KOLUMNE In der Türkei ist Wahlkampf. Im westtürkischen Düzce ist es laut Kemal Kılıçdaroğlu zu einem Vorfall gekommen, der viel aussagt über das Land.

Was passiert ist?

Ein Wähler hält Kılıçdaroğlu, Vorsitzender der Oppositionspartei CHP, an und unterzieht ihn einem spontanen Test:

„Ich will Dich zwar wählen, aber ich fühle mich damit noch nicht ganz mit mir im Reinen. Kannst Du die Sure al-Fatiha rezitieren?“ Als Kılıçdaroğlu nach eigenen Angaben diese Prüfung besteht, antwortet der Mann: „Jetzt kann ich Dich ruhigen Gewissens wählen.“

Für hiesige Verhältnisse ist das ein ungewöhnlicher Vorfall. Doch bezeichnend für die Türkei. In diesem Dialog verdichtet sich das ganze Problem der Türkei: Warum die AKP trotzt der Skandale immer noch als stärkste Kraft aus den Wahlen hervorgehen wird, warum die Opposition bisher nicht punkten konnte.

Die AKP sollte eine große Lehre sein

Einerseits zeigt dies, dass es zu Bewegung kommt im Wahlverhalten. Auch – wenn auch oberflächlich – religiös ausgerichtete Menschen können sich mittlerweile vorstellen, die CHP zu wählen, siehe Beispiel oben. Bislang galt die CHP als Partei der abgehobenen, säkularen Schichten. Sie galt als eine Partei, die die Religion bekämpft. Die Angst vor dieser Partei saß und sitzt so tief.

Andererseits zeigt das Beispiel einen problematischen Zustand. Was geht den Wähler der Glaube eines Politikers an? Ein Politiker sollte vor allem eine Sache gut machen: Die Zustände im Land verbessern und dabei die Rechte anderer achten, Respekt vor der Demokratie haben.

Wir sehen jetzt auch: Auch die Kenntnis der Koran-Suren, eine offen zur Schau gestellte Religiosität ist noch keine Garantie dafür, dass man es mit einem Menschen zu tun hat, der Abwehrkräfte gegen Korruption besitzt, dessen Gewissen immer noch ein Lebenszeichen von sich gibt, das Recht respektiert und andere Menschen achtet.

Religion und Politik sind zwei verschiedene Dinge. Durch die Instrumentalisierung des Glaubens kommen wir nicht weit. Vor allem in der Türkei, wo zwar die Mehrheit dem sunnitischen Islam angehört, wo es aber auch unzählige Minderheiten gibt, die respektiert werden müssen. Es ist nicht die Aufgabe der Politik, den Glauben der Menschen zu kontrollieren oder ihnen diesen beizubringen, es ist ihre Aufgabe, die Möglichkeiten zu schaffen, damit jeder seinen Glauben frei und ohne Druck praktizieren kann.

Kılıçdaroğlu hätte antworten sollen

Kılıçdaroğlu soll den Test bestanden haben. Das ist schön für ihn und wahrscheinlich gut für die Normalisierung der Türkei. Aber die Türkei muss aus den schmerzvollen Erfahrungen mit der AKP die notwendigen Lehren ziehen. Solch ein Test sollte der Vergangenheit angehören. Heute fragt man ja die Schüler in Deutschland ja auch nicht danach, welches Nachbarland der Erzfeind von Deutschland ist. Diese Fragen sind heute einfach überholt.

Die Türkei sollte und muss an einen Punkt gelangen, an dem sich der Wähler nicht traut und auch nicht mehr für notwendig erachtet, einen Politiker nach seinem Innersten, nach seiner Glaubenswelt auszufragen. Sie sollte zu einem Land werden, in der Kılıçdaroğlu antworten könnte: Lieber Wähler, bitte schau Dir unsere Politik an, aber meine Glaubenswelt geht Dich nichts an!