Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Thorsten Albig regiert eines der kleineren deutschen Bundesländer, genauer gesagt das nördlichste. Zum Dauerthema „Flüchtlinge“ hat er gerade gesagt: „Das eigentliche Problem wird nicht hier im Landtag, (gemeint ist der Kieler Landtag) wird auch nicht im Bundestag entschieden, sondern ist eine verrückt gewordene zusammenbrechende Welt“. Albigs Aussage ist nicht nur resignativ, sondern auch falsch. Seine Partner und Nachbarn in Dänemark, Norwegen und Schweden würden ihr ganz gewiss nicht zustimmen. Sie ist darüber hinaus hochproblematisch, weil jeder Politiker dazu verpflichtet ist, die Lage kühl zu analysieren und seinen Wählern nicht Angst zu machen.

Warum ist die Bemerkung aber sachlich falsch? Weil die Welt in Wahrheit viel komplizierter ist als es der schleswig-holsteinische SPD-Regierungschef suggeriert und weil in der Wahrnehmung der Betroffenen erhebliche Teile der Welt gute Zeiten erleben. Kanada und die USA, wo – zugegeben – gegenwärtig ein ziemlich verrückter Vorwahlkampf zu den bevorstehenden Präsidentenwahlen abläuft – sind weiterhin dynamische, optimistische Gesellschaften. In Ottawa regiert seit wenigen Wochen eine neue politische Generation um den jungenhaft wirkenden Regierungschef Trudeau, einen Sohn des bekannten Politikers der 1970er Jahre. Als Einwanderungsland verhält sich Kanada vorbildlich, ist auf diesem Gebiet viel erfolgreicher als Europa.

Blick nach Mittel- und Südamerika

Mittelamerika ringt um seine politische Stabilität, das ist wahr, aber neben viel Schatten gibt es – wie um Musterland Costa Rica – auch eine Menge Licht. Präsident Obama reist demnächst nach Kuba. Dass es politisch heller wird, gilt auf der Südhalbkugel des Doppelkontinents vor allem für Brasilien, das Ausrichterland der Olympischen Sommerspiele im August dieses Jahres, trotz der Korruption im Land. Verrückt ist man dort allenfalls im Karneval, der vor wenigen Tagen zu Ende ging, den viele europäische Touristen zusammen mit den lebenslustigen Brasilianern gefeiert haben. Lebensfreude herrscht auch anderswo in vielen Teilen Südamerikas, in denen sich Regierungen darum bemühen, eine Mittelschicht heranzubilden, die politische Stabilität verspricht.

Gleiches gilt für Asien, die Giganten Indien und China befinden sich weiterhin auf der Welle des Fortschritts, hunderte Millionen von Menschen haben in den zurückliegenden Jahren einen enormen persönlichen Aufstieg erlebt, haben im Haushalt die Gegenstände, die für uns seit zwei Generationen eine Selbstverständlichkeit sind, besitzen sogar ein Auto. Gewiss, hier und da droht Kriegsgefahr, China betoniert Inseln vor der Haustür von anderen, Pakistan droht auseinanderzufallen, Nordkorea ist jede Woche für eine Schreckensmeldung gut. Aber verrückt, vor dem Zusammenbruch stehend, ist diese Gegend der Welt nicht. Das gilt besonders für Australien, das mit einer sehr robust vorgetragenen Flüchtlingspolitik – um es milde auszudrücken – versucht, seinen Einwohnern den Wohlstand zu erhalten und auszubauen. Zig Millionen von Menschen in Asien träumen davon, in dieses Märchenland zu gelangen. Aber Australien lässt sie nicht hinein.

Sonderproblem Russland

Bleiben Afrika und die große Überschneidungszone zwischen Europa, dem Afrika und Vorderasien sowie das Sonderproblem Russland übrig.  Es sieht nicht danach aus, dass Russland – trotz aller selbst verursachten Probleme – demnächst zusammenbrechen wird. Im Fokus befindet sich am Ende die Zone, die Albig offenbar meint, nämlich die Wassergrenze der EU zu den Krisengebieten im Nahen und Mittleren Osten und zu Nordafrika. Selbst der afrikanische Kontinent weist von der Mitte nach Süden hin Stabilitätszonen auf, die hoffen lassen.

Fazit: die Situation ist ernst, aber keinesfalls hoffnungslos. Sie lädt zum Handeln ein. Es muss alles dafür getan werden, die existierenden Unruhezonen nicht noch weiter zu destabilisieren. Dazu gehört auch Realismus bei der Behandlung der Türkei. Die EU, voran Deutschland, darf sie mit Erwartungen bei der Lösung des Flüchtlingsproblems nicht überfrachten. Anschläge wie gerade in Ankara oder in den Kurdengebieten zeigen die momentane Verletzlichkeit des Landes. Es kann leicht in eine noch schwierigere Lage geraten.

Thorsten Albig ist daher am Ende zu empfehlen, die großen Regierungserklärungen nachzulesen, die der unlängst verstorbene frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt abgab. Eine, in schwierigen Zeiten gehalten, hatte 1980 den Titel: Mut zur Zukunft.