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Bedrohung jüdischer Mitschüler, Brennende Israel Fahnen, unangemessenes Verhalten an NS-Gedenkstätten und antisemitische Raptexte – die Liste von Antisemitismus-Fällen bei Muslimen in Deutschland wird immer länger. Ist der Antisemitismus bei Muslimen kulturell verwurzelt oder woher kommt er?

Kritisch und „beunruhigt“ über den (wachsenden) Antisemitismus in Deutschland äußerte sich in seiner Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2018 Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Der Fokus seiner Rede richtete sich auf einen bestimmten Aspekt – die Multikulturalität in Deutschland. Die Rede nimmt an einer Stelle eine klare Kontur in Bezug auf Mitbürger mit Migrationshintergrund an:

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„(…) auch für jene, für die die deutsche Vergangenheit nicht die eigene ist. Auch für jene, die hier oder anderswo vielleicht selbst Ablehnung und Diskriminierung erfahren mussten. Sie sind in eine Verantwortungsgemeinschaft eingewandert. So hat es Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede vor diesem Haus genannt. Damit sind Verpflichtungen verbunden. Wer hier leben will, muss sie akzeptieren. Darauf bestehen wir.“

Antisemitismus auch für Deutsch-Türken No-Go

Wie in einem Ehebund, geht nach Gauck also auch mit der Immigration nach Deutschland eine Aufnahme der Schuld und der gleichzeitigen Aufarbeitung einher. Jedoch weisen die Muslime aus ein paar Gründen die Annahme einer Verantwortung von sich, weil ihr nationaler Bezugsrahmen nicht kongruent mit der deutschen Narrative und dem Selbstverständnis einhergeht. Die meisten fühlen sich immer noch mehr als „Türke“, „Araber“ usw., als Außenseiter, obwohl sie mittlerweile weniger mit der Bevölkerung aus den Herkunftsländern gemein haben. Sie fühlen sich auch nicht als Deutsche, die für sie die (Allein-)Täter der NS-Gräuel gewesen sind, den Holocaust alleine geplant und durchgeführt haben und bei einem Erfolg Israel heute nicht existieren würde. Diese Art der Argumentationsweise ist antisemitisch, fußt jedoch weder auf der islamischen Lehre, Kultur noch Geschichte.

Der Nationalsozialismus und die Muslime

Die Muslime haben in der historischen Dimension einen größeren Bezug zum Nationalsozialismus, als man glaubt. In der historischen Forschung wird dargelegt, dass das NS-Regime sehr viel unternahm, um Muslime als Verbündete zu gewinnen und sie zum Kampf gegen (angeblich) gemeinsame Feinde zu rekrutieren. Die vielen Fronten, die der Zweite Weltkrieg aufwies, waren auch Fronten an denen Muslime kämpften. Zwar war der Erste Weltkrieg der entscheidende Krieg, in der die muslimischen Staaten, allen voran das Osmanische Reich, involviert waren. Bei ihm entschied sich auch Schicksal der muslimischen Welt im Nahen und Mittleren Osten bis heute. Die Insolvenzmasse des Osmanischen Reiches wurde durch die europäischen Groß- und Kolonialmächte aufgeteilt und schuf so Konfliktherde, die bis in unsere Zeit ungelöst sind und immer gravierende soziopolitische Probleme generieren– wie z.B. auf dem Balkan, in Palästina und im Nahen Osten.

Im Zweiten Weltkrieg rekrutierte die Wehrmacht und die SS zehntausende Muslime, die an allen Fronten eingesetzt wurden. Motiviert durch religiöse Zugeständnisse, wurden sie gleichzeitig durch Militärimame indoktriniert.  In Afrika suchte man Kontakt zu religiösen Geistlichen, vor allem zu den Führern der einflussreichen Bruderschaften, um sie für den Guerilla-Kampf in der Wüste zu gewinnen. Doch auch die Muslime waren unmittelbar in den Krieg involviert worden. So kämpfte der Sanusi-Orden mit den Briten zusammen gegen die Italiener – den Verbündeten Deutschlands.

Nazi-Deutschland erklärte sich zum Schutzherrn des Islam in Südosteuropa. So wie im Ersten Weltkrieg Max von Oppenheim die Idee des Dschihad als Mobilisierungsidee in der islamischen Welt gegen die Westmächte populär machte, wiederholte sich nun das politisch motivierte Bündnis der deutschen Regierung mit Muslimen. Seit 1942 war der Balkan in einen ethnisch-religiösen Bürgerkrieg zwischen Kroaten und Serben versunken. Nachdem auch die Muslime in die Einheiten der provisorischen Regierung eingebunden wurden, machte man sie zur Zielscheibe. Zehntausende wurden Opfer von Vergeltungsschlägen. Führende muslimische Repräsentanten wandten sich an die Deutschen und baten um muslimische Autonomie unter deutscher Schutzherrschaft. Sie bekundeten sogar ihre „Liebe und Loyalität“ zu Hitler und boten ihre Dienste im Kampf gegen das „Judentum, Freimaurertutm, Bolschewismus, und die englische Ausbeutung“ an. 1943 ging der Mufti von Jerusalem im Auftrag der Nazis auf eine Rundreise durch den Balkan. Er sollte muslimische Führerpersönlichkeiten treffen und zu einem Bündnis mit Nazi-Deutschland aufrufen. Die Hoffnung muslimischer Führer bestand darin, dass das NS-Regime ihnen helfen würde einen muslimischen Staat zu gründen. Das Ende barg für die Muslime aber eher ein bitteres Desaster, als einen Sieg – über eine Viertelmillion kamen in der Region ums Leben.

Auch auf der gegnerischen Seite der Alliierten waren die Muslime auch gerne eingesetzte Soldaten. Sie kämpften in den Reihen der Briten, Franzosen und die Sowjets. Allein aus Nordafrika kämpfte eine Viertel Million Muslime in der Freien Französischen Armee.

So wurden die Muslime, ähnlich wie im Ersten Weltkrieg, zu einem Spielball der Großmächte, während der politische Islam nicht zwischen Nationalsozialisten oder Kolonialherren trennte, sondern mit beiden paktierte, um dem Ziel einer islamischen Nation oder Staates, in unterschiedlichen Regionen, näherzukommen. Doch dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Vielmehr steigerte er die Opferzahlen in den eigenen Reihen. Noch schlimmer ist es aber, dass sie nicht nur zu Opfern, sondern auch teilweise zu Mittätern wurden.

Und der Holocaust? Bis auf die Regierungsebene, wusste die Bevölkerung in der Türkei, im Iran oder im Maghreb wahrscheinlich wenig über das Schicksal der Juden. Doch was hätten sie tun sollen und müssen? In vielerlei Hinsicht wären sie eigentlich in der Pflicht gewesen, sich den Gräueln des NS-Regimes zu widersetzen. Aber de facto nicht in der Lage und auch nicht bereit, außerhalb der politisch-militärischen Möglichkeiten, die ihnen die Großmächte vorgaben, auszutreten.

Muslime als „erinnerungspolitischer Störfall“

Während die NS-Vergangenheit zu einem „Fluchtpunkt“ in der Eigennarrative beider deutscher Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde, bei dem sich die DDR in ihrem Selbstverständnis als das „bessere“ Deutschland mithilfe eine „teleologischen Überwindungserzählung“ inszenierte, versuchte die Bundesrepublik die NS-Vergangenheit als dunkles Kapitel zu überspringen. Man hatte in der Bundesrepublik seit dem Eichmann-Prozess 1960/61,  Adornos Rundfunkvortrag vom 18.April 1966, den Ausschwitzprozessen Fritz Bauers 1963-66 die öffentlich-politische eine tiefgreifende Aufarbeitung begonnen und die Debatte wurde über „Täterschaft und Verantwortung“ in der Öffentlichkeit ausgetragen.  Nach der Wiedervereinigung wurde das Gedenken in der politischen Öffentlichkeit etabliert und trug zur Institutionalisierung von Gedenk- und Mahnstätten bei.

Mit den neuen Antisemitismus-Fällen bei Muslimen werden wiederum diese zu einem öffentlich-medialen Hotspot, an der sich die historisch-politische Debatte erneut entzündet. Der Diskurs suggeriere, so Dr. Elke Gryglewski, Mitarbeiterin in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, dass die „deutsche Mehrheitsgesellschaft sozusagen ihre Hausaufgaben gemacht hat, sich diesem Thema widmen würde.“ Die Muslime werden, mit Worten Navid Kermanis zu sprechen, als „erinnerungspolitischer Störfall“ betrachtet. Als sei Antisemitismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausgerottet und erst mit der Flüchtlingswelle wieder ins Land geschwemmt worden. Dies hat erst jüngst Bundeskanzlerin Merkel konkretisiert, als sie sagte, dass man neue Phänomene durch die Flüchtlinge bekommen habe, aber Antisemitismus schon vor der Ankunft dieser gegeben habe.

Ebenso sei der Vorwurf, Schüler mit Migrationshintergrund, vor allem die mit muslimischem Hintergrund, verhielten sich in Gedenkstätten unangemessen, nicht auf die Unterschiedlichkeit der kulturellen Wurzeln, sondern auf die mangelnde Vor- und Nachbereitung  zurückzuführen. Ihre Erfahrung zeige, dass bei einer Vorbereitung in Gedenkstätten Jugendliche, egal welcher Herkunft, das Angebot gleichermaßen annehmen.

Der Antisemitismus in der islamischen Welt wird historisch undifferenziert wahrgenommen. Es handelt sich vielmehr um einen politisch motivierten Antisemitismus, der unmittelbar mit der Gründung des Staates Israel 1948 zu tun hat. Der Orientalist Bernard Lewis schreibt dazu:
„ (…) Von 1933 an machten Nazi-Deutschland und seine verschiedenen Auslandsvertretungen und Geheimdienste einen konzentrierten und bemerkenswert erfolgreichen Versuch, den europäischen Antisemitismus auch in der arabischen Welt zu verbreiten.“
Bis heute flammt der Antisemitismus bei jeder Auseinandersetzung auf und erzeugt seismische Wellen, die bis in die westlichen Länder reichen.

Tatsächlich stehen heute Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund bezüglich der Erinnerung und Aufarbeitung des NS-Regimes und seiner Gräueltaten auf einer Stufe. Die Frage: „Was hat das (noch) mit mir zu tun?“ stellt sich Menschen in Deutschland gleichzeitig, nur aus einem anderen Beweggrund. Oder wie es Kermani formuliert: „Schwieriger zu vermitteln wird es künftigen Deutschen sein, Auschwitz nicht nur als Menschheitsverbrechen, sondern als eigene Geschichte zu begreifen, nicht nur als Vergangenheit, sondern als Verantwortung Deutschlands.“ Deshalb müssen der Nationalsozialismus und der Holocaust gerade in der Schule und auch Außerschulischen Lernort behandelt werden und bleiben eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe über viele Institutionen hinweg.

„Und sucht nicht eine Stütze bei denen, die Unrecht tun, sonst erfaßt euch das Feuer.“

In kultureller Hinsicht waren Muslime und Juden in der islamischen Welt immer gute Mitbürger und Nachbarn gewesen. Die Juden, sowie die Christen, waren die Angehörigen der Schriftreligionen und in islamischen Ländern de jure sog. dhimmis – priviligierte Untertanen. Die muslimischen Herrscher hatten sich stets um den Schutz und die (religiösen)Autonomie der jüdischen Minderheiten bemüht, so dass viele jüdische Flüchtlinge eine bedeutende Rolle auf technischem, wirtschaftlichem und medizinischem Gebiet spielten. Sie trugen zur Entwicklung des Theaters und des Buchdruckes bei oder waren kenntnisreiche Übersetzer, die es im Osmanischen Reich sogar bis zum höchsten Ministerposten – dem Amt des Sadrazam – schaffen konnten. Pogromen wie zu Zeiten der Kreuzzüge blieben ein europäisches Phänomen.  Juden lebten in den muslimischen Ländern im Mittelalter bis in die Neuzeit sicherer als in Europa. Mehmed der Eroberer lud die sephardischen Juden nach der Reconquista auf der iberischen Halbinsel nach Istanbul ein und versprach ihnen Schutz und Handelsrechte. Bis heute leben Nachfahren dieser Minderheit in der Türkei.

Die Türkei war auch im Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Ort für jüdische Exilanten aus Europa gewesen. In Ankara und in Istanbul fanden deutsche Juden Zuflucht und Arbeit. Viele von ihnen zogen, nachdem sie viele wertvolle Dienste in dem neuen Land geleistet hatten, nach Israel. Wenige fanden zurück in die deutsche Heimat. Die türkische Regierung paktierte politisch gesehen nicht und lehnte Kriegsbündnisse mit dem NS-Regime ab. Sehr wohl florierte jedoch der wirtschaftliche Handel mit dem kriegshungrigen Deutschland. So verwundert es nicht, dass die Türkei erst gegen Ende des Krieges, als die Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten absehbar wurde, diesem offiziell den Krieg erklärte.

Allein aus religiöser Sicht hätten die Muslime die Pflicht gehabt das NS-Regime zu boykottieren und sich zu widersetzen. Nicht nur, dass Moses als einer der größten Propheten im Koran und die Thora als heilige Schrift verehrt wird, besagt der Koran-Vers (Hud 113): وَ لاَ تَرْكَنُوا اِلَى الَّذِينَ ظَلَمُوا فَتَمَسَّكُمُ النَّارُ . „Und sucht nicht eine Stütze bei denen, die Unrecht tun, sonst erfaßt euch das Feuer.“ Wer Grausamkeiten, wie z.B. die der Nationalsozialisten, akzeptiert, der befürwortet sie. Auch der Prophet Mohammed hob die besondere Rolle der von Christen und Juden für Muslime empor. Er werde, so heißt es in Überlieferungen, dass er am Tag des Jüngsten Gerichts das Unrecht, das von Muslimen an Juden und Christen verübt wurde, vergelten werde.

Aus dieser Perspektive dürfte aus kultureller, religiöser und menschlicher Perspektive kein Muslim (und kein Mensch) die Gräueltaten während des NS-Regimes (aber auch heute und in Zukunft) gutheißen, außer er möchte sich auf die Seite der Täter stellen, die gewiss keine islamische sein kann. Deshalb bleibt auf die Frage: „Was geht Ausschwitz die Muslime an?“, nur die Antwort: „Alles!“.

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