Der Präsidentenpalast „Ak Saray“ des amtierenden Staatspräsidenten Tayyip Erdoğan kommt nicht aus den Schlagzeilen heraus. Immer wieder gibt es neue Erkenntnisse über den Bau, dass die verschwenderische Dimension uns vorzeigt.
Der Präsidentenpalast „Ak Saray“ des amtierenden Staatspräsidenten Tayyip Erdoğan kommt nicht aus den Schlagzeilen heraus. Immer wieder gibt es neue Erkenntnisse über den Bau, dass die verschwenderische Dimension uns vorzeigt.

Machtgierige Herrscher bauen Paläste, um ihrer Macht über das Volk eine physikalische Gestalt zu geben. Sie bauen aber auch Paläste, um ihre Macht in Beton zu gießen. Es soll dem Volk schwer gemacht werden, die Macht des Herrschers zurückzudrängen, wie es schwer sein würde, seinen prunkvollen Herrscherpalast zurückzubauen.

AK Saray ist das Herrscherpalast des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Er soll über 1.100 Zimmer umfassen, auf ein Grundstück bebaut sein, das 200.000 Quadratmeter groß ist, wobei die Gebäudefläche 40.000 Quadratmeter betragen soll. Auf dem Grundstück liegen weitere Nebengebäuden: Gästehäuser, eine Moschee, Seminarräume, ein Lagerhaus, Küche usw.

Ceausescu gibt es nicht mehr, aber seinen Parlamentspalast schon

Herrscher sind sich bewusst, dass auch sie irgendwann das Zeitliche segnen werden. Aber solange sie leben, möchten sie ihre Macht behalten. Ein Palast kann das weltliche Fundament ihrer Macht bilden – auch dann wenn es den Herrscher nicht mehr gibt. Den rumänischen Diktator Ceausescu gibt es schon seit über 20 Jahren nicht mehr. Aber sein gigantischer Präsidentpalast, der den Palast Erdoğans überragt, gibt es bis heute.

Auch Domus Aurea, das Goldene Haus, ist ein Palast des römischen Kaisers Nero, dem nachgesagt wird, dass er in Rom bewusst Feuer legen ließ, um seinen Palast bauen zu können. Nach über 2.000 Jahren können Touristen diesen Palast bewundern. Der Kaiserpalast in der Verbotenen Stadt (Peking) im heutigen China hat nicht nur seinen Erbauer und Hausherren sondern weitere Herrscher, politische Systeme und Epochen überdauert.

Die  Alleinherrschaft Erdoğans wird zum Systemversagen führen

Erdoğan ist machthungrig. Er scheut nicht davor zurück, Teile des türkischen Volks zu beleidigen, hat inzwischen eine berüchtigte Popularität in den sozialen Medien für seine Lügen erlangt, steht im Zentrum einer schwerwiegenden Korruptionsaffäre, dem inzwischen vorgeworfen wird, seine Familienmitglieder zu bevorzugen.

Die Frustration im Volk nimmt zu, das ihn bisher unterstützt hat, weil er den wirtschaftlichen Erfolg des Landes mit der Basis geteilt hat. Jetzt wird der Staatspräsident aufgrund seines unberechenbaren Verhaltens zu einer enormen Belastung für die Wirtschaft, die in steigende Lebenshaltungskosten mündet. Und die Gleichschaltung von Medien, die unter seinem Einfluss stehen, produziert eine Absurdität nach der anderen.

In meinen früheren Beiträgen habe ich immer wieder angeführt, dass der Versuch Erdoğans eine zentralistische Alleinherrschaft in der Türkei anzustreben, zu einem Systemversagen führen wird. Immer mehr Intellektuelle äußern sich auf diese Weise. Der Historiker Ilber Ortayli wird nicht müde, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass die türkische und osmanische Geschichte nicht diese Alleinherrschaft kennt, die Erdoğan anstrebt.

Was soll mit AK Saray geschehen?

Früher oder später wird es den machthungrigen Staatspräsidenten nicht mehr geben. Aber seine AK Saray wird bleiben! Daher stellt sich aus meiner Sicht die drängende Frage: Was passiert dann mit der AK Saray?

Niederreißen? Auf keinen Fall! Erdoğan und seine Politik sind jetzt Teil der türkischen Geschichte. Ihn und diese Zeit soll man weder schönreden noch wegdenken. Geschichtsverleugnung aber ist der Wegbereiter für die nächste Systemkrise. Soll man AK Saray dicht machen und ihrem Schicksal den Witterungen der Jahreszeiten überlassen? Auch keine Lösung wie ich finde. Das Gebäude würde dann genauso in die Höhe ragen wie es jetzt schon tut. Das Herrscherpalast wäre ein Dorn im Fleisch des türkischen Volks.

AK Saray als Zentrum für Demokratie und Freiheit 

Nach langer Überlegung bin ich der Meinung, dass das türkische Volk in der Post-Erdoğan-Ära nicht verleugnen oder ignorieren, sondern AK Saray ganz fest umarmen sollte. Wenn man ihn nicht ignorieren, niederreißen oder zurückbauen kann, soll sie das Fundament einer demokratischen, pluralistischen und fortschrittlichen Türkei werden.

Ich schlage vor, dass aus der AK Saray ein Zentrum für politische Bildung werden soll. Aus allen Ecken des Landes sollen Schulklassen, Studierende, Alte, Angestellte, Beamte und Unternehmer in die AK Saray strömen, um am Beispiel der Erdoğan-Ära zu lernen, wie eine Demokratie funktioniert, die kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt des Landes schätzen lernen, in Seminaren und Gruppenarbeiten Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit lernen, in Ausstellungen die regionalen Unterschiede und die nationalen Gemeinsamkeiten erleben.

Platz dafür gibt es genug!

Manche Besuchergruppen können in den Gästehäusern übernachten. In den Seminar- und Meetingräumen können Schulungen abgehalten werden. In den 1.100 Zimmern der AK Saray kann in jedem Raum eine regionale Besonderheit vorgestellt werden. Jede Provinz sollte die Möglichkeit bekommen, ihre Kultur, Geschichte und Sprache auszustellen. Die großen Konfessionen und Religionen können in den vielen Sälen die Besucher über Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufklären. Kurz: Die AK Saray soll ein Schulungs- und Erlebniszentrum für Demokratie, Meinungsfreiheit und Pluralismus werden.

Wenn heute die AK Saray das bauliche Fundament für Erdoğans Macht ist, dann kann sie morgen das Fundament für mehr Demokratie, Freiheit und Vielfalt werden.

Ich finde, dass das eine gute, sehr gute Idee ist!

Kamuran Sezer, Jg. 1978, ist Trend- und Zukunftsforscher. Mit seinem futureorg Institut berät und forscht er zum Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Weitere Informationen unter www.kamuran-sezer.com