HR-Sendung

Während ich am letzten Wochenende die aktuellen Unruhen in Ägypten verfolgte, fiel es mir auf, dass es in unserem Land für viele offenbar doch wichtigere Themen zu geben scheint als Demokratie und Menschenrechte. Ich bin erstaunt und ebenso verwirrt über den Programmablauf, die Begrifflichkeiten sowie die Symbolik, die in der Sendung „Horizonte“ des Hessischen Rundfunks mit dem Titel „Wer hat Angst vorm Muselmann?“ vom vergangenen Samstag ausgestrahlt und uns als „Unterhaltung“ oder auch „Infotainment“ offenbart wurden.

Ich scheine wohl zu alt, zu gut informiert und aufgeklärt zu sein, als dass mir bestimmte Einzelheiten nicht sofort ins Auge gesprungen wären, dabei habe ich nicht einmal das Durchschnittsalter in Deutschland erreicht. Wie jung mögen die Damen und Herren im Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks sein, dass Ihnen Gleiches nicht aufgefallen ist?

Welcher Muselmann, der von Auschwitz?

Der Hessische Rundfunk ist mittlerweile nicht nur bekannt für die Verharmlosung von „Blackfacing“ in seinem Rundfunkrat und zweifelhafte Berichterstattung zur Deutsch-Türkischen Kulturolympiade, nun illustriert auch noch das Umtexten des bekannten früheren Titels „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ trefflich das Thema Rassismus in Deutschland. Was viele nicht wissen, ist: Dieser weist fundamental auf einen Rassismus aus kolonialer und postkolonialer Zeit hin, der in ganz Europa schon mal zur Errichtung von Menschenzoos geführt hatte. Viele kennen dieses noch als altbekanntes Fangspiel, welches in deutschen Kindergärten und Schulen gespielt wurde.

Der Austausch des „Schwarzen Manns“ durch den Begriff des „Muselmannes“, der im nationalsozialistischen Deutschland für die Hetze und paranoide Ideologie eines biologischen Übermenschen und zur Abgrenzung des Selbstbildes zum Untermenschen benutzt und missbraucht wurde, sprengt nun das ganze Bild der Aufklärung zusätzlich. Dass die Bedeutung des Wortes so nicht im deutschen Duden steht, sondern als spaßiger, gar witziger Ausdruck für Muslime dargestellt wird, ist nicht verwunderlich. Nur wer die demografische Entwicklung der Bevölkerung und das Durchschnittsalter der potenziellen Zuschauer kennt, der wird die angestrebte Zielgruppe wohl erahnen können.

Holzschild erinnert an Antisemitismus

Nun kommen wir am Ende doch zum Thema, lieber Moderator. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sehen 51% der Deutschen den Islam als Bedrohung an. Um solch eine Umfrage in einer Stadt durchzuführen, wird ein Holzschild bemalt und an einen Holzpfahl genagelt, auf dem folgendes steht: „51% der Deutschen – Islam=Bedrohung“. Die Symbolik, die dahinter steht, erspare ich mir näher zu erläutern. Zu diesem Studienergebnis wurde kurz zuvor an einem Ort nachgefragt (Offenbach), wo kurz zuvor ein Übergriff auf einen Rabbiner erfolgte, welcher von einer jugendlichen, mutmaßlich muslimischen Gruppe beschimpft wurde. Wenn kurz nach solch einer Tat jemandem dieses Schild vor die Nase gehalten wird, welche Antworten erwartet man dann eigentlich?

Es wird heiß diskutiert, wie kam es denn zum Antisemitismus bei Muslimen? Ja, das ist eine Frage, die ich mir auch täglich stelle. Nicht zuletzt immer dann, wenn ich lese, dass es regelmäßig Rechtsrockkonzerte gibt, wobei in Anwesenheit der Polizei Mordaufrufe gegen Juden stattfinden – und es niemanden interessiert. In der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Mitte im Umbruch“ und auch anderen Studien wird belegt, dass es in Deutschland einen stabilen antisemitischen Bodensatz von 20% der Bevölkerung gibt. Da stellt die Minderheit in der Minderheit der Muslime sicherlich nicht die größte Gefahr dar (zumal der Anteil der Antisemiten unter ihnen in etwa auf gleicher Höhe liegt), auch wenn diese Erscheinung dennoch nicht verharmlost werden darf.

Die Sendung des HR illustriert jedoch eine historische Linie von Alteritätsdiskurs über Kolonialismus, Antisemitismus, Nationalsozialismus, Antisemitismus bis hin zum neuen Feindbild des Islam. Doch wer sind nun die Experten, die diese neue Bedrohung für die Deutschen mit dem verzweifelten Bauchredner zusammen analysieren wollen, um Klischees und Vorurteile abzubauen?

Ein Comedian und eine Schriftstellerin als Gesellschaftsanalytiker

Allein die Begrüßung der Gäste ist herrlich ekelerregend: „Wir haben einen „Muselmann“ und eine „Muselfrau“ eingeladen“? Definitiv haben wir in Deutschland einen Fachkräftemangel, wenn wir zur Analyse von gesellschaftspolitischen Themen und Studienergebnissen nun keine Wissenschaftler mehr (er)finden können, sondern mutige Künstler einladen müssen. Anscheinend sind jene die einzig auffindbaren Mediatoren, die uns zu einer Meinungsbildung verhelfen sollen. Armes Deutschland.

Dieses Phänomen, dass der Islam innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte als Feindbild propagiert wurde und die Wurzeln hierfür historisch schon viel früher greifen, wurde wissenschaftlich mehrfach belegt und aufgearbeitet. Medienwissenschaftler und Beobachter wie z.B. das Institut für Medienverantwortung unter der Leitung von Sabine Schiffer, etliche Stiftungen, die Studien wie die oben erwähnte durchführen, sowie Migrationsforscher wie Klaus J. Bade tun täglich nichts anderes.

Verharmlosung und Missbrauch von Leid

Jene, die die wahren Hintergründe erforschen, bleiben seltsamerweise immer im Hintergrund und werden nicht als Experten eingeladen – trotz lebenslanger Studien und fundierter wissenschaftlicher Analysen. Es ist eine Schande, wie in Deutschland mit so sensiblen Themen umgegangen wird, wie lächerlich sich die Medien- und Rundfunkräte damit machen, aus dem Leid von Minderheiten eine Komödie oder Experimente zaubern zu wollen, wie zuletzt bei der Sendung „Auf der Flucht“ des ZDF, die zurecht einen Aufschrei hervorgerufen hat.

Es leben etwa 18 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund aus mehr als 190 Nationen in Deutschland, die das Treiben dieser Sender mit einer Zwangsabgabe finanzieren. Bitter ist, dass die Mehrheitsgesellschaft keine objektive und informative Qualität geliefert bekommt, um sich wirklich eine Meinung zu bilden, die der Realität gerecht wird. Es ist ein Trauerspiel sondergleichen, dass wir offenbar wirklich keinen Anspruch auf ein öffentlich-rechtliches Fernsehen haben, welches tatsächlich der Wissens- und Meinungsbildung sowie der Wahrung der Demokratie dienen würde. Hetze gegen Gebühren scheint ein Trend zu sein, den die demokratischen Adleraugen unter uns nicht aus dem Blick verlieren dürfen.