DTJ Online

Wer hat Dani Rodrik in die Irre geführt?

Wer hat Dani Rodrik in die Irre geführt?

Im Jahre 2002, als die AKP die Regierung übernahm, wurde das türkische Militär unruhig. Nur drei Wochen nach der Wahl begann der Kommandeur der 1. Armee, Çetin Doğan, seinen Einheiten regierungsfeindliche Anweisungen zu geben, unter anderem zur illegalen Sammlung von Daten angeblich oder tatsächlich AKP-naher Personen.

Später setzte er die Regierungsübernahme der AKP mit jener der Nazis 1933 gleich, verfasste Faxe mit diesem Inhalt und versandte sie von seinem eigenen Arbeitsbüro.

Doğans Übermut erreichte seinen Höhepunkt, als er im Rahmen eines Seminars, bei dem es um ein völlig anderes Thema gehen sollte, seinen Putschplan vortrug und zur Diskussion stellte. In jener Zeit nutzte er jede Gelegenheit, seine Propaganda den Vorgesetzten vorzutragen, obwohl dies den Anweisungen seitens der Führung der Streitkräfte des Landes zuwiderlief. Dieser Putschplan wurde am Ende bekannt unter dem Namen Balyoz (Vorschlaghammer).

Der Plan sah unter anderem konkret vor, welche Personen zu welcher Zeit an welchem Ort den Militärputsch umsetzen sollten. Auch wurden genaue Namen jener Personen genannt, die für Verwirrung und Chaos im Vorfeld zum Zwecke der Legitimierung des Putsches sorgen sollten.

„Leichter zu beweisen als meine eigenen ökonomischen Thesen“

Doch nachdem dieser geheime Putschplan aufgeflogen war und die Verantwortlichen vor Gericht gestellt wurden, trat überraschend eine Person mit angeblichen Enthüllungen an die Öffentlichkeit – es war der Schwiegersohn von Doğan, Dani Rodrik (Foto), ein berühmter amerikanischer Ökonom. Rodrik, der sogar ein Buch zu diesem Thema schrieb, behauptete, dass die Beweise gegen Çetin Doğan gefälscht wären. Er ging sogar so weit, seine wissenschaftliche Kompetenz aufs Spiel zu setzen und behauptete, dass die Unschuld Doğans eher zu beweisen wäre als seine eigenen ökonomischen Thesen.

Seine Argumente wurden sowohl von den Nationalisten in der Türkei als auch weltweit von allen AKP-Gegnern nicht nur unterstützt, sondern auch verbreitet. Rodrik stützte seine These im Wesentlichen auf folgende Annahme: Die Anschuldigungen wegen des Balyoz-Plans umfassten drei CDs, die zum Teil manipuliert waren. Schließlich wurden in diesen CDs aus dem Jahre 2004 Organisationen und Orte erwähnt, die nachweislich erst viel später gegründet wurden. Diese Enthüllung bestätigte Rodriks These.

Das reichte Rodrik auch, um die Unschuld seines Schwiegervaters als bewiesen zu betrachten. Er meinte, den ultimativen Beweis dafür zu haben, da ja die CDs, die als Beweismittel gegen Doğan aufgeboten wurden, manipuliert waren. Seine logische Folgerung war: Es muss sich um einen Komplott gegen seinen Schwiegervater handeln!

In Interviews positionierte er sich gegen die Vormundschaft des Militärs, stattdessen für Rechtsstaatlichkeit und forderte genau aus diesem Grund, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommen müsse. Heute haben wir reichlich Fakten, um Rodriks Wahrheitsanspruch gerecht zu werden.

Verwirrungstaktik gehörte zum Tatplan

Erstens wissen wir inzwischen, dass die Richtigkeit des Inhalts der von ihm angezweifelten drei Beweis-CDs durch weitere, nicht manipulierte CDs untermauert wird.

Zweitens wurden die manipulierten Beweis-CDs auch im illegalen Geheimversteck der Marine in Gölcük zusammen mit weiteren Dokumenten sichergestellt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Doğan-Gegner Zugang zu diesem geheimen Ort hatten, ist sehr gering. Eher hätte jemand, der in die Balyoz-Überlegungen eingeweiht war, die Chance gehabt, sich für alle Fälle noch ein Ass in den Ärmel zu schmuggeln.

Die Anwälte der Angeklagten leiteten die in Gölcük gefundene Hard-Disk Nr. 5 an vereidigte Spezialisten in den USA weiter mit dem Auftrag, ihre Richtigkeit zu verifizieren. Das Ergebnis: Die zahlreichen Dokumente, die angeblich aus dem Jahr 2004 stammten, wurden tatsächlich erst 2009 hinterlegt. Dieses Ergebnis bewies zwar ein Komplott gegen Çetin Doğan, die Frage nach den Hintermännern des Komplotts blieb jedoch weiter unbeantwortet.

Und schließlich kam das Totschlagargument: Verantwortlich für das Geheimversteck war der Major Kemalettin Yakar. Die Passwörter für seine persönliche Festplatte stimmten haargenau mit jenen der Hard-Disk Nr. 5 überein. Es hat also ein Komplott gegeben, aber hinter diesem standen offenkundig nicht Doğans Gegner, sondern seine eigenen Mitarbeiter.

Für die bewusste Fälschung und den Einbau raffinierter Fallstricke in die Dokumente gab es eine einzige Erklärung: Die Putschisten haben die Dokumente immer wieder aktualisiert und auf einen günstigen Zeitpunkt für ihren Putsch gewartet. Um für ein Auffliegen ihrer Pläne gewappnet zu sein, haben sie bewusst Widersprüchlichkeiten in die Dokumente eingearbeitet.

Der perfide Plan: Im Falle eines gerichtlichen Prozesses sollte eine anerkannte und wertgeschätzte Person von außen die Widersprüche entlarven und sie der Öffentlichkeit präsentieren können. Auf diese Weise sollte ein Komplott bewiesen und die Anklage wegen Verleumdung fallen gelassen werden können.

Anscheinend kam Çetin Doğan dabei zuerst sein Schwiegersohn in den Sinn. Wer sonst als der international anerkannte Akademiker und angesehene Ökonom Dani Rodrik hätte mit einer wissenschaftlichen Untersuchung den Komplott beweisen, ihm und seinen Mitstreitern psychologische Unterstützung leisten sowie Druck auf das Gericht ausüben können?

Rückkehr in den Elfenbeinturm

Aber der Plan ging nicht auf, denn die Manipulationen an den in Gölcük gefundenen Dokumenten wurden höchstpersönlich und mit Wissen der für sie verantwortlichen Personen vorgenommen. Schließlich gab auch der Stabschef in den vergangenen Tagen selbst zu, dass er im Besitz eines Teils dieser Beweisunterlagen war. Damit konnte allen Fantastereien und Spekulationen ein Ende gesetzt werden.

Vermutlich hat sich Dani Rodrik mittlerweile wieder seinem Forschungsgebiet, der Analyse der Beziehung zwischen Demokratie und Ökonomie, zugewandt. Jemand, der ein ernsthaftes Interesse daran hat, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt, würde sich wohl ohne Zweifel zufrieden geben mit dem aktuellen Stand des Verfahrens. Während man die Hintermänner des Komplotts in der Ferne wähnt, scheint es in diesem Fall, als ob sie sich im engsten Bekanntenkreis befänden.

Leider kann man bei der Partnerwahl den Schwiegervater nicht außen vor lassen.
 
Autoreninfo: Etyen Mahçupyan (* 1950 in Istanbul) ist ein armenisch-türkischer Journalist und schreibt seit 2001 für die türkische Tageszeitung Zaman. Er war zwischen 2007 und 2010 auch Herausgeber der in armenischer und türkischer Sprache erscheinenden türkischen Wochenzeitung Agos und damit Nachfolger des ermordeten Hrant Dink.

Die mobile Version verlassen