Warum ist Fethullah Gülen so einflussreich?

Die Zeitschrift „Time“ hat in ihrer Ausgabe vom 29. April 2013 die nach eigener Bewertung „100 einflussreichsten Menschen weltweit“ vorgestellt. Einer von ihnen war dabei der Islamgelehrte Fethullah Gülen. In diesem Zusammenhang hat Stephen Kinzer, von 1996-2000 Bürochef der New York Times in Istanbul und Autor des Buches „Halbmond und Stern: Die Türkei zwischen zwei Welten“ (2001) eine kurze Beschreibung des Gelehrten übernommen.

Der Journalist fand in diesem Zusammenhang folgende Worte: „Die Botschaft der Toleranz und des Respekts für Vielfalt, welche er aus einer abgelegenen Ecke in Pennsylvania verbreitet, haben ihm Bewunderer auf der ganzen Welt eingebracht. Die von seinen Anhängern gegründeten Schulen haben sich weltweit in bis zu 140 Ländern verbreitet… In seinem Heimatland, der Türkei, haben die von ihm gegründeten Schulen in der Verwaltung, Justiz und Polizei durch die Absolventen, welche zu höheren Posten gelangen, einen enormen Einfluss. Dies führt dazu, dass er als ein im Schatten stehender Marionettenspieler angesehen wird, wobei er fast genauso so viele Sympathisanten hat wie Kritiker. Allerdings führt er als einer der stärksten Verfechter eines moderaten Islam in der muslimischen Welt eine sehr dringende und wichtige Kampagne.“

Gülen und die Idee der Freiheit

Nach dem ich Kinzers Beschreibung gelesen hatte, überlegte ich mir: Was macht Gülen zu einem der weltweit einflussreichsten Denker? Warum hat er in der Türkei genauso viele Anhänger wie Kritiker? Für mich sind die Antworten auf diese Fragen sehr deutlich. In der Türkei und überall auf der Welt gibt es Menschen, die fundamentalistische und bigotte Interpretationen über den Islam und Bemühungen, aus dem Islam eine totalitäre Ideologie zu machen, nicht beachten. Diese Millionen Menschen wollen auf der einen Seite an die moralischen und sozialen Werte, welche die Religion eingibt, gebunden bleiben. Auf der anderen Seite wollen sie in einer Welt leben, in der die Idee und der Freiheit Fuß gefasst hat, in der an diese Freiheit geglaubt wird und wo auf dieser Basis unterschiedliche Identitätsvorstellungen und Glaubensrichtungen respektiert werden; wo die Bildung den Platz der Ignoranz eingenommen hat und wo sowohl der Religion als auch der Wissenschaft gegenüber Respekt gezeigt wird und das Arbeiten und der Erfolg gefördert und geschätzt werden.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist zweifellos auch die Tatsache, dass Gülen ein aus der sufi-islamischen Volkstradition stammender Denker ist. Wenn innerhalb dieser Tradition nun Said Nursi derjenige war, der den Sufi-Islam in die moderne Ära getragen hat, ist Fethullah Gülen die Person, welche diesen in Anbetracht der zunehmend sich liberalisierenden und globalisierenden heutigen Welt interpretiert. War Nursi der Führer einer religiösen Gemeinschaft, gilt Gülen als die Quelle einer glaubensorientierten zivilgesellschaftlichen Bewegung, der „Hizmet-Bewegung“.

In Übereinstimmung mit den von Gülen verkörperten Werten sichert heute die Hizmet-Bewegung mithilfe der auf 140 Länder verteilten Schulen – welche durch die Qualität ihrer Bildung Respekt innerhalb der gesamten Gesellschaft erlangt haben -, dass die Türkei „Brücken des Friedens“ mit der Welt gründet. Außerdem leistet sie einen Beitrag zur Schaffung einer modernen Wirtschaft in der Türkei und unterstützt die Sicherung einer liberalen und pluralistischen Demokratie im Einklang mit den religiösen Werten der Muslime.

Dezentralisierung und Freiwilligkeitsprinzip

Das Geheimnis hinter dem Erfolg der Gülen-Bewegung ist nicht eine zentrale und hierarchische Struktur – sondern ganz im Gegenteil beruht das Modell auf Dezentralisierung und dem Prinzip der Freiwilligenarbeit. Zweifellos gibt es heute unter politischen und wirtschaftlichen Führungspersönlichkeiten, Mitgliedern der Justiz und der Polizei auch nicht wenige Absolventen von Schulen der Hizmet-Bewegung und Personen, welche die Lehren Gülens respektieren. Davon auszugehen, dass diese Menschen nach irgendwelchen Anweisungen handeln oder Gülens Einfluss hiermit in Verbindung zu bringen, ist jedoch nichts anderes als eine Verschwörungstheorie.

Ja und es gibt natürlich auch andere, „Kritiker“, die Gülen davon abhalten, in Ruhe in seiner Heimat leben zu können. Diese unterschiedlich motivierten, autoritären Säkularisten sehen hauptsächlich den Islam als Hauptfeind einer von ihnen angestrebten Modernisierung an und gehen davon aus, dass er im Gewissen inhaftiert, vom gesellschaftlichen Leben vollständig entfernt werden müsse. Es ist offensichtlich, dass der Kemalismus in diesen Zusammenhängen immer noch stark vorhanden ist.

Autoreninfo: Şahin Alpay
 (*1944 in Balıkesir) ist ein türkischer Schriftsteller, Kolumnist und Buchautor. Der Politikwissenschaftler promovierte an der Universität Stockholm in Schweden. Nachdem er für Cumhuriyet, Sabah und Milliyet gearbeitet hatte, schreibt er heute Kommentare für Zaman.