sie in der Stadt Rischon Lezion bei einem direkten Einschlag. Mehrere Menschen wurden nach Angaben von Sanitätern bei den massiven Raketenangriffen von Militanten aus dem Gazastreifen verletzt. In Tel Aviv waren am Abend immer wieder schwere Explosionen zu hören.

Die Hamas erklärte noch am Abend, 130 Raketen aus dem Gazastreifen nach Tel Aviv und Zentralisrael abgefeuert zu haben.

Die israelische Armee hatte zuvor ein Gebäude mit Büros von Mitgliedern des Hamas-Politbüros und Sprechern der islamistischen Palästinenserorganisation im Gaza-Streifen zerstört. Die Anwohner des Gebäudes wurden vor dem Angriff von den israelischen Streitkräften gewarnt und angehalten, das 14-stöckige Haus zu verlassen, wie Augenzeugen am Dienstagabend berichteten. Die Hamas drohte mit einem „harten“ Raketenangriff auf Tel Aviv.

Netanjahu: „Werden hohen Preis zahlen“

Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte am Abend, die militanten Palästinenserorganisationen Hamas und Islamischer Dschihad würden einen hohen Preis für die jüngsten Angriffe auf Israel bezahlen. „Diese Operation wird Zeit brauchen, aber wir werden den Bürgern Israels die Sicherheit zurückbringen.“

Generalstabschef Aviv Kochavi sagte, Israels Armee habe seit Montag „bereits 500 Ziele im Gazastreifen angegriffen und Dutzende Terroraktivisten getötet“. Man sei fest entschlossen, den militanten Gruppierungen einen harten Schlag zu versetzen.

Bundesaußenminister Heiko Maas verurteilte die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf Israel scharf. „Dass es jetzt noch eine derartige Eskalation der Gewalt gibt, ist weder zu tolerieren noch zu akzeptieren, und das haben wir auch gegenüber der Palästinensischen Autonomiebehörde sehr deutlich gemacht“, sagte Maas in Rom. Die Raketenangriffe müssten sofort beendet werden. „Israel hat in dieser Situation das Recht auf Selbstverteidigung“, fügte Maas hinzu.

Mehrere Kinder tot

Russland rief alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Es sollten keine Schritte unternommen werden, die mit einer Eskalation der Lage behaftet seien, teilte das Außenministerium am Abend in Moskau mit. „Wir verurteilen nachdrücklich Angriffe auf Zivilisten, unabhängig von ihrer Nationalität oder Religion.“ Die Entwicklung der Ereignisse sei sehr besorgniserregend, hieß es in der Mitteilung.

In New York zeigte sich UN-Generalsekretär António Guterres sehr besorgt über die „schwerwiegende Eskalation im besetzten palästinensischen Gebiet und in Israel“ sowie in Gaza, wie ein Sprecher mitteilte. „Er ist zutiefst traurig über die zunehmende Zahl von Opfern – darunter Kinder – wegen israelischer Luftangriffe in Gaza sowie Todesfälle in Israel durch Raketen, die aus Gaza abgefeuert wurden.“

Israel sperrt Flughafen

Der internationale Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv wurde wegen der Angriffe für Landungen und Abflüge geschlossen. Die Flüge wurden nach Zypern umgeleitet.

Nach Angaben des israelischen Militärs wurden bislang mindestens 20 Mitglieder der Hamas und des Islamischen Dschihads getötet, darunter hochrangige Vertreter. Zudem seien mehr als 150 Vorrichtungen zum Abschuss von Raketen attackiert worden. Laut Conricus wurden viele von diesen in Gebieten stationiert, in denen Zivilisten wohnen. Zivile Opfer könnten daher nicht ausgeschlossen werden, auch wenn sich die Armee darum sehr bemühe.

Raketen werden größtenteils abgefangen

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich seit Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan Mitte April zugespitzt. Inzwischen sind es die heftigsten Auseinandersetzungen seit mehreren Jahren. Der Ramadan geht diese Woche zu Ende.

Nach Angaben der israelischen Polizei wurden in der besonders schwer beschossenen Küstenstadt Aschkelon tagsüber bereits zwei Menschen getötet. Der Rettungsdienst Zaka berichtete von massivem Beschuss mit Dutzenden Raketen binnen kurzer Zeit – offenkundig mit dem Ziel, das israelische Abwehrsystem Iron Dome (Eisenkuppel) zu überlasten. Das von Israel entwickelte mobile System fängt üblicherweise einen Großteil abgefeuerter Raketen ab.

Zwangsräumungen als Auslöser

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza starben im Zuge der Gewalt bislang 28 Menschen, darunter zehn Kinder. Nach Berichten örtlicher Medien und von Augenzeugen wurden drei Kinder durch israelische Luftangriffe getötet, die übrigen sechs durch die fehlgeleiteten Raketen der Hamas.

In den vergangenen Tagen hatte es zunächst vor allem in Jerusalem heftige Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gegeben. Auslöser waren unter anderem Polizei-Absperrungen in der Altstadt sowie drohende Zwangsräumungen von palästinensischen Familien im Viertel Scheich Dscharrah.

Netanjahu plant mehr

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu stimmte die Israelis auf einen längeren Konflikt ein.

Eine der zentralen Streitfragen im Nahost-Konflikt ist der Status Jerusalems. Israel beansprucht Jerusalem als „ewige und unteilbare Hauptstadt“ für sich. Die Palästinenser halten am Anspruch auf Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines unabhängigen Staates fest.

Seit der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen 2007 haben sich Israel und die Palästinenserorganisation drei Kriege geliefert. Auch jetzt machen sie sich gegenseitig für die Eskalation der Lage verantwortlich. Israel und Ägypten halten das Gebiet unter Blockade und begründen dies mit Sicherheitserwägungen. Etwa zwei Millionen Menschen leben dort – nach Angaben von Hilfsorganisationen unter miserablen Bedingungen. Im August 2020 verkündete die Hamas nach Vermittlung Katars eine Waffenruhe.

dpa/dtj