Es würde daher Sinn machen, im Kampf gegen rechtsextreme Ansichten dort repressiv vorzugehen, wo es unvermeidbar erscheint und in der Aufklärungsarbeit stattdessen den Fokus vom Rand auf die Mitte zu richten, ohne dabei aber den Blick auf das Ganze zu verlieren.

Warum? Die Antwort liegt auf der Hand. Das zeigt auch die neue Studie zum Rechtsextremismus, die am Montag in der Zentrale der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin vorgestellt wurde. Sie trägt die Überschrift „Die Mitte im Umbruch” und wird seit 2006 in zwei-Jahres-Abständen fortgeführt.

Das Ergebnis: Kommt darauf an, von welchem Standpunkt man es betrachtet. Manche werden es spektakulär finden, manche werden sagen, dass alles eigentlich nichts Neues wäre. Die Hauptaussage der Studie ist zweifellos eher unspektakulär. Sie besagt: Die Gruppe jener Personen, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild aufweisen, ist gegenüber 2010 leicht gestiegen und liegt nun bei 9 Prozent.

Man ist geneigt zu sagen: Na und!? Sie liegt doch seit Jahren stabil um die 10 Prozent. Schon eine Studie mit eintausend deutschen Kriegsgefangenen, die der amerikanische Sozialwissenschaftler Henry Dicks während des Zweiten Weltkrieges gemacht hatte, förderte zutage: 11 Prozent der deutschen Soldaten waren überzeugte Nazis, der Rest entweder Mitläufer, Unpolitische oder gar Anti-Nazis.

10 Prozent überzeugte Rechtsextreme scheint also mehr oder weniger normal zu sein – auch in anderen europäischen Ländern liegt der Anteil manifest Rechtsextremer zwischen 10 und 15%. Einzelne Elemente des Rechtsextremismus hingegen, wie zum Beispiel Ausländerfeindlichkeit oder Islamfeindlichkeit sind weiter verbreitet als der Anteil derer, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild aufweisen, d.h., bei allen Standbeinen des Rechtsextremismus die Kriterien für diese menschenfeindliche Ideologie erfüllen.

Kampf gegen rechtsextreme Einstellungsmuster als Sisyphusarbeit

Ausländerfeindlichkeit ist bei 25 Prozent der Bevölkerung anzutreffen, wobei dies einen Mittelwert darstellt. Im Westen der Republik liegt die Zahl bei 20, im Osten dagegen bei fast 40 Prozent. Übertroffen wird dieser Wert noch bei der Islamfeindlichkeit. Die Zahlen liegen hier zwischen 50 und 60 Prozent. Interessant ist hierbei: Ausländer- und Islamfeindlichkeit ist in Gegenden höher, wo vergleichsweise wenige Ausländer bzw. Muslime leben.

Was heißt das nun? Oliver Decker von der Universität Siegen, einer der Mitautoren der Studie, erklärt dies zum einen mit der Kontakthypothese, psychologischen und ökonomisch-sozialen Faktoren. Die Kontakthypothese besagt, dass Leute, die weniger Kontakt zu Menschen mit ausländischem Hintergrund haben, eine stärkere Abneigung gegenüber diesen zeigen. Die andere Erklärung geht von rassistisch begründeten Fremdgruppenstigmatisierungen aus, die ihre Ursache wiederum bei psychologischen und ökonomisch-sozialen Ursachen wie mangelndem Selbstwertgefühl oder Zukunftsängsten haben.

Berücksichtigt man diese Faktoren, ähnelt der Kampf gegen Rechtsextremismus einer Sisyphusarbeit. Ein vollständiges Besiegen des Rechtsextremismus erforderte wahrscheinlich eine ideale Gesellschaft, dies es nicht gibt und auch nicht geben kann. Die Schlussfolgerung daraus? Ein vollständiges Besiegen des Rechtsextremismus mag unmöglich sein, Rechtsextreme, wie klein und unbedeutend sie auch sein mögen, wird es wohl immer geben. Einzelne Elemente des Rechtsextremismus sind aber weiter verbreitet und auch eindeutig in Bereichen anzutreffen, die im Gesamtbild nicht rechtsextrem sind. Es ist ein Bereich, wo nicht der rechtsextreme Rand, sondern die Mitte der Gesellschaft angesprochen ist. Deshalb gehört der Fokus eigentlich auf die Mitte gerichtet, nicht auf den Rand der Gesellschaft. Oder?