Elpidophoros Lambriniadis, Metropolit von Bursa, steht am 22.11.2014 im Priesterseminar in Istanbul. Seit mehr als vier Jahrzehnten hat die Universität - die einst eine der weltweit wichtigsten Hochschulen der Orthodoxie war - keine Studenten mehr. Foto: Jonathan Lewis/dpa (zu dpa "Türkische Priester ohne Nachfolger - Hoffen auf den Papst-Besuch" vom 26.11.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Umgeben von blauem, salzigem Wasser, Boote liegen in den Buchten mit langen Stränden. Die Insel ist reich an Bäumen, Blumen und Sträuchern. Die Straßen sind eingefasst von weißen zwei- bis dreistöckigen Häusern mit Veranda oder Balkon, großen Höfen und Gärten. Nur mit der Pferdekutsche auf kurvenreichen Straßen und durch dichtes Grün gelangt man an einen viel zu unbekannten und unterschätzten Ort.

Die Rede ist nicht von einer Insel in der Karibik. Es geht um die Insel Chalki/Heybeliada im Marmarameer nahe Istanbul. Auf ihr steht neben den Ruinen des Klosters der Heiligen Trinität ein gigantisches Gebäude: Es ist das einzige orthodoxe Priesterseminar der Türkei. Erbaut wurde es Mitte des 19. Jahrhunderts mit Erlaubnis des damaligen Sultans. Mit wunderschönem Panorama und sauberer Luft gleicht dieser Ort dem Paradies und ist zugleich nur eine halbe Stunde von der Küste des hektischen Istanbul entfernt. Aber für wen diese Idylle? Wer lebt und arbeitet hier eigentlich?

Seit die türkische Militärregierung 1971 über Nacht alle privaten Universitäten schließen ließ, gibt es auch keine Studenten mehr im orthodoxen Priesterseminar. Dabei galt dieses einst als eine der weltweit wichtigsten Hochschulen der Orthodoxie. Es steht seit Jahren auf der EU-Förderliste. Die Wiedereröffnung wäre ein Meilenstein für mehr Religionsfreiheit in der Türkei und ein dringendes Zugeständnis an die dort lebenden Christen. Und es besteht Bedarf zur Ausbildung junger Priester in der Türkei. Im Gebäude herrscht nach wie vor christlicher Alltag: Morgens und abends wird gebetet, sonntags finden Messen statt. Aber die Studenten fehlen. Es existiert nur eine Abtei. Dem seit September 2011 eingesetzten Abt Prof. Dr. Elpidophoros Lambriniadis liegt die Wiedereröffnung sehr am Herzen, die Situation schildert er „Nokta“: „Das Seminar ist momentan geschlossen. Wir fordern Patriarch Bartholomäus I. (derzeitiger ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, Oberhaupt von etwa 350 Millionen Christen, Anm. d. Red.), dass er unseren Wunsch für die Öffnung der Schule bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck bringt. Unser Antrag wurde abgelehnt, doch der wird, wenn Gott es will, bald akzeptiert. Allerdings haben wir derzeit keine große Hoffnung. Doch wir werden erneut anfragen, weil das Recht auf Bildung ein Menschenrecht ist. Die Eröffnung einer Schule kann nicht als Bedrohung gegen jemanden gesehen werden. Wir erfüllen auch unsere Aufgaben als türkische Bürger, daher werden wir unsere Rechte auch einfordern.“

Verborgene Schätze im Priesterseminar

Doch nicht nur für die Ausbildung der orthodoxen Priester wäre die Wiedereröffnung und Förderung des Seminars relevant. Im Gebäude des Seminars verbergen sich Kulturschätze, die nicht nur für orthodoxe Theologen wertvoll sind. Es ist eine Bibliothek mit über 60.000 Werken von unschätzbarem Wert: Drucke antiker griechischer Philosophen und alte griechische Handschriften. Sie birgt Schätze, die weltweit nur in dieser Bibliothek existieren – da viele Handschriften (nur noch) einmal vorhanden sind. Und diese sind Zeugen der Kirchengeschichte, aber auch der von Byzanz. Das Oströmische Reich, das Weltgeschichte schrieb. Die Bibliothek umfasst eine Sammlungsgeschichte von Photios dem Großen, der im 9. Jahrhundert Patriarch von Konstantinopel war. Er widmete seinem Bruder die sogenannte Myriobiblos (griech. Zehntausend Bücher). 279 Ansichten über Bücher, die er einst las. Seine Notizen zur Lektüre von antiken Klassikern sowie von christlichen und heidnischen Schriftstellern wurden bald weit verbreitet genutzt und werden bis heute als die erste byzantinische Enzyklopädie gesehen. Viele von ihm beschriebene Bücher existieren heute nicht mehr, aber sein Werk hält sie lebendig und ist daher von noch größerer Bedeutung. Er sorgte mit seinen Schriften und Worten für ein erneutes Aufblühen der Literatur und leitete den byzantinischen „Enzyklopädismus“ ein. Mit seinen Werken als Basis wurde immer weiter gesammelt. Jedes Mal, wenn ein Patriarch oder Bischof das Seminar verließ, ließ er seine Bücher zurück. Der Bestand wurde immer reicher und vielfältiger – bis heute: Auch eine enorme Anzahl an zeitgenössische Bücher über Geschichte, Politik, Literatur und Philosophie sind vorhanden.

Heybeliada aus der Luft

Den meisten Menschen sind diese Schätze völlig unbekannt. Daher hat Abt Prof. Dr. Lambriniadis es sich zur Aufgabe gemacht, die Bibliothek einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Doch bisher wurde alles analog auf Zettel geschrieben und in einem Karteikartensystem gesammelt. Ein Problem, das viele Bibliotheken kannten, aber die nötigen Zuschüsse für die Umstellung zu einem elektronischen Katalog bekamen. Neben der Bibliothek gibt es zwei große Depots, die noch gar nicht systematisch erfasst wurden. Man weiß also nicht einmal was noch für wertvolle Bücher auftauchen könnten. Sie werden nun aktuell katalogisiert und anschließend sollen die Bücher Seite für Seite digitalisiert werden und von überall auf der Welt einsehbar sein. Jedem, der sich für die Werke interessiert, sollte diese Möglichkeit geboten werden, um damit arbeiten zu können. Die Lehrunterbrechung seit über vierzig Jahren macht diese Arbeit jedoch sehr schwer. Lambriniadis erläutert dem DTJ, warum die Bücher so lange nicht katalogisiert wurden: “Meine Vorgänger hatten kein Personal, um die Depots zu öffnen und die Bücher zu registrieren. Ich, als ein Professor an der Universität in Thessaloniki, hatte die Chance, ein Erasmus-Programm zu entwickeln und lud Studenten ein, die hier arbeiten und bei der Registration helfen. Wir haben beinahe 70% der bisher unbekannten Bücher bereits katalogisiert.” Aktuell arbeiten und leben 10 Studenten aus Griechenland im Seminar, die durch EU-Gelder gefördert werden, um diese Projekte zu unterstützen.

Drei große Projekte: Elektronische Katalogisierung, Digitalisierung, Restaurierung

Nun folgt die Digitalisierung des Bestands. Für Bibliotheken eine sehr wichtige Arbeit, da sie einige Vorteile mit sich bringt: Sie würde nicht nur allen Menschen mit Internetzugang eine Nutzungsmöglichkeit der Bücher bieten, sie schützt auch die Bücher. Ein ständiges Rein und Raus aus den Regalen beansprucht das Material des Einbands, während des Blättern greift der Schweiß und das Fett der Finger das alte Papier an. Für dieses Projekt sind kürzlich die benötigten Geräte im Seminar angekommen. Allerdings sind vor allem die alten Drucke nicht mehr in dem Zustand, als dass man sie ohne Weiteres digitalisieren könnte. Das Material zersetzt durch hohe Säuregehalte im Papier. Bucheinbände halten die Bücher nicht mehr zusammen. Tiere nagen gemeinsam mit dem Zahn der Zeit an den schönen Werken. Daher liegt vor den Verantwortlichen noch mehr Arbeit: als drittes Projekt steht die Restaurierung der alten Drucke an. Für eine Zusammenarbeit hatte sich glücklicherweise eine viele erfahrene Partnerin gefunden. Zur Vereinbarung (Memorandum of Understanding) mit der Bayrischen Staatsbibliothek in München kam es, da „die Staatsbibliothek eine der bekanntesten Bibliotheken in Europa ist und das Know-how bezüglich Buchrestaurierung besitzt“, so Lambriniadis gegenüber DTJ. Zudem sei er persönlich von dieser Bibliothek sehr beeindruckt gewesen, als er im Jahr 2000 im Rahmen seiner Dissertation dort recherchieren konnte. Während für die Katalogisierung sowie Digitalisierung Finanzierungen und Verantwortliche gefunden wurden, werden für die Restaurierung noch Sponsoren gesucht.

Eine Bibliothek – offen für alle

Ohne die großen Anstrengungen Lambriniadis wären die Schätze weitere Jahrzehnte nur rumgelegen und hätten sich gar noch mehr zersetzt. Diese Werke und die Lehre seien aber grundlegend für Studenten der Theologie, Geschichte, Geographie, Philosophie, Literatur und für alle Fragen rund um die Kirche. Auch der Standort Istanbul ist nicht nur von historischer Bedeuntung, er sollte auch heute ein Ort des friedlichen Miteinander sein: „Wir sind sehr am Islam in Istanbul interessiert. Wer als Geistlicher einen Abschluss hat, sollte den Islam auch sehr gut kennen. Das Patriarchat lebt seit Jahrhunderten in Frieden mit den Muslimen. Sie sind unsere Nachbarn, wir wissen sehr gut, an wen und wie sie glauben. Die Studenten werden hier ein geistiges Sehen erlangen, dass das Patriarchat sehr gute Kenntnisse über den Islam hat.“

Aber nicht nur die Wiedereröffnung des Seminars wäre damit gerechtfertigt. Lambriniadis lädt alle Interessierten über die christlichen Theologen hinaus ein – auch Muslime -, die Angebote der Bibliothek wahrzunehmen. Bei dem wunderbaren Panorama, der frischen Luft jenseits des stressigen Istanbul und einer Pferdekutschenfahrt ein Angebot, das man sich durch den Kopf gehen lassen sollte.