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Am Wochenende ist es in München, Berlin und anderen europäischen Städten mehrfach zu gewaltsamen antisemitischen Demonstrationen gekommen. Dabei wurden Flaggen des Staates Israel verbrannt und antisemitische Parolen – offenbar in deutscher und in arabischer Sprache – gerufen. Anlass ist die angekündigte Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) erläutert wichtige Begriffe im Zusammenhang mit historischer und heutiger Judenfeindschaft.
Von Christoph Arens 

Antijudaismus

Der Antijudaismus hat seine Wurzeln in religiösen Vorurteilen, vor allem in der Ablehnung des Judentums durch das Christentum. Manche Historiker vermuten eine religiös bedingten Judenfeindschaft auch jenseits des Christentums und zeitlich vor Christi Geburt: In der antiken Welt, die viele Götter akzeptierte, sei der jüdische Monotheismus eine Provokation gewesen.

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Der christliche Antijudaismus hat andere Gründe: Mit seinem missionarischen Anspruch sah sich das Christentum in Konkurrenz zum Judentum, aus dem es hervorging. Schon frühe Bischofsversammlungen und mehrere Kirchenväter warfen den Juden Verstocktheit vor, weil sie Jesus nicht als Messias anerkannten. Ihnen wurde die Schuld am Kreuzestod Jesu zugeschoben. Dennoch stand laut christlicher Verkündigung am Ende der Heilsgeschichte die Bekehrung der Juden. Daraus wurde die Berechtigung abgleitet, sie auszugrenzen, aber nicht, sie zu vernichten.

Das führte dazu, dass Juden im Mittelalter in Judengassen und Judenvierteln leben mussten; sie wurden durch Kleiderordnungen oder gelbe Flecken auf der Kleidung stigmatisiert. Da Juden viele Handwerksberufe verwehrt waren, der Geldverleih aber offenstand, entstand eine auf Neid gegründete Feindschaft: Juden wurden als Wucherer und Spekulanten gebrandmarkt.

Höhepunkte der Judenfeindschaft waren blutige Pogrome im Rheintal durch Kreuzritter sowie gewalttätige Reaktionen auf die Pestepidemie im 14. Jahrhundert. Ende des 13. Jahrhunderts wurden die Juden von den britischen Inseln vertrieben, während des 14. Jahrhunderts aus Frankreich und im 15. Jahrhundert von der iberischen Halbinsel.

Antisemitismus

Im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderte sich der Charakter der Judenfeindschaft. Nachdem die meisten jungen Nationalstaaten die Juden zunächst rechtlich gleichgestellt hatten, richteten sich bald radikal-nationalistische Strömungen gegen sie; Juden wurden als fremdes und heimatloses Volk verunglimpft. Zugleich wurden sie für Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht, die im Zuge der Modernisierung und Industrialisierung auftraten.

Diese Form der Judenfeindschaft wird als Antisemitismus bezeichnet, weil sie sich mit Rassentheorien verband, die seit Ende des 17. Jahrhunderts aufkamen. Vor allem die Darwinsche Theorie vom „survival of the fittest“ wurde zum „Kampf ums Dasein“ zwischen „höheren“ und „niederen“ Rassen umgedeutet. Die Juden wurden nun als Mitglieder einer Rasse diffamiert, die sich grundlegend von der germanischen, arischen oder romanischen Rasse unterschied. Ihnen wurden typische Merkmale zugeschrieben – es entstanden Karikaturen vom hässlichen, gebückten und hakennasigen Juden.

Während konservative und linke Vordenker das Judentum für Ungerechtigkeit und Elend und allgemein für den Kapitalismus verantwortlich machten, tauchte auf der anderen Seite das Stereotyp des jüdischen Revolutionärs und Unruhestifters auf. Beide Strömungen verbanden sich mit dem Vorwurf, das Judentum wolle die Völker zersetzen und strebe die Weltherrschaft an.

Im Nazi-Deutschland und im faschistischen Italien wurde der Antisemitismus Grundlage staatlichen Handelns. Im Zweiten Weltkrieg führte die NS-Judenpolitik zum Holocaust, dem Versuch der militärisch-industriell organisierten Auslöschung der europäischen Juden. Sechs Millionen Menschen fielen ihm zum Opfer.

Antiisraelische Judenfeindschaft / Antizionismus

Auch nach 1945 wurden antisemitische Denkmuster weiter entwickelt. Das gilt für Deutschland und andere europäische Länder, wo solche Haltungen in der Öffentlichkeit weithin tabuisiert sind, sich aber oft mit pauschaler Kritik an Israel Bahn brechen. Vor allem in den 1970er Jahren kam es zu einem Brückenschlag zwischen linksradikalen Bewegungen in Europa und islamischem Antisemitismus. Israel wurde dabei als Agent des Imperialismus verteufelt.

In Deutschland kommt zum sogenannten Antizionismus ein Motiv hinzu, das auch als „Entlastungsantisemitismus“ bezeichnet wird. Dabei geht es um Abwehr von Scham- und Schuldgefühlen gegenüber den Juden. Elemente sind die Auschwitz-Leugnung, das Einfordern eines Schlussstrichs unter die Vergangenheit und bagatellisierende Vergleiche des Holocaust mit anderen Menschheitsverbrechen sowie aggressive Vorwürfe an „die“ Juden oder „den“ Staat Israel.

Ein spezieller Antizionismus hat sich in der islamischen Welt entwickelt. Im jüdisch-arabischen Konflikt wird die Existenzberechtigung Israels bestritten. Religiöse Gegnerschaft spielt dabei eine untergeordnete Rolle, auch wenn sich bisweilen traditionelle islamische Stereotype gegen die Juden darunter mischen. Eine wachsende Präsenz von Muslimen in Europa führt dabei auch zu einer zunehmenden Zahl von Vorfällen, die im Judenhass in Verbindung stehen.

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KNA/cas/joh/

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