Der türkische Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu will einen unangekündigten Koran-Test bestanden haben, dem ihm ein potenzieller Wähler am Rande eine Wahlkampfkundgebung unterzogen haben soll. Dies behauptet die streng kemalistische Tageszeitung Sözcü am Montag.

„Ich will Dich zwar wählen, aber ich fühle mich damit noch nicht ganz mit mir im Reinen“, soll ein Bürger während einer kürzlich abgehaltenen Veranstaltung in der westtürkischen Provinz Düzce zu Kılıçdaroğlu gesagt haben. Anschließend habe er die Frage gestellt: „Kannst Du die al-Fatiha rezitieren?“ Al-Fatiha, im Arabischen „der Anfang“, ist die erste Sure des Korans.

Kılıçdaroğlu habe daraufhin nach eigener Aussage al-Fatiha rezitiert und danach habe der Mann gesagt: „Jetzt kann ich Dich ruhigen Gewissens wählen.“

Der Vorsitzende der Cumhuriyet Halk Partisi (Republikanische Volkspartei; CHP) sprach diese Begebenheit an, um seine Auffassung zu untermauern, dass es der größten Oppositionspartei gelungen sei, im Laufe des Wahlkampfes zu den Parlamentswahlen vom 7. Juni einige negativen Stereotypen bezüglich seiner Partei zu korrigieren.

Kılıçdaroğlu: „Die CHP ist nicht mehr die Kopftuchverbieter-Partei“

„Wir haben die Wahrnehmung durchbrechen können, wonach die CHP keine Projekte auf die Reihe kriege und nur an Atatürk, Säkularismus und die Einmischung in den Lebensstil der Menschen und ihre Bekleidungssitten interessiert sei“, so Kılıçdaroğlu. „Die AKP hat eine Wahrnehmung geschaffen, als wären wir nicht einmal in der Lage, die al-Fatiha zu rezitieren, als ob niemand außer ihnen selbst eine Religion hätte.“

Der Oppositionsführer zeigte sich auf Grund des Verlaufes der Wahlkampagne zuversichtlich, dass es seiner Partei gelingen würde, auch in Provinzen Parlamentssitze gewinnen zu können, die der Partei 2011 noch unzugänglich blieben. „Düzce, Adapazarı und Sakarya haben mich überrascht“, so Kılıçdaroğlu. „Wir wurden in diesen Provinzen mit unglaublicher Sympathie empfangen.“

Kılıçdaroğlu steht seit 2010 der CHP vor. Trotz mehrmaliger Ankündigungen, er werde bei einer Wahlniederlage seinen Hut nehmen, tritt er auch bei den aktuellen Parlamentswahlen, die am Sonntag stattfinden, als Spitzenkandidat an.