GASTBEITRAG Wirtschaftswachstum in der Türkei gemessen in den letzten zehn Jahren weitaus besser als in vielen anderen europäischen Staaten – ‚Türkei rutscht von Krise zu Krise‘. Durchschnittseinkommen in der Türkei bald bei 70 % vom EU Standard – ‚Türkische Menschen arme bemitleidenswerte muslimische Mitbürger‘. Gesundheitstourismus in die Türkei auf dem gewaltigen Vormarsch – ‚In der Türkei gibt es keine guten Krankenhäuser‘. Verkehrsverbindungen konstant weiter ausgebaut inklusive Hochgeschwindigkeitszug – ‚In der Türkei kann man sich nur in den drei Metropolen Istanbul, Izmir und Ankara schnell und sicher öffentlich fortbewegen‘. Vorurteile, anti-Türkei Meinungsmache der etwas billigeren Art gefunden in vielen ausländischen Publikationen und Politikerreden.

Türkei – erfolgreich = Nein; Türkei – Chaos = ja bitte?

Lassen Sie mich vielleicht mit meinen eigenen Ansichten beginnen, die ich gerne offen darlege: auch ich war nicht gerade ein Türkei-Anhänger in den späten 70er, 80er und teilweise sogar noch in den 90er Jahren.

Ein Militärputsch nach dem anderen, Menschenrechtsverletzungen am laufenden Band, gewaltiges Demokratiedefizit. Ich hatte viele türkische Bekannte und gute Freunde in Deutschland und später im Vereinigten Königreich, die als politische Verfolgte das Land Türkei verlassen mussten und aus erster Hand über die katastrophalen Zustände berichteten. Urlaub dort? Nein Danke! Unterstützung für eine eventuelle EG/EU-Mitgliedschaft? Davon sollte man dann doch lieber die politischen Finger lassen.

Vieles änderte sich zum Besseren in den Jahren unter Präsident Turgut Özal; vieles, aber noch nicht alles. Meine persönliche Einstellung zur Türkei begann sich auch zu wandeln, teilweise. Und dann kam der gewaltige jedoch logische innenpolitische Umbruch in der Türkei im November 2002, als die AKP die Wahlen gewann. Politische und ökonomische Instabilität waren einfach zu viel geworden.

Und es gab eine Menge zu tun: der Einfluss des Militärs über zivile Angelegenheiten war noch allzu deutlich spürbar. Die Zivilgesellschaft an sich war erst im Babystadium, bei Weitem noch nicht voll ausgereift. Das Zusammenleben zwischen Mitbürgern, die sich auf ihre kurdische Identität beriefen, und ihren türkischen Nachbarn war weit vom Idealzustand entfernt. Und die alte Elite, oft als Kemalisten bezeichnet (ich verwende den Begriff wertneutral, nicht abwertend), wehrte sich mit verbalen Händen und Füßen gegen die Versuche der neuen Regierung, ihnen die Bretter unter den gesellschaftsmanipulierenden Beinen wegzuziehen. Und ich habe die Notwendigkeit zur totalen Überholung der veralteten Volkswirtschaft gar nicht genannt!

20 Jahre braucht es, eigentlich überall

Etwas über einem halben Jahr nach meiner Ankunft durfte ich an einem Panel an der renommierten Galatasaray-Universität in Istanbul teilnehmen. Und ich wagte zwei Prognosen. Erstens, sollte die Türkei bald EU-Mitglied werden, würden niemals 40 Prozent (das war damals eine Zahl, die selbst von seriösen Berichterstattern und Politikern verbreitet wurde) der Bürger nach Europa aufbrechen, um dort zu leben und zu arbeiten. Warum auch? Neue Jobs wurden in der Türkei geschaffen, nicht in Europa! Zweitens, es würde 20 Jahre dauern, bis die komplette Modernisierung und Demokratisierung abgeschlossen sei.

Bald danach folgte ich einem Ruf an eine Universität in der Hauptstadt (sowie zu einer Tageszeitung in Istanbul) und begann über das Thema Europarecht für Betriebswirtschaftler zu unterrichten; über Türkei-Europa-Themen zu schreiben. Mein Türkei-Eindruck der positiven Art vermehrte sich weiter… konservativ, aber weltoffen. Traditionell, aber nicht gegen die Moderne. Globalisiert, aber nicht automatisch 100 Prozent ‚kapitalisiert‘ – genau so präsentierte sich die Türkei mir im Jahre 2007.

Zahlreiche Reisen in alle vier Ecken des Landes folgten: Van, Şanlıurfa, Trabzon, Eskişehir, Aydın, Bolu… Vorträge, Seminare, Konferenzen. Und von meiner journalistischen Perspektive betrachtet bekam ich Einblick in das Tag-zu-Tag-Leben der unterschiedlichsten türkischen Menschen, der unterschiedlichsten Einkommensgruppen. Durchschnittsbürger, Politiker, Wirtschaftsbosse, Angestellter, Rentner, Studenten…

Ich wurde nicht farbenblind – im Gegenteil, ich nahm einfach meine eigene Scheuklappe ab!

Es gibt kein Paradies auf Erden und auch die Türkei fällt unter diese Regel. Dieser Artikel ist Trendkritik, nicht Türkeikritik. Natürlich habe auch ich Dinge erlebt und gesehen, die mir nicht gefallen aber das könnte demnächst vielleicht zum Gegenstand eines zweiten Gastbeitrags werden.

Letzte Wünsche: ein fixer EU-Beitrittstermin, und nicht weitere 50 Jahre Hinhaltung vor der Brüsseler Tür! Und eine fairere Berichterstattung über die Türkei. Kritik natürlich, aber bitte nicht alles Positive unter den Teppich kehren!

Klaus Jürgens studierte ‚Government‘ an der London School of Economics and Political Science. Er lebt mit Ehefrau und Familie in der Türkei und schreibt dort für die englischsprachige Tageszeitung Today’s Zaman. Jürgens beschäftigt sich insbesondere mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Türkei und ihren Beziehungen zur EU, sowie bi-lateralen Beziehungen zu Österreich sowie dem Vereinigten Königreich. Häufig werden auch Deutsch-Türkische Themen behandelt. Er bezeichnet sich selbst als ‚Deutscher mit starker Freundschaft zu Österreich‘.