Weltkindertag: Wo arme Kinder trotzdem Kind sein dürfen

Nicht immer können Kinder einfach Kinder sein. Der Weltkindertag am 20. September erinnert daran. Ein Blick nach Berlin.

Armut kann heißen zu lügen. Täglich kommen Hunderte Kinder in die Berliner Freizeiteinrichtung Arche, doch nicht immer wissen ihre Eltern davon. Das Haus inmitten der Plattenbauten Hellersdorfs bietet ihnen kostenloses Mittagessen, eine Kleiderkammer und familiäre Strukturen, die viele von zuhause nicht kennen. Einige werden jeden Tag von ihren Vätern oder Müttern gebracht und abgeholt. Andere kommen heimlich oder gegen den Willen der Eltern.

«Viele Kinder gehen ohne Frühstück aus dem Haus», sagt Arche-Sprecher Paul Höltge. Für einige sei das Mittagessen in dem gänzlich spendenfinanzierten Haus die erste Mahlzeit am Tag. 300 Essen gehen täglich über den Tresen. Die Zahl sei am Monatsende immer am höchsten. Dann geht vielen Hartz-IV-Familien das Geld aus.

Rund 13,3 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren leben nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Deutschland. Knapp 19 Prozent von ihnen – fast ein Fünftel – gelten laut Statistik als arm oder armutsgefährdet, leben also in Haushalten mit geringem Einkommen.

Eines von 21 Kindern wohnt sogar in Haushalten mit «erheblicher materieller Deprivation» – der Fachausdruck dafür, dass jemand seine Wohnung nicht ausreichend heizen kann, laufende Rechnungen nicht zahlen und sich nicht einmal eine Woche Urlaub im Jahr leisten kann.

Hier können Projekte wie die Arche helfen. Höltge sieht die Angebote des Hauses jedoch nicht als existenzsichernde Grundversorgung für den Kiez an. Sie seien vielmehr eine Möglichkeit, den Kindern trotz ihrer oft prekären Lebensumstände etwas Stabilität und Normalität zu geben. Eltern sind ebenso zu jeder Mahlzeit eingeladen und werden dazu angehalten, gemeinsam mit ihren Kindern zu essen. 

«Wir verstehen uns als eine Ergänzung, eine Unterstützung zur Familie», sagt Höltge. Doch Familie zu erleben, ist nicht jedem Kind vergönnt. Denn nicht wenige Eltern geben ihre Kinder in die Obhut der Arche, weil sie nicht nur finanziell, sondern auch emotional überfordert sind. Und: «Emotionale Verwahrlosung gibt es auch in bessergestellten Familien», sagt Höltge.

Knapp 90 Prozent der Arche-Gäste sind gleichwohl Hartz-IV-Empfänger, schätzt Nele Thönnessen, eine von 16 Sozialpädagogen des Projekts. Viele leben nahe oder unter der Armutsgrenze, wenige wollen es zugeben oder sich selbst eingestehen. «Die jüngeren Kinder schämen sich nicht, zur Arche zu kommen», sagt die 31-Jährige. Einige Eltern würden ihren Kindern aber verbieten, zum Spielen, Hausaufgabenmachen oder Mittagessen in die Arche zu gehen – die Nachbarn könnten reden.

Allerdings ist Armut nicht das einzige Problem. Nach Einschätzung von Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Kinderhilfe, wird ein Viertel aller Kinder gewaltbelastet erzogen: «Das reicht von der Ohrfeige bis zum Verprügeln.» Kinder bräuchten nicht nur besonderen Schutz in der Familie, sondern auch im Gesetz. «Momentan haben wir da aber eine Tendenz, dass Eigentum höher bewertet wird», sagt Becker.

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Er könne zum Beispiel nicht verstehen, dass für Einbrüche und Diebstähle teils höhere Freiheitsstrafe verhängt würden als für Sexualstraftaten gegen Kinder. Er spricht zudem von einer «Unehrlichkeit» in der juristischen Sprache: «Wenn im Gesetz statt sexueller Gewalt das Wort Missbrauch steht, dann verniedlicht das, was Kindern angetan wird.»

Der Weltkindertag des UN-Kinderhilfswerks Unicef und des Deutschen Kinderhilfswerks steht am 20. September in Deutschland unter dem Motto «Kindern eine Stimme geben». Gefordert werden mehr Möglichkeiten für Kinder, ihre Ideen und Vorstellungen in Schulen, Kitas, aber auch Kommunen und Gemeinden einbringen zu können. Das wünscht sich auch Becker: «Wir reden viel zu oft über Kinder und viel zu selten mit ihnen.»

 

dpa