Nicht mehr lange, dann ist es soweit. Die Sommerferien nahen. Viele Türken in Deutschland haben ihre Flugtickets schon vor Monaten gekauft, wenn nicht sogar vor einem Jahr. Urlauber, die mit dem Auto in die Türkei fahren wollen, lassen in diesen Tagen ihre Autos einer Generalkontrolle unterziehen.

Mit den Gedanken sind alle längst beim Kofferpacken und dabei spielen Geschenke für Verwandte in der alten Heimat eine wichtige Rolle. „Was sollen wir für deine Mutter mitnehmen?“, „Ist ein Hemd für Opa ausreichend?“ oder „Und was ist mit den Kindern deiner Geschwister?“ sind nur einige der Fragen, die sich die Urlauber stellen.

Fragen, die seit über 50 Jahren unverändert geblieben sind. Geschenke sind oft Kleidungstücke, einfache elektronische Geräte oder Schokoladen aller Art. Auch der „deutsche Kaffee“ oder türkische „yaprak çayı“ sind beliebte Geschenke auf der Liste der sogenannten „Gurbetçis“ (Türken, die im Ausland leben).

Seit einigen Jahren jedoch bringt ein Lebensmittel die Liste durcheinander: Es ist Fleisch. Ob Rindfleisch, Kalb, Lamm, gehackt, Wurst, Julienne oder in quadratischen Stückchen, alles kommt in den Flieger oder ins Auto.

„Bringt keine Schokolade, sondern Fleisch mit“

„Bringt keine Schokolade, sondern Fleisch mit“, heiße es nun bei den Verwandten in der Türkei, sagt der türkische Lebensmittelhändler Turgut Kaynar aus Wedding. Im Gespräch über das Kaufverhalten der Berliner Türken im Vorfeld der Ferienzeit erzählt uns der Händler, der seit 20 Jahren in dem Geschäft tätig ist: „Noch vor fünf Jahren nahm man eher Schokolade und Tee mit. Fleisch war damals kein Thema. Seitdem aber Fleisch in der Türkei teurer wird, nehmen Türken auch zunehmend Fleisch mit“.

In der Türkei ist der Fleischbedarf in den letzten Jahren enorm gestiegen. Wie die Tageszeitung Habertürk berichtet, ist hingegen die Anzahl der Tiere, die für die Schächtung infrage kommen, in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen: „Die Anzahl der Lämmer betrug in den 1980er Jahren noch 46 Millionen, heute sind es hingegen nur noch 31 Millionen im Land. Auch die Zahl der Ziegen ist von ca. 19 Millionen auf 10 Millionen zurückgegangen.“

Der inländische Markt kann den Bedarf nicht decken. Ein weiterer Faktor für den Preisanstieg sind die Spekulanten, die den Preis künstlich in die Höhe treiben. Auch der Export von Fleisch in großen Mengen hat an der Situation nicht viel verändert. An Ausschreibungen für den Export in die Türkei haben auch Fleischgroßhändler aus Deutschland und Polen teilgenommen. Nach Angaben des türkischen Statistikamtes TÜIK ist der Preis für Rindfleisch im Februar 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 24,3 Prozent gestiegen. 

Fleisch für 1000 Euro an Gäste aus der Türkei verkauft

Wie Betreiber von türkischen Lebensmittelgeschäften berichten, ist es zwar nicht so, dass jeder Reisende Fleisch mit in die Türkei nimmt und auch nicht jeden Tag ein Kunde kommt und Fleisch einfrieren lässt, um es mit in die Türkei zu nehmen. Oft sind es ältere Einwanderer der ersten Generation, die neben dem Kostenfaktor auch aus Gewohnheit eine bekannte Sorte mit in die Türkei nehmen. Bei den „Gurbetçis“, die mit dem Auto über den Balkan nach Anatolien fahren, könne es auch vorkommen, dass bis zu 20 kg Fleisch mitgenommen werde, sagt Turgut Kaynar: „Auch „Sucuk“ (türkische Knoblauchwurst) ist sehr beliebt. Mindestens zwei Packungen nehmen Reisende mit. Zum Teil gibt es auch Familien, die 10 Packungen kaufen.“

Oktay Acar, des sein Geschäft in Kreuzberg hat, verwundert das nicht. „Bei den Preisen können sich die Menschen in der Türkei nun mal kein Fleisch leisten. Es ist mittlerweile zu einem Luxusgut geworden. Hier kostet das Kilo 5-6 Euro, drüben 30-40 TL. Das sind knapp 12 Euro Unterschied pro Kilo. Dafür lohnt es sich sicherlich.“ Dabei verkaufe er selbst im Schnitt fünf bis sechs Kilo pro Person.

Auch Kurioses hat Oktay Acar zu berichten: „Noch letzte Woche kam eine Besuchergruppe aus Izmir in mein Geschäft. Ein paar Stunden vor der Abreise haben sie bei mir Fleisch in Wert von 1000 Euro gekauft. Darunter Hackfleisch, Rindfleisch und Sucuk. Einer aus der Gruppe war wohl ein Restaurantbetreiber.“ Mit einem Grinsen im Gesicht berichtet Acar von einem weiteren Fall: „Vor ein paar Monaten kam ein Mann und kaufte eine große Menge an Hackfleisch ein. Als ich ihn fragte, wofür er so viel Hackfleisch brauche, antwortete er: „Für eine Hochzeit in der Türkei“. Er sagte, er wolle seinen Gästen Lahmacun anbieten und brauche dafür das Hackfleisch. Ich bin seit 15 Jahren Lebensmittelhändler und habe in diesen Jahren vieles erlebt. Doch dieses Erlebnis war auch für mich ein Ausnahmefall (lacht).“

Großer Andrang der Urlauber steht an

Als einen möglichen weiteren Grund für den exzessiven Fleisch-Einkauf nennt Kaynar die Sensibilität vieler Kunden für Halal-Fleisch: „Unsere Kunden kennen die Metzger in der Türkei nicht und wollen kein Risiko eingehen. Es sind oft Berichte in türkischen Medien, wonach veraltetes oder Fleisch, das nicht halal ist, verkauft wird. Das verunsichert unsere Kunden so sehr, dass sie lieber für die Zeit, in der sie in der Türkei sind, Fleisch aus Deutschland für den Eigenbedarf mitnehmen.“ Dieses Gefühl kenne kenne er zu gut, so Kaynar. Auf die Frage, ob er in diesem Jahre in die Türkei fliege und er selbst auch Fleisch mitnehmen werde, antwortet er mit einem klaren „Ja“. Damit könnte es jetzt aber vorbei sein, da die türkischen Zollämter härter gegen Einfuhr von Fleisch und Fleischprodukten vorgehen wollen. Kurz vor dem Beginn der Reisehochzeit hat die Türkei nun die Einfuhr verboten.

Müslüm Yalçın, regionaler Direktor für Zoll und Handel in Trakya (Zollgrenze zwischen Türkei und Bulgarien), erklärt dazu: „Alle Arten von Fleisch, Fleischwaren, Schlachtnebenerzeugnisse, sowie Würste, die mit Blut, Fleisch und Schlachtnebenerzeugnissen zubereitet werden, sind vom Einfuhrverbot betroffen. Egal, in welcher Menge oder Verpackung“. Yalçın weiter: „Wir bitten alle Einreisenden, sich an das Verbot zu halten und keine Fleischprodukte mitzubringen. Denn eine Einfuhr wird in keinem Fall gestattet. Bei Zuwiderhandlung werden die Waren beschlagnahmt und entsorgt.“ Die Türkei will so etwa der Ausbreitung von Krankheiten vorbeugen.

An den Grenzübergängen werden in einer Zeitspanne von eineinhalb Monaten knapp 450.000 Autos mit etwa zwei Millionen Menschen erwartet. Und das nur aus Europa. Die Türkei hat die Anzahl der Zollbeamten auf ein Vielfaches erhöht, um den Andrang zu bewältigen.