USA: 15 Jahre Haft für Zwangsrasur

Washington – Die Tat erscheint auf den ersten Blick wie ein schlechter Streich: Mitglieder einer Amischgemeinde in den USA dringen in die Häuser einiger Glaubensbrüder ein, überwältigen sie und schneiden ihnen die Bärte ab. Doch ein US-Bundesgericht fand das alles andere als lustig – und verurteilte Samuel Mullet, einen Gemeindeführer der Amischen in Ohio und Drahtzieher der Zwangsrasur, nun zu 15 Jahren Haft.

Das Gericht sah in der Tat ein religiös motiviertes „hate crime“ zur gesellschaftlichen Demütigung der Opfer. Gemeindeführer Samuel Mullet müsse wegen Anstiftung eines religiös motivierten Hassverbrechens für 15 Jahre ins Gefängnis, urteilte am Freitag das Bundesgericht in Cleveland. Die Mitangeklagten erhielten Haftstrafen zwischen einem und sieben Jahren.

Bei den Attacken mit Scheren und batteriebetriebenen Rasierern auf einige Gemeindemitglieder, mit denen die Angeklagten im Streit lagen, wurden mehrere Menschen verletzt. Gesichts- und Kopfbehaarung gelten bei den Amischen als wichtiges soziales Merkmal eines erwachsenen Mannes, daher waren die Angriffe als gezielte Demütigung zu werten. Mullet hatte 15 seiner Glaubensbrüder und -schwestern dazu angestiftet, ungehorsamen Mitgliedern seiner ultrakonservativen Gemeinde die Haare abzuschneiden und den Bart zu rasieren.

Steven M. Dettelbach, Rechtsanwalt für den „Northern District“ des Bundesstaates Ohio sagte in einer Pressekonferenz nach der Urteilsverkündung: „Die Angeklagten drangen in ihre Häuser ein, attackierten diese Menschen und schoren sie wie Tiere.“

Amische: Konservative christliche Glaubensgemeinschaft mit eigenen gesellschaftlichen Regeln

Berichten zufolge hatte Mullet seine Gemeinde mit harter Hand geführt. Er bestrafte ungehorsame Mitglieder mit Schlägen und sperrte sie in Käfige. Der Richter bezeichnete den 67-Jährigen wegen seiner autoritären Machtausübung als „Gefahr für die Gemeinschaft“. Die Staatsanwaltschaft hatte für den Gemeindeführer lebenslange Haft gefordert.

Die christliche Religionsbewegung der Amischen lehnt den technischen Fortschritt überwiegend ab. Die Amischen führen ein einfaches, bäuerliches Leben, meist unter Verzicht auf technische Errungenschaften wie Telefon oder Elektrizität. Statt Autos nutzen sie Pferdegespanne. Sie bevorzugen altmodische Trachten, die erwachsenen Männer tragen traditionell Bärte. Ihre Kinder besuchen keine öffentlichen Schulen, sondern werden privat unterrichtet. Die Muttersprache der Amischen ist bis heute ein pfälzischer Dialekt.

Ihre Wurzeln haben sie in der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts. 1693 spalteten sie sich unter Führung des Schweizer Bischofs Jakob Ammann – daher der Name – von den Mennoniten ab. In Europa häufig verfolgt, emigrierten die Amischen seit Anfang des 18. Jahrhunderts in die USA. Heute leben dort knapp 270.000 von ihnen – vor allem in den Bundesstaaten Ohio, Pennsylvania und Indiana. (dpa/dtj)