Interreligiöser Dialog Corona
Noch Anfang des Jahres war Kadir Boyacı auf Projektreise in Jerusalem, der sowohl für Muslime, Juden und Christen heiligen Stadt. Der BDDI-Generalsekretär will sich mit seinem Team wieder aktiver interreligiösen Projekten widmen, sobald die Fallzahlen der Corona-Pandemie sinken. Foto: BDDI

Eigentlich wird der 24. Dezember in Deutschland gut geplant: Familienbesuche, Bescherung unter dem Weihnachtsbaum, Mette in der Kirche. Doch vieles davon kann in diesem Jahr nicht in gewohnter Manier stattfinden. Dafür sind die Fallzahlen der mit SARS CoV-2 infizierten Personen zu hoch. Doch was machen Muslime eigentlich an Weihnachten? Schließlich ist dieser Tag für sie ein ganz normaler (Feier-)Tag, an dem sie sich entspannen können.

Darüber haben wir mit Kadir Boyacı gesprochen. Er ist Generalsekretär des „Bund Deutscher Dialog Institutionen“ (BDDI). Im Interview erzählt der langjährige Fachmann für interreligiösen Dialog, wie er mit seinen jüdischen und christlichen Kolleg:innen während der Pandemie den Kontakt aufrechterhält. Im neuen Jahr hat er einiges vor.

Herr Boyacı, was machen Sie in diesem Jahr an Weihnachten?

Wir werden die Feiertage dieses Jahr im kleinen Kreis der Familie verbringen. Dabei werden wir mit unseren Kindern natürlich auch über das christliche Weihnachtsfest und die Bedeutung von Jesus sprechen. Jesus hat als Prophet aber auch für Muslim:innen eine herausragende Bedeutung. Das Weihnachtsfest ist deswegen eine tolle Gelegenheit, um Brücken zu unseren christlichen Freund:innen zu schlagen. Wir haben auch Geschenke vorbereitet, die wir ihnen zu ihrem hohen Fest übergeben möchten.

Kadir Boyacı leitet die BDDI-Teamsitzung, die in Zeiten von Corona via Zoom stattfindet.

Was hätten Sie ohne Pandemie anders gemacht?

Normalerweise nutzen wir die Weihnachtszeit zur Besinnung und um mit der Familie sowie mit Freund:innen zusammenzukommen. Eigentlich wollten wir das in diesem Jahr in einem Hotel im Schwarzwald tun, und dort vor allem gemeinsam lesen und beten. Das wird leider nicht möglich sein. Außerdem wurden wir von unseren christlichen Freund:innen in den letzten Jahren auch immer wieder zum gemeinsamen Essen oder zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Auch das muss leider ausfallen. 

Dürfen Muslime theologisch betrachtet überhaupt Weihnachten feiern und Christen zum Fest gratulieren? 

Ich kann und will natürlich nicht für alle Muslim:innen sprechen. Manche feiern das Fest genauso wie ihre christlichen Mitbürger:innen, für andere ist es ein staatlicher Feiertag, der keinerlei Bedeutung hat. Da Jesus ein Prophet ist, den Muslim:innen verehren, glaube ich, dass seine Geburt auch aus islamischer Perspektive ein besonderer Tag sein kann. Ich sehe deswegen kein Problem darin, dass Muslim:innen an Weihnachten mit ihren christlichen Freund:innen beten und Jesus gedenken. Viele Traditionen wie ein Weihnachtsbaum oder eine Krippe wären für Muslim:innen aber mehr als ungewöhnlich. 

„Ohne Zoom und Co. wären wir in dieser Situation arbeitsunfähig“

Als Generalsekretär des BDDI verbinden Sie mehrere Vereine für interreligiösen Dialog in Deutschland mit Gemeinden unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen. Dialog erfordert eigentlich viel Kontakt. Wie machen Sie das in Zeiten von Corona? Haben Sie weiterhin Kontakt zu jüdischen und christlichen Gemeinden?

Wir sind bemüht, unsere Arbeit online fortzusetzen: in gemeinsamen digitalen Gebetsstunden, Online-Vorträgen oder virtuellen Meetings. Die heutige Technologie bietet uns Möglichkeiten, die vor 20 Jahren nahezu undenkbar gewesen wären. Damals wären wir in so einer Situation quasi arbeitsunfähig gewesen. Leider musste sich unser Kontakt allerdings dieses Jahr oft auf Telefonate, Zoom oder Facetime beschränken.

Man spart dadurch doch auch sicherlich viel Zeit. Was genau hat Ihnen an solchen virtuellen Konferenzen nicht gefallen?

Für den Dialog ist eine Zeit, in der die persönliche Begegnung nur sehr schwer möglich ist, natürlich besonders schwierig. Wir versuchen den Kontakt aufrechtzuerhalten, aber ohne ein „reales“ Treffen geht eine wichtige Ebene verloren. Wir freuen uns, uns nach Corona auch wieder von Angesicht zu Angesicht zu begegnen und dem alltäglichen „Geschäft“ nachgehen zu können. Dazu gehören auch ganz profane Dinge, wie das gemeinsame Kaffeetrinken.

Warum ist interreligiöser Dialog für Sie und Ihre Mitgliedsvereine gerade in dieser Zeit so wichtig?

Wir leben in einer pluralen Gesellschaft und es ist wichtig,  das miteinander zu tun und nicht nebeneinander her. Dafür müssen wir uns und damit auch unsere unterschiedlichen Vorstellungen von einem guten Leben kennenlernen. Dadurch können Vorurteile abgebaut und Ressentiments überwunden werden. Interreligiöser Dialog ist Präventionsarbeit!

Basiert Ihre Arbeit auch auf einer religiösen Motivation?  

Aus meiner muslimischen Perspektive glaube ich, dass der Koran zur Begegnung aufruft. So verstehe ich beispielsweise eine Stelle in Sure 49: „Ich […] machte euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr einander kennenlernt […]“ (Koran, 49:13). 

Aufgrund dieser religiösen Motivation wird vor allem muslimischen Dialogvereinen auch oft vorgeworfen, sie würden damit nur „Missionieren“ und sogar „Islamisieren“. Ist da etwas dran?

Es gibt Akteur:innen im Dialog, die ihre Arbeit mit einem missionarischen Anspruch machen – auf muslimischer, genauso wie auf christlicher oder auch atheistischer Seite. Ich finde das weder klug, noch richtig. Dialog funktioniert dann, wenn man den Menschen und dessen Überzeugungen ernst nimmt und respektiert. Wer mit einem missionarischen Ziel in den interreligiösen Dialog tritt, dem fehlt dieser Respekt. 

Arbeiten Sie mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften im Kampf gegen den Terror zusammen? Was genau tun Sie?

Man unterscheidet klassischerweise zwischen primärer und sekundärer Prävention. Unsere Arbeit wäre auf der ersten Ebene anzusiedeln: im Kontakt zu anderen Religionsgemeinschaften, im Kennen- und Verstehenlernen beugt man der Radikalisierung vor. Für sekundäre Prävention, also die Arbeit mit Jugendlichen, die ganz konkret Gefahr laufen, sich zu radikalisieren, gibt es Institutionen wie das Violence Prevention Network (VPN), die eng mit dem Innenministerium zusammenarbeiten und andere Möglichkeiten haben als wir.

„Wir sind immer für Gespräche offen“

All diese Institutionen und Gemeinden sind ja ohnehin bekannt dafür, dass sie für interreligiösen Dialog offen sind. Was aber ist mit Menschen, die Muslim:innen und dem Islam eher reserviert oder gar ablehnend gegenüberstehen? Werden diese Leute nicht von Ihrer Arbeit einfach nur ignoriert? 

Die Frage ist kompliziert und es gibt hier keine einfache Antwort. Grundsätzlich suchen wir den Dialog mit allen Menschen, die sich im demokratischen Rahmen bewegen und bereit sind, mit uns zu sprechen. Ich glaube aber auch, dass es nur sehr schwer möglich ist, Menschen zu erreichen, die den demokratischen Rahmen verlassen haben. Dabei ist es übrigens egal, ob es sich um rechtsradikale oder islamistische Fundamentalisten handelt. Das zeigen beispielsweise auch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Präventionsforschung. Prinzipiell gilt, dass wir immer für Gespräche offen sind und den Dialog suchen. Gleichzeitig gehört zum gegenseitigen Respekt auch, zu respektieren, wenn jemand nicht mit uns sprechen will. 

Gibt es schon Überlegungen für neue Projekte im neuen Jahr?

Auf jeden Fall! Für einige Veranstaltungen sind Zoom und Co. nicht die richtige Plattform. Dazu zählen beispielsweise Gespräche mit Zeitzeugen, die wir hoffentlich zeitnah nachholen können. Außerdem steht noch die Grundsteinlegung des House of One in Berlin aus, einem Bet- und Lehrhaus für Jüd:innen, Christ:innen und Muslim:innen in Berlin. Besonders freuen wir uns auch auf unsere Großveranstaltungen: die mehrtätige Dialog-Akademie oder die Verleihung des Dialog-Preises. Wir hoffen außerdem, unsere Summerschool 2021 wie gewohnt im Ausland stattfinden zu lassen, eine Dialog-Reise nach Israel ist auch schon in Planung!