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„Wenn die Leistung stimmt…“ – Das Arbeitsleben junger Menschen in Istanbul

Menschenmassen in Istanbul

Die Auswirkungen der wirtschaftlichen Lage in der Türkei bekommen vor allem junge Absolventen oder Arbeiter zu spüren, die noch keine feste Position in einem Unternehmen haben. Unter welchen Verhältnissen müssen diese Menschen arbeiten? Darüber habe ich mich mit jungen Istanbulern unterhalten, die vor allem in der Bildungsbranche, aber auch in anderen Bereichen arbeiten.

Ausgebildete Akademiker, die Arbeitserfahrungen im Ausland gesammelt haben und zwei bis drei Sprachen beherrschen, verdienen als Lehrer an Instituten circa 2000 Lira monatlich bei 40 Stunden Arbeitszeit pro Woche – gerade mal so viel, dass es die Lebenshaltungskosten deckt.

Die Miete für eine Wohnung mit ungefähr 70 m², zwei bis drei Zimmern, guter Verkehrsanbindung und zentraler Lage beträgt in Istanbul durchschnittlich 1500 Lira. Mit Nebenkosten wie Strom, Wasser, Gas und Internet macht es im Schnitt noch einmal 150 bis 200 Lira mehr, sodass man mit Fixkosten von rund 1700 Lira pro Haushalt rechnen muss. Lebt man zu zweit, kann man es sich leisten, sofern beide Partner arbeiten.

„Will man ordentlich kochen, muss man mit 70 Lira pro Kopf und Woche für einen Einkauf rechnen, ohne draußen zu essen“, berichtet ein Student, der mit seiner Freundin zusammenwohnt und vor kurzem einige Wochen in Berlin  verbracht hat. „Bis auf Obst und Gemüse, sind die meisten Produkte nicht viel günstiger als in Deutschland. Will man Fleisch von der Theke kaufen, kosten 250 Gramm schon  im besten Fall gute 10 Lira. Auch auszugehen kann man sich dann bei Preisen um die 13 für ein Glas Bier in einer Bar oder 25 Lira für einen mittelmäßigen Wein im Spätkauf nur sehr bedingt leisten.

Das war’s. Mehr ist nicht drin. Ansonsten muss man ausweichen in die Randbezirke.

Diejenigen, die dagegen in den Randbezirken wohnen, zahlen durchschnittlich 800 Lira Miete, wobei dann umso mehr Ausgaben für Fahrtgeld und vor allem Zeit draufgehen. Der Arbeitsweg dann gern mal anderthalb bis zwei Stunden dauern.

Hier zahlt man pro Transportmittel 2.30 Lira und nicht – wie etwa in Berlin – nach Fahrtzeit, sodass allein an einem Tag gegebenenfalls rund 10 Lira nur für Fahrten draufgehen. Eine Monatskarte gibt es nicht, nur Vergünstigungen für Studenten (1.60 Lira). Letztlich spart man also auch dann nichts, wenn man in Randbezirke ausweicht.

Arbeitet man für große Unternehmen, werden die Transportkosten gedeckt oder es gibt sogenannte Shuttle-Services, die einen an die Anknüpfungspunkte fahren, von wo aus man weiterfährt. Wer aber für kleine oder mittelständige Unternehmen arbeitet, wird dieser Service in der Regel nicht geboten.

Die Wahl des Arbeitsplatzes richtet sich nach pragmatischen Maßstäben, nicht nach ideellen. Dies hat Auswirkungen auf die Auswahl des Personals: Arbeitgeber bevorzugen daher Mitarbeiter, die aus dem gleichen Stadtteil kommen, die dann in den Jobanzeigen explizit erwähnt werden.

Der Arbeiter hingegen pickt sich bei den Stellenanzeigen gezielt Orte heraus, die binnen einer Stunde mit den öffentlichen Transportmitteln und im besten Fall zu Fuß erreichbar sind.

Viele suchen sich gezielt ihre Arbeitsstelle in dem Bezirk, in dem sie leben, um einerseits weite Wege zu vermeiden und sich andererseits sich die Fahrtkosten zu sparen. Dies vermindert ein wenig die Fluktuation in der Stadt. Allerdings ist dieser Effekt ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Großstadtmetropole platzt aus den Nähten. Da hilft auch der „Rückzug“ in das eigene Viertel oder zumindest auf die asiatische oder europäische Seite nicht viel.

„Ich wohne noch bei meinen Eltern“, erklärt ein knapp Dreißigjähriger. „Ich arbeite lieber im Handyshop bei mir um die Ecke und fülle die Haushaltskasse bei meinen Eltern auf. Auch wenn ich theoretisch mehr in meinem Metier als Bankkaufmann verdienen würde, weiß ich, dass ich da mehr als 40 Stunden die Woche malochen muss, bei der auch noch Überstunden der Regelfall sind. Wie soll man da noch Zeit für Familie, Freunde und die Partnerin haben? Hier kann ich wenigstens auch Freunde empfangen, einen Tee trinken. Das ist bei vielen kleineren Läden oder Büros nicht mehr so selbstverständlich wie es noch vor einigen Jahren war.“

Ich bin 22 Jahre und muss schauen, dass sich was auf meinem Lebenslauf etwas tut

Die Meinungen bezüglich der Arbeitsdauer ist gespalten. Manche bevorzugen eine Teilzeitstelle, andere wollen Vollzeit arbeiten, je nach Interessenslage, Hobbies oder abhängig von den Statussymbolen, die sie sich leisten wollen. Vor allem aber ist die Familiengründung der Hauptgrund, für den Einstieg in die Vollzeitbeschäftigung. Viele Frauen wollen einen Partner, der einen sicheren Arbeitsplatz hat, obgleich die wirtschaftliche Lage dies immer seltener erlaubt. Aber auch die Frauen arbeiten im Gegensatz zur vorigen Generation in der Regel Vollzeit, um über die Runden zu kommen. In einigen Bereichen ist dabei ein „staj“obligatorisch, ein Praktikum von 6 Monaten.

„Der Lohn beträgt dann über ein halbes Jahr lang 1800 Lira, selbst in der IT-Branche. Der Mindestlohn liegt in der Türkei dabei derzeit bei 1400 Lira, ein Gehalt, das in der Regel beispielsweise Putzkräfte bekommen. Man fühlt sich da schon ausgenutzt. Ich stehe um 6.20 Uhr auf, um 6.45 Uhr aus dem Haus zu gehen. Nur so kann ich pünktlich auf Arbeit gegen 9.30 Uhr sein, da morgens die Busse nicht so häufig fahren. Dort frühstücke ich erst einmal. Gegen 17.30 Uhr ist dann Feierabend. Ich komme geschafft nach Hause, auch wenn die Arbeit an sich in Ordnung und meine Kollegen relaxt sind. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für ein Privatleben, für Unternehmungen oder für Hobbies. Ich muss das aber machen, auch wenn ich sicherlich Untersützung von meiner Familie bekäme. Ich bin 22 Jahre und muss schauen, dass sich was auf meinem Lebenslauf etwas tut“, resümiert Pelin, die erst vor 3 Wochen bei einer Arbeitsvermittlungsfirma als IT-Mitarbeiterin angefangen hat.

„Heutzutage wirst du schneller gefeuert, als Du Dir denken kannst: aufgrund fehlender Motivation, oder nicht erbrachter Leistung oder auch nur, weil du einen nicht erheblichen Fehler gemacht hast oder 15 Minuten zu spät gekommen bist. In einigen Bereichen testen die dich 6 Monate, schauen, wie pünktlich, flexibel und fleißig du bist. Da muss man ordentlich Gas geben. Danach hat man aber den Job, und es kehrt Ruhe ein. In anderen Bereichen hingegen, ist man unter Dauerstress“, fügt ihr Freund Esat hinzu. Er arbeitet als Nachilfelehrer in Vollzeit.

„Man erwartet, die volle Leistung auf Dauer bei niedriger Bezahlung. Teilweise werden die Überstunden nicht einmal bezahlt. Es heißt dann, man könne sie abbummeln, aber die Überstunden häufen sich. Macht man nicht mit, oder möchte früher gehen, dann steht schon der nächste Bewerber vor der Tür. Das ist schon einigen von uns passiert.“

Dennoch, man gewöhnt sich daran.

Es handelt sich schließlich nicht mehr um einen Ausnahmezustand, sondern es ist Normalität.

Freelance Jobs als Alternative? Fehlanzeige

Andere arbeiten daher als Freelancer. „Die werden zwar wöchentlich ausgezahlt, leben aber dennoch von der Hand in den Mund. Es gibt nicht mal einen einen ordentlichen Arbeitsvertrag. Alles ist mündlich geregelt oder in kurzer schriftlicher Form abgemacht. Meistens sind diese Abmachungen so schwammig, dass man hinterher feststellt, dass man übers Ohr gehauen wurde. Sei es, dass man ständig Überstunden machen muss, ohne mehr dabei zu verdienen oder einen Ausgleich zu bekommen“, erklärt ein Kollege von Esat.

„Und ja, wir leben mit dem Risiko, jederzeit gekündigt zu werden. Nämlich dann, wenn sich jemand finden lässt, der für noch weniger Bezahlung arbeitet. Die Kündigung erfolgt dann sehr schnell und unkompliziert – wenn überhaupt. Die Spirale wird also immer enger“, erzählen 3 Lehrer, die ich in einem Café spreche. „Oft bekommt man nur dann den Urlaub, wann es dem Chef passt und nicht dann, wann man ihn braucht. Hier hat man nur 14 Urlaubstage im Jahr, die Wochenenden werden einberechnet. Da geht einem schnell die Puste aus. Aber man muss weitermachen. Obwohl die Eltern der Kinder bis zu 250 Lira pro Stunde an das Institut zahlen, bekommen wir Mitarbeiter pro Arbeitstag 60 bis 100 Lira. Und das, obwohl wir bis zu 10 Schüler pro Stunde unterrichten. Andere, die es schaffen, sich ein eigenes Klientel aufzubauen und regelmäßig Unterricht zu geben, verdienen ebenfalls 120 bis 150 Lira pro Stunde. Die gehen direkt in die eigene Tasche“, so Esats Kollege.

Aber auch da versuchen Arbeitgeber zu sparen und setzen den Lohn runter. Sie sparen also erstens an den Sozialabgaben, zweitens am Stundenlohn des Arbeiters und gehen nach wie vor mit mehr Geld in der Tasche aus dem Büro, während sie ihre Teilzeitkräfte statt 50% dann 60% pro Nachhilfeschüler abziehen. Wie es ihnen beliebt. Dadurch ist es nicht selten zu Auseinandersetzungen zwischen Kollegen und dem Arbeitgeber gekommen. Einige haben sich ausgenutzt gefühlt. Zu Recht, denn häufig werden nicht einmal Sozialabgaben, Krankenversicherungskosten von den Arbeitgebern abgeführt während der Arbeiter malocht. Oder es kommt zu Verstimmungen, weil sich immer mehr Überstunden anhäufen. Das wirkt sich auch auf die Psyche aus. Wer soll da noch gute Performance leisten und motiviert arbeiten? Dabei wäre es so einfach.“

Als ich daraufhin eine Zwischenfrage stelle, verstummen die Leute:

„Und was ist mit Solidarität unter Kollegen?“

Es klingt für sie im ersten Augenblick höhnisch. In der zweiten Sekunde realisieren sie jedoch, dass die Frage berechtigt ist. Keiner traut sich, Widerstand gegen die Arbeitsbedingungen zu leisten. Noch weniger, dies dann auch zuzugeben.

„Sich gegen den Arbeitgeber auflehnen? Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das ist nicht so wie etwa bei den Gezi-Park-Protesten mitzumarschieren. Da darf man idealistisch sein, aber wenn’s um die Arbeit geht, ist das was völlig anderes. Solche Fragen stellen sich nicht. Jeder muss schließlich sein Brot verdienen“, erklärt einer der Nachhilfelehrer.

„Es steht nicht so gut um die Wirtschaft, vor allem nach dem Putschversuch im Juli“, berichtet der Elektriker Ahmet. „Mittlerweile ist der Dollar bei 3.41 TL. Und der Wechselkurs steigt weiter. Keiner möchte angemessen zahlen, keiner hat Geld. Wir nehmen mittlerweile Aufträge an, für die wir nur die Hälfte von dem bekommen, was wir noch letztes Jahr verdient haben. Alle arbeiten für einen Hungerlohn. Aber irgendwie kommen wir auch über die Runden. Familienzusammenhalt, Beistand von Freunden ist da sehr gefragt. Das ist die gute Seite von dem Ganzen. Man weiß, wer wirklich bei einem ist, wenn es einem auch mal schlecht geht.“

Wir sind ja nicht emotionslos.

„Dieses Land war nicht so, ist es aber besonders in den letzten Jahren geworden. Ich weiß nicht, ob es an der generellen gedrückten Stimmung der Leute liegt, da in den Medien immer mehr Negatives über die politische Lage berichtet wird, an der Zuwanderung, mit der auch Billigarbeit entsteht, oder einfach dadurch, dass wir Türken in der Türkei einfach die Balance verlieren. Die Geschehnisse überschlagen sich, und lösen Unsicherheit und Stress aus. Das wirkt sich alles auch auf die Arbeit aus.

Wir können unter den Umständen nicht so tun, als ob nichts wäre. Menschen haben teilweise Angst, zur Arbeit zu gehen, weil jederzeit wieder eine Bombe im Zentrum oder sonstwo hochgehen könnte. Wie soll man da so weitermachen, als ob nichts wäre?! Es betrifft uns alle“, schließt Pelin ab.

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