Warum will die UNESCO Aleppo nicht sehen?

Von Iskender Pala*

Die (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation), zu deutsch Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, soll eine Institution darstellen, die dem Wohle der Menschheit dient. Sie ist mit dem Ziel gegründet worden, unter dem Eindruck des im Zweiten Weltkrieg zerstörten kulturellen Erbes der Welt auch zum Schutz gefährdeter Kulturschätze zu agieren.

Ihre Zentrale befindet sich in Paris, wobei auffällt, dass das -Komitee der Organisation die aktivste Phase seit seiner Gründung erlebt und fast jährlich Gedenkveranstaltungen für Personen, Institutionen und Ereignisse veranstaltet, die mit der türkischen Kultur und Zivilisation in Verbindung gebracht werden können. Als Beispiel kann man hier anmerken, dass im Jahr 2012 Dichter Nabi, Komponist Itri und Seefahrer Piri Reis in die Bücher eingegangen sind und Zugang in die Weltliste der geehrten Persönlichkeiten gefunden haben. Jetzt könnte man meinen: „Ist doch toll, wo liegt das Problem?“ – Das Problem ist auch nicht das -Komitee, das Problem ist die UNESCO selbst. Die Gründe sind Kairo, Alexandria, der Jemen, Damaskus und unbestrittenermaßen auch und vor allem .

Wenn das Wissen und die Kultur der Welt die Hauptaugenmerke der UNESCO sein sollen, warum unternimmt sie dann nichts, um die Beschädigungen und Plünderungen durch unachtsam Kämpfende am Markt, in den Museen und Bibliotheken der Stadt aufzuhalten, wie man es damals auch in Bagdad gemacht hatte? Wenn Menschen sich bekriegen, dann sterben einige von ihnen, im schlimmsten Fall wird eine Generation ausgelöscht. Aber wenn Menschen kämpfen, ohne die Kultur zu achten, dann gerät die Zukunft eines ganzen Volkes in Gefahr, eine Zivilisation droht ausgelöscht zu werden.

Was heute in der arabischen Welt und speziell in passiert, offenbart genau diese Form der Ignoranz – obwohl die UNESCO das Recht hätte, dem kriegerischen Treiben ein Ende zu setzen. Sie hat die Haager Konvention zum Schutz von bei bewaffneten Konflikten ins Leben gerufen, eine Satzung und ein Protokoll dazu erstellt. Unter den Ländern, die dieser Konvention zugestimmt haben, befinden sich sowohl die Türkei als auch . Das bedeutet, dass die Unterzeichnerstaaten wie auch die UNESCO dafür verantwortlich sind, das kulturelle Erbe zu schützen bzw. Sanktionen gegen vertragsbrüchige Parteien zu verhängen. Das heißt im Umkehrschluss: Wenn seine Pflicht nicht erfüllt, dann kann die UNESCO sie zur Erfüllung veranlassen, durch aktives Tun oder Duldung. In diesem Fall wäre es die Aufgabe der UNESCO selbst, die als Weltkulturerbe ausgezeichneten Werke und Stätten in Aleppo vor eventuell auftretenden Schäden zu schützen.

Wo aber ist die UNESCO? In Kapitel 1.1 der Haager Konvention wird definiert, wobei es sich um ein „Kulturgüter“ handelt. Dies können „z.B. Bau-, Kunst- oder geschichtliche Denkmäler kirchlicher oder weltlicher Art, archäologische Stätten, Gruppen von Bauten, die als Ganzes von historischem oder künstlerischem Interesse sind, Kunstwerke, Manuskripte, Bücher und andere Gegenstände von künstlerischem, historischem oder archäologischem Interesse sowie wissenschaftliche Sammlungen und bedeutende Sammlungen von Büchern, von Archivalien oder von Reproduktionen des oben umschriebenen Kulturguts“ sein. In 1.4 heißt es: „Die Hohen Vertragsparteien verpflichten sich, das auf ihrem eigenen Hoheitsgebiet oder auf dem Hoheitsgebiet anderer Hoher Vertragsparteien befindliche Kulturgut zu respektieren, indem sie es unterlassen, dieses Gut, die zu dessen Schutz bestimmten Einrichtungen und die unmittelbare Umgebung für Zwecke zu benutzen, die es im Falle bewaffneter Konflikte der Vernichtung oder Beschädigung aussetzen könnten, und indem sie von allen gegen dieses Gut gerichteten feindseligen Handlungen Abstand nehmen.“

Art. 8.1 besagt, dass „eine begrenzte Anzahl von Bergungsorten zur Unterbringung beweglicher Kulturgüter bei bewaffneten Konflikten, von Denkmalzentren und von anderen sehr wichtigen unbeweglichen Kulturgütern unter Sonderschutz gestellt werden können.“
Im Hinblick auf Aleppo müsste daher auch Art. 10 der UNESCO zu denken geben: „Während eines bewaffneten Konflikts ist das unter Sonderschutz stehende Kulturgut (…) einer internationalen Überwachung (…) zugänglich zu machen.“ Selbst für Auseinandersetzungen nichtinternationalen Charakters gibt es klare Richtlinien: „Im Falle eines bewaffneten Konflikts, der nicht internationalen Charakter hat und innerhalb des Gebietes einer der Hohen Vertragsparteien ausbricht, ist jede in den Konflikt verwickelte Partei verpflichtet, mindestens diejenigen Bestimmungen dieses Abkommens anzuwenden, die die Respektierung von Kulturgut betreffen.”

Es darf die Frage gestattet sein, ob die UNESCO je etwas unternommen hat, um das unschätzbare kulturelle Erbe zu erhalten, das während der anhaltenden Konflikte im gesamten Bereich des Nahen Ostens beschädigt oder gar zerstört worden ist. Ignoriert sie etwa die Kanonen und Kugeln, die derzeit den Kulturgütern wie der Zitadelle von Aleppo, ihrem historischen Stadtkern, Ferafire oder Suveyka, dem Kloster von Saint Simon, dem historischen Bimaristan, den unzähligen Moscheen, Kirchen, Brunnen und Schreinen oder auch nur einem herkömmlichen Haus in der Altstadt erheblichen Schaden hinzufügen?

Es stellt sich die Frage, ob die UNESCO die gleiche Ignoranz gegenüber Aleppo zeigen würde, wenn es sich mehrheitlich nicht um muslimische, sondern christliche Kulturgüter; oder wenn es sich nicht um Aleppo, sondern um Paris handeln würde?

Ich persönlich wäre hochgradig beunruhigt, wenn auch nur ein Mosaikstein des historischen Erbes in Paris, London, Wien oder Prag auch nur verrückt wird. Sind aber die UNESCO-Vertreter gleicher Meinung? Wenn ja, wie können sie dann der Zerstörung der Kultur in Aleppo, Damaskus, Kairo und Alexandria tatenlos zusehen?

*Iskender Pala ist Literatur-Professor und Bestsellerautor. Er ist auch als Kolumnist für „Zaman“ tätig. Speziell gehört das Osmanische Reich zu seinem Interessens- und Forschungsgebiet, sein vor zwei Jahren erschienener Roman „Şah ve Sultan“ war 2010 das meistverkaufte Buch in der Türkei. Darin behandelt Pala die historische Auseinandersetzung zwischen dem osmanischen Sultan Selim I. und dem Begründer der Safawiden-Dynastie, Şah Ismail.