Die Geschichte des herzkranken Muhammet Eren bewegte im vergangenen Jahr viele Menschen, sowohl in Deutschland, als auch in der Türkei. Wir haben uns in Frankfurt mit seinem Vater getroffen und mit ihm über seinen verstorbenen Sohn und dessen Leidensgeschichte unterhalten.

Im ersten Teil des Interviews spricht Yavuz Dönmez über die letzten Tage seines Sohnes, wie schwer ihm der Abschied fiel und „die schlimmste Kälte“ seines Lebens. Immer wieder liefen dem Vater bei dem Gespräch die Tränen herunter.

Herr Dönmez, ihr Sohn hatte im November Gehirnblutungen bekommen, warum haben Sie dann entschieden, in die Türkei zurück zu kehren?

Es war schon alles vorbei. Die Gehirnblutungen waren sehr groß. Fast das gesamte Gehirn war betroffen. Der Hirntod stand unmittelbar bevor. Wir haben dann entschieden, dass wir in die Türkei zurückkehren. Schon bei der ersten Untersuchung hatten die Ärzte festgestellt, dass der Hirntod bereits eingesetzt hatte. Zwei Tage später hat dann auch sein Herz aufgehört zu schlagen.

Sie wollten die Organe ihres Sohnes in Deutschland spenden. Was ist daraus geworden?

Meine Frau und ich haben entschieden, dass die Organe unseres Sohnes in Deutschland zur Verfügung gestellt werden. Das ging aber nicht. Das Krankenhaus hatte den Verdacht, dass unser Sohn eine „metabolische Erkrankung“ hat. In solchen Fällen ist es so, dass man in der Regel als Organspender nicht in Betracht kommt – nur wenn es wirklich keine andere Möglichkeit gibt, kommen auch die Organe eines metabolisch Erkrankten in Betracht. Allerdings hatten wir unseren Sohn durch einen Experten untersuchen lassen. Das Ergebnis ist klar. Muhammet Eren litt nicht an einer solchen Erkrankung. Das haben wir sowohl dem Krankenhaus als auch dem Gericht vorgelegt.

Wie war es dann in der Türkei, hat es dort geklappt?

Auch hier ging das nicht. In der Krankenunterlagen stand drin, dass der „Verdacht auf metabolische Erkrankung“ vorliegt. Wir haben in Istanbul versucht den Ärzten zu erklären, dass keine derartige Erkrankung vorliegt und wir das auch bestätigen können. Doch die Experten blieben bei ihrer Meinung. Wenn ein solcher Verdacht vorliegt, will man keine Organe haben.

Wie ging es dann weiter?

Als dann das Herz von Muhammet Eren aufgehört hat zu schlagen, hat man ihn zuerst in ein Tuch gewickelt und dann in einen Leichensack gehüllt. Wir haben ihn dann gemeinsam in den Keller des Krankenhauses gebracht, wo sich auch die Leichenhalle befindet. Dann hat man die Leiche in ein Fach getan, es zugemacht und seinen Namen auf die Tür geschrieben. Wir hatten bis dahin unseren Sohn nie richtig drücken können, weil er an so viel Schläuche gebunden war. Da diese aber nach seinem Tod entfernt wurden, hatten wir Gelegenheit ihn zu drücken. Bevor er in das Leichenfach getan wurde, haben wir uns bei ihm verabschiedet. Wir konnten es nicht glauben. Am nächsten Tag wurde er dann auf dem Friedhof in Istanbul-Topkapı beigesetzt.

Wie geht es Ihnen heute?

Letzte Woche war ich in Istanbul. An einem Abend war ich gegen 23 Uhr ans Grab von Muhammet Eren gegangen. Es war sehr schwierig. Als ich zurückgegangen bin, habe ich mich zu Hause wie ein Verräter gefühlt. Wissen Sie, wenn ein Kind ertrinkt, kann man sagen, es ist ertrunken. Aber wenn die Ärzte dem Kind in die Augen schauen und entscheiden, dass es stirbt, dann ist das nichts anderes als Mord. Eine andere Erklärung ist dafür nicht möglich. Dass der Grund für den Tod von Muhammet Eren Menschen sind, macht es für mich sehr schwer.

Was ging ihnen durch den Kopf, als Sie Ihren Sohn an dessen Grab besucht haben?

Mir war es in meinem Leben an zwei Plätzen sehr kalt: In der Leichenkammer des Krankenhauses, in der Muhammet Eren verstarb, und in der Nacht, als ich das Grab meines Sohnes besuchte. Dies war die schlimmste Kälte meines Lebens.

Im zweiten Teil des Interviews erzählt uns der Vater, wie Muhammet Eren Menschen verändert hat, wie wichtig Organspende ist und die Kritik des Oberlandesgericht Frankfurt an den Ärzten des Jungen und dem Urteil des Landgerichts Gießen. Diesen werden wir morgen veröffentlichen.