Titanic-Chefredakteur Tim Wolff im ARD-Nachtmagazin.

Tim Wolff ist seit 2013 Chefredakteur des zweitgrößten deutschen Satiremagazins TITANIC und als solcher routiniert im Umgang mit Kontroversen. Als Satiriker mit Fingerspitzengefühl sagt er dennoch, dass er keine Mohammed-Karikaturen abdrucken würde. DTJ hat sich mit ihm darüber unterhalten, wie man als Satiriker mit den Missverständnissen der potentiellen Leserschaft umgehen sollte und wie …

DTJ: Herr Wolff, wie kalkulierbar sind die unterschiedlichen Reaktionen auf Satire und ist das für einen Satiriker überhaupt wichtig?

WOLFF: Sie sind schwer kalkulierbar, da man nie weiß, wer auf welchen Wegen Zugang zu Satire bekommt. Und um Satire und Komik zu rezipieren und zu goutieren, braucht es Vorkenntnisse. Oder einfacher gesagt: Jeder kennt in seinem Bekannten- und Verwandtenkreis solche, die mit Witz und Ironie umgehen können und solche, die es einfach nicht begreifen. Letztere sind deswegen keine schlechteren Menschen, sollten sich aber vielleicht den Konsum und die Interpretation von Satire verkneifen. Charlie Hebdo wird nach den Anschlägen erst recht weltweit wahrgenommen. Da werden Zeichnungen, die für ein Publikum gedacht sind, das kundig mit dieser Form der Satire umzugehen weiß, plötzlich auch dort wahrgenommen, wo es andere Voraussetzungen gibt. Das kann man aber Charlie Hebdo nicht vorwerfen. Sollen sie ihre Witze nach der missgünstigsten und kenntnisärmsten Interpretation ausrichten? Satire ist nur möglich, wenn die das Missverständnis riskiert.

Gibt es eigentlich Satiriker mit einer bösen bzw. guten Absicht?

Satire ist die gute Absicht im bösen Kleide. Humor und Komik entstehen immer in Reibung mit den Zumutungen und Ungerechtigkeiten der Welt. Komik ist Diagnose und Medikament in einem. Wer mit böser Absicht Witze macht, erzeugt nur Niedertracht und bestenfalls ein Auslachen, aber kein befreiendes Auflachen. Denn der Niederträchtige will nicht mit der Realität spielen, sondern eine eigene Sicht zur Realität erklären. Deswegen sind z.B. Stürmer-Karikaturen eindeutig; sie wollen belegen, dass Juden vernichtet werden sollten, aber Charlie-Hebdo-Zeichnungen beispielsweise sind ambivalent und nicht eindeutig auf eine Aussage festzulegen. Sie hinterfragen die Realität und der Leser muss seine eigene Antwort finden.

Was können Menschen besser machen, um Satire richtig zu verstehen?

Meine erste Antwort zeigt das eigentlich deutlich. Es gibt manche, die es einfach nicht verstehen wollen oder können. Wichtig ist: Nicht immer dem ersten Impuls nachgeben, denn häufig wirkt das aufgegriffene Thema stärker als der Witz oder die möglichen Aussagen. Im aktuellen Fall bedeutet das: Selbst wenn man geschockt ist, dass das Foto des toten Jungen für eine Karikatur verwendet wird, sollte man sich erst einmal fragen: „Was wollen die uns damit eigentlich sagen?“

Wie ist, als ein wichtiger deutscher Satire-Experte, Ihre persönliche Meinung zum Aylan Kurdi-Cover und der zweiten Karikatur im selben Heft?

Erst einmal: Charlie Hebdo macht sich nicht über Aylan lustig, sondern verwendet das Symbol, zu dem die Fotografie des Leichnams geworden ist, um die aktuelle Flüchtlingssituation und ihre politischen Begleiterscheinungen zu kommentieren. Die Zeichnung mit der McDonald’s-Reklame stellt die Frage: In welche Welt wäre das Kind denn gekommen? Und antwortet meines Erachtens: In eine Welt des Überflusses und des Kommerz, die dazu beigetragen hat, dass der Junge überhaupt flüchten musste. Für mich ist die Karikatur etwas zu moralisierend, aber trifft einen interessanten, häufig vernachlässigten Punkt. Die Jesus-Zeichnung finde ich besser, sie spitzt sehr gut den Rassismus der Vertreter des christlichen Abendlands zu.