Verschwörungstheorien als politisches Instrument

„Die einzig fiktive Person dieser Geschichte ist eigentlich die realste von allen und ist denjenigen, die sich immer noch unter uns befinden, sehr ähnlich.“

Der „fiktive“, jedoch „am realsten von allen“ ausgestaltete Charakter, über den Umberto Eco erzählt, ist sein Protagonist Agent Simone Simonini in „Der Friedhof in Prag“. In diesem Roman wird das Abenteuer vom französischen Geheimdienstagenten Simonini erzählt bzw. seiner zweiten Identität, des Abbé Piccola, des Experten für das Fälschen von Testamenten. Er nutzt diese Fähigkeit gegenüber jenen Ländern, die es gerade „benötigen“, vermarktet sie versucht und auf diese Weise, im Europa des 19. Jahrhunderts die Geschichte einer antisemitischen Verschwörung („Die Protokolle der Weisen von Zion“) zu fiktionalisieren und in einen makellosen Zustand zu bringen. Die Wurzel des späteren Holocaust in Europa geht wesentlich auf diese Verschwörungstheorien zurück.

Die von dunklen Orden, geheimnisvollen Verbindungen, Fälschern, unechten Notaren und Geheimdiensten gekonnt ausgedachten und vorbereiteten mystischen Geschichten, um die Öffentlichkeit zu beeinflussen; Putschversuche; gefakte Nachrichten, deren Zweck es ist, ein soziopolitisches Chaos zu verursachen – all dies findet sich im „Friedhof von Prag“ wieder und entfaltet sich förmlich zu einer Art Landkarte des Hasses aus dem Europa des 19.Jahrhunderts. Den Beweggrund für das Schreiben des Romans erklärt Eco folgendermaßen: „Es war an der Zeit, einen Roman über den Hass – das Gefühl, welches weiter verbreitet ist, als die Liebe – zu schreiben. Weiter verbreitet – denn ohne Hass gäbe es keinen Krieg, keine Kriminalität und auch keinen Rassismus.“

Legendenbildung wie im 19.Jahrhundert

Zwischen dem Europa von vor zwei Jahrhunderten, dem heutigen Europa, aber auch der heutigen Türkei gibt es wohl sehr viele Ähnlichkeiten. Die ausgedachten seltsamen Geschichten, Verschwörungen, Theorien und Beschuldigungen, die Hass und Feindseligkeit verursachen, entstehen aus all jenen Konflikten heraus, welche die Machtzentren der Gesellschaften gelegentlich untereinander austragen.
Beim Lesen der Protokolle von Imrali, die von Abdullah Öcalan stammen, erkennt man, dass der PKK-Führer, der jahrelang beschuldigt wurde selbst „Armenier“ zu sein, seinerseits nun andere mit dem selben Vorwurf diskreditiert.

Im Protokoll von Imrali steht: „Ein Autor sagt, ‚Fethullah Gülen hat sich in die Nur-Bewegung eingeschleust‘. ‚Ich bin mir nicht ganz sicher, aber die Kemalisten haben ihn eingeschleust‘. Untersucht die Nur-Bewegung, Said Nursi stammt aus dem Dorf Nurs. Das ist ein altes armenisches Dorf. Er ist in die Teşkilatı Mahsusa (eine Mischung aus Geheimorganisation und Guerillaorganisation des Komitees für Einheit und Fortschritt – İttihad ve Terakki Cemiyeti – im Osmanischen Reich) eingetreten und hat sich später mit Mustafa Kemal überworfen. Fethullah Gülen lebt in den USA. In 120 Ländern hat er Schulen eröffnet, woher bekommt er das Geld? Florida ist das ehemalige Zentrum der Konterguerilla, Türkeş (ehemaliger MHP-Führer) und Lateinamerika haben ihre Konterguerillas dort ausgebildet. Doch das neue Zentrum ist nun Utah.“

Den gleichen verschwörerischen Blick konnte man in einem anderen Artikel finden, der in der linksnationalistischen Zeitung„Cumhuriyet“ erschien. Eine Zeitung, die genau dem Öcalan gegenüberstehenden Lager zuzurechnen ist. In dem Cumhuriyet-Artikel wurden Lügen über Gülen und der Bewegung verbreitet, wobei das Dokument aus dem zitiert wird von dem türkischen Nachrichtendienst stammen soll. In diesem „Dokument“ war die Rede davon, wie der „Imperialismus“ – von der CIA bis hin zur Moon-Sekte – versucht hätte, sich mittels mysteriöser Verbindungen unseres Land zu bemächtigen. Später stellte sich heraus, dass MIT so einen Bericht überhaupt nicht erstellt hat.

Menschen werden umgebracht, Regierungen gestürzt

Jeder kann sich wohl noch an die Geschichten von Juden, europäischen Missionaren usw. erinnern, die angeblich versuchten, die Türkei zu erobern und zu diesem Zweck jetzt schon angefangen hätten, Land zu erwerben. Bis zuletzt schafften es diese Räuberpistolen nicht selten in die TV-Nachrichten und Zeitungen. Jetzt kann sich natürlich niemand mehr daran erinnern, wie auf der Basis solcher Märchen Menschen umgebracht und Regierungen gestürzt werden sollten.

Diese Zeiten scheinen jetzt vorbei zu sein, jedoch erlaubt die Politik keine Atempause, weswegen die alten Geschichten längst durch neue Verschwörungstheorien ersetzt wurden. Jede politische Richtung versucht, „originelle“ Geschichten zu produzieren, um die Gegenseite mit seltsamen Beschuldigungen und Diffamierungen zu diskreditieren. Der Hass, der auf diesem Wege entsteht, durchdringt mit jedem Tag mehr und mehr das politische und gesellschaftliche Leben.

Die Quelle dieser Hetze hat Umberto Eco sehr gut beschrieben: „Der Hass ist im Ganzen kollektiv und sozial. Zum Beispiel kann eine Nation eine andere Nation hassen. Der Hass ist ein Weg, mittels dessen die Diktatoren ihre Gefolgschaft zusammenhalten können und aus diesem Grund bevorzugen Diktatoren auch nicht die Liebe, sondern immer den Hass.

Ich erinnere mich an meine Kindheit, die ich in einem Land verbracht hatte, welches von einem faschistischen Diktator geführt wurde. Uns wurde ununterbrochen beigebracht, andere Länder und Nationen zu hassen, die Franzosen, Engländer, Amerikaner… Die einzige Person, die wir zu lieben ermutigt wurden, war Mussolini. Dass diese Bemühungen nicht erfolgreich waren, darüber bin ich sehr glücklich. Das ist der Grund, warum ich den Roman „Der Friedhof in Prag“ geschrieben habe.“

Dieser Artikel erschien am 3. März 2013 in der türkischen Tageszeitung „Taraf“.