Bei der Aufnahme von Flüchtlingen zeigen sich die Länder im Osten der EU sperrig: Muslimische oder dunkelhäutige Flüchtlinge seien „zu fremd“ für ihre Gesellschaften, heißt es vielerorts. Wenn schon Migranten, dann sollen es Christen sein.
Bei der Aufnahme von Flüchtlingen zeigen sich die Länder im Osten der EU sperrig: Muslimische oder dunkelhäutige Flüchtlinge seien „zu fremd“ für ihre Gesellschaften, heißt es vielerorts. Wenn schon Migranten, dann sollen es Christen sein.

Während sich der Anteil des Westens an der Bewältigung der syrischen Flüchtlingskrise in überschaubaren Grenzen hält, lediglich 4,1 Prozent der Betroffenen in Westeuropa leben und auch in Deutschland nur wenige zehntausend Syrer aufgenommen werden, haben allein in der historischen türkischen Stadt Şanlıurfa 500 000 Syrer Unterkunft gefunden. Die meisten von ihnen würden am liebsten für immer bleiben.

Şanlıurfa ist damit die Stadt, welche die meisten Flüchtlinge beheimatet. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht unter der Leitung der außenpolitischen Expertin der Brookings University (South Dakota), Elizabeth Ferris. Demnach sei die türkische Stadt Şanlıurfa die Stadt, die mit 500 000 die mit Abstand meisten Flüchtlinge beheimate.

Ferris hält sich seit ungefähr einer Woche in einem der größten Flüchtlingscamps der Türkei auf, nämlich im AFAD-Flüchtlingsdorf von Suruç, das sich in der Provinz Şanlıurfa befindet. Dort führt Ferris vor Ort Erhebungen durch, um die lokalen Umstände einschätzen zu können. Über Twitter ließ sie die Öffentlichkeit an ihren Beobachtungen teilhaben. In Einzelgesprächen mit den Asyl suchenden Syrern hat Ferris festgestellt, dass die absolute Mehrheit dieser Menschen weiter in der Türkei bleiben möchte, wenn diese Option sich ergäbe. Die Wahlen am 7. Juni hätten sich nicht auf den Zustand und die Situation der Flüchtlinge ausgewirkt, so Ferris weiter. Die Syrer seien jedoch mit dem Begriff des „Gastes“ unzufrieden, der ihnen politischerseits zugedacht werde, denn dies bedeute Abhängigkeit vom Gemütszustand des Gastgebers.

„Die Syrer würden die türkische Bürgerschaft bedingungslos annehmen“

Den Angaben der Außenpolitikexpertin zufolge seien mindestens 100 000 Kinder von Flüchtlingen in der Türkei zur Welt gekommen. Zudem würden sich derzeit über 400 000 Flüchtlingskinder unter vier Jahren auf türkischem Boden befinden. Ferris glaubt auch daran, dass die meisten Flüchtlinge es außerordentlich begrüßen würden, sollte der türkische Staat ihnen eine Option auf Erlangung der türkischen Staatsangehörigkeit eröffnen. Ein entsprechendes Angebot würden Flüchtlinge „bedingungslos annehmen“, so Ferris.

Diese These stützt die Ergebnisse der vor kurzem veröffentlichten wissenschaftlichen Untersuchung über Flüchtlinge von Dr. Murat Erdoğan von der Hacettepe Universität in Ankara. Den Ergebnissen dieser Untersuchung zufolge würde jeder zweite syrische Flüchtling die türkische Staatsangehörigkeit annehmen wollen. Der Untersuchung zufolge seien allerdings auch über 90 Prozent der türkischen Bevölkerung gegen die Einbürgerung der Flüchtlinge. Die Mehrheit der türkischen Bevölkerung spreche sich gleichzeitig allerdings mit 58 Prozent auch klar für den Verbleib der syrischen Flüchtlinge auf türkischem Boden aus. Jedoch ist auch der Anteil derjenigen, die sich dafür aussprechen, die Flüchtlinge wieder nach Syrien zurückzuschicken, mit satten 31 Prozent nicht zu unterschätzen. Die Untersuchung zeigt in weiteren Punkten, dass Einwanderer bis 2014 größtenteils arabische Sunniten waren. Seit dem Vorjahr kamen jedoch auch zunehmend Jesiden, Armenier und Kurden dazu.

Ferris wirft Europa „Heuchelei“ vor

Ferris fordert die türkische Regierung auf, transparenter zu sein und offenzulegen, wo genau die 6,5 Milliarden Dollar investiert wurden, von denen die türkische Regierung als eigenem finanziellem Aufwand in der Flüchtlingsthematik spricht. Auf der anderen Seite kritisierte Ferris die westlichen Länder scharf. Die Haltung der EU gegenüber der Türkei bezeichnete die Expertin als heuchlerisch. Die europäische Aufforderung an die Türkei, im Osten die Türe zu öffnen und im Westen eher zu schließen, sei Heuchelei.