Can Dündar aus der Haft entlassen

Von Mustafa Üyrüs

GASTBEITRAG Die suggestive Verwendung von Schlüsselbegriffen, die auf ein imaginäres Feindbild hindeuten, ist ein typisches Phänomen des politischen und journalistischen Jargons in autokratischen Regimen.

Ein Blick in die türkischen Zeitungsarchive der frührepublikanischen Ära wird zeigen, wie bestimmte, unvollständig definierte Begriffe über Jahre hinweg wiederholt wurden, um die Angst vor einer unbekannten Gefahr, die mit diesem Wort in Verbindung gebracht wird, ständig wach zu halten. Eines dieser Wörter, die zu den unverzichtbaren Elementen in der Terminologie von kemalistischen Propagandisten gehörte, lautet: „irtica“.

Die kemalistische Hegemonie und „Irtica“

Dabei handelt es sich um die Übersetzung des französischen Begriffs réaction, der während der Französischen Revolution von den Jakobinern zur Beschreibung der reaktionären Haltung der Monarchisten verwendet wurde. Doch mehr als an der genauen Definition des Begriffs war die kemalistische Hegemonie daran interessiert, welche Vorstellungen dieses Wort in den Köpfen der Zivilbevölkerung hervorrief. Und dabei wollte man die Definitionsspanne keineswegs zu eng setzen.

Denn mit irtica bezeichnete man nicht nur, der genauen Begriffsdefinition entsprechend, einen radikal-konservativen, rückständigen Lebensstil, der sich der Moderne, der Wissenschaft, der Republik und Demokratie widersetzt und darauf bedacht ist, das bestehende politische System durch eine „islamische Herrschaftsform“ zu ersetzen. Auch Muslime, die keine politischen Ambitionen vertraten, sich für Wissenschaft und Rationalität einsetzten und für die Demokratie aussprachen, wurden gezielt mit dem Begriff irtica stigmatisiert.

Bei dieser generalisierenden Propaganda der Kemalisten handelte es sich nicht, wie oftmals behauptet, um die Bekämpfung einer nicht-zeitgemäßen und radikalen Auslegung des Islam, sondern des Glaubens im Allgemeinen als Resultat einer jakobinisch-laizistischen Weltanschauung. Die primäre Lehre, die die Kemalisten aus der französischen Revolution gezogen hatten, war nämlich nicht die Verbreitung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Gesamtbevölkerung, sondern der Trugschluss, dass der Glaube an sich eine reaktionäre Weltanschauung, ein Hindernis vor der Moderne darstelle und aus dem Weg geräumt werden müsse. So waren es nicht nur die Muslime, die in der Türkischen Republik jahrelang unter der systematischen Einschränkung ihrer Rechte und Freiheiten leiden mussten, sondern auch zahlreiche andere nicht-muslimische religiöse Minderheiten.

Erdoğan lernt von den Kemalisten

An diesem Zustand hat sich auch nach der Machtübernahme Recep Tayyip Erdoğans und der Transformation der AKP-Regierung in ein religiös-autokratisches Regime nichts geändert.

Eine neue Art des fanatischen Personenkultes um das Staatsoberhaupt (oder den „Oberbefehlshaber“), wie er bereits seit Gründung der Türkischen Republik vorherrschte, hat sich in den letzten Jahren auch innerhalb der muslimischen Community Anatoliens gebildet. Paradoxerweise gibt es in der Haltung der AKP-Anhänger gegenüber politisch und ideologisch Andersdenkenden Gemeinsamkeiten zu ihren kemalistischen Kontrahenten.

Tatsächlich hat sich im Vergleich zu früher nur das Vokabular geändert, das zur Dämonisierung von kollektiven „Staatsfeinden“ verwendet wird. Auf das Wort irtica werden Sie heute in der türkischen Medienlandschaft kaum mehr treffen. Denn die Elite, die sämtliche Machtstrukturen sowie die Presse unter Kontrolle hat, folgt nicht mehr den Prinzipien des Kemalismus, sondern einer neuen, sozusagen erdoganistischen Ideologie.

Doch entgegen ihrer überspitzten Bemühung um ein muslimisch frommes Erscheinungsbild haben auch diese neuen Staatseliten, ähnlich wie ihre säkularen Vorgänger, „Geheimnisse“, die sie durch mediale Konditionierung und Aufmerksamkeitslenkung vor der Öffentlichkeit verbergen muss. Korruption, Unterstützung militanter Extremisten, Misserfolge in der Außen- und Wirtschaftspolitik… Dafür haben sie ein neues und in der Regierungspresse nahezu omnipräsentes Feindbild erschaffen: „FETÖ“!

„Nicht wir, sondern … ist an allem schuld“ lautet der Satz, der den Oligarchen in autokratischen Regimen schon seit jeher zu Hilfe kam. Die Kemalisten füllten die Lücke jahrelang mit irtica, Erdoğan und seine Gefolgsleute füllen sie nun mit „FETÖ“. Ob die Definition des Begriffs „Terrororganisation“ auf die Adressaten dieser Bezeichnung, den Anhängern der Hizmet-Bewegung, zutrifft oder nicht, spielt für die Propagandisten zunächst einmal überhaupt keine Rolle. Den Kemalisten hat irtica schließlich auch über Jahre hinweg stets aus der Misere geholfen, ohne dass der Durchschnittsbürger wusste, worum es sich dabei wirklich geht. Ob und inwieweit Anhänger der Bewegung sich schuldig gemacht haben, muss im Einzelfall untersucht werden. Doch wie bereits Gustav Le Bon bereits 1911 schrieb, ist in der Massenpsychologie schließlich nicht die Rationalität, sondern die Emotionalität ausschlaggebend!

Dündars Abneigung gegen religiöse Frömmigkeit

Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum Kemalisten ebenfalls auf das Propaganda-Konstrukt „FETÖ“ zurückgreifen, obwohl sie doch sicherlich wissen, zu welchem Zweck es von Erdoğan ins Leben gerufen wurde.

Die Versuchung in Teilen des kemalistischen Lagers ist offensichtlich riesig, wenn es um die Stigmatisierung zumindest eines Teiles der muslimischen Bevölkerung geht. Wenn nicht mehr irtica, dann ist es eben „FETÖ“, der einem die Möglichkeit bietet, der persönlichen Abneigung gegenüber den Vertretern einer religiösen Frömmigkeit Ausdruck zu verschaffen, die es auch noch „wagen“, sich für Demokratie, Vielfalt und Bildung auszusprechen. Möglicherweise kommen dem ein oder anderen Kemalisten beim Anblick der Studentinnen, Lehrerinnen oder Ärztinnen mit Kopftuch, die täglich reihenweise in die Verhörzellen gebracht werden, sogar nostalgische Erinnerungen aus den 90er Jahren in den Sinn…

Zumindest ist dies meine subjektive Erklärung dafür, warum jemand wie Can Dündar die „FETÖ“-Rhetorik zu einem festen Bestandteil seiner Artikel und Tweets macht und damit nicht verurteilte Menschen gemäß dem AKP-Narrativ als Teil einer terroristischen Gruppierung verleumdet. Dass er selbst Opfer einer Verleumdungskampagne der AKP ist, scheint er dabei zumindest für einen Moment zu vergessen.


Mustafa Üyrüs ist Lehramtskandidat (Gymnasium) für die Fächer Deutsch, Sozialkunde und Islamische Religionslehre. Er studiert an der Uni Erlangen und ist wohnhaft in Fürth.