Der 28. Oktober 2015 wird als ein denkwürdiger Tag in Erinnerung bleiben. Als ein Tag, an dem türkische Pressegeschichte geschrieben wurde. Als ein schwarzer Tag für die Pressefreiheit im Lande, aber auch als ein Tag des couragierten Kampfes für die freie Presse.

An diesem 28. Oktober 2015 wurde vor aller Augen die Fernsehsender Bugün TV und Kanaltürk vor laufenden Kameras zum Schweigen gebracht. Ebenso hat man die Zeitungen Bugün und Millet de facto enteignet, Journalisten auf die Straße gesetzt und ihren Redaktionen eine Erdoğan-treue Linie aufgedrängt.

Hälfte der Griechen verfolgten live

Zuerst kamen Polizisten. Es wurde Pfefferspray eingesetzt, gegen Journalisten und Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz schützen wollten. Die Tore der Redaktionsgebäude wurden von der Feuerwehr gewaltsam geöffnet. Am Ende des Tages, genau um 16.03 Uhr Ortszeit, ist der Sendebetrieb zusammengebrochen. Danach wurde es schwarz bei den Sendern.

Ein Vorgang, den die Hälfte der Bevölkerung des benachbarten Griechenlands live mitverfolgte, während die türkischen Nachrichtensender lieber etwas anderes zeigten. Dass sie sich nicht wegen des mangelnden Nachrichtenwerts so verhielten, liegt auf der Hand.

Zuvor wurden die 22 Unternehmen des Konzerns Koza İpek unter staatlichen Zwangsverwalter gestellt.

163 staatliche Prüfungen in einem Jahr

Dass es dazu kommen würde, hatte sich angekündigt.

Der Chef des Konzern, Akin Ipek, hatte sich geweigert, eine Erdoğan-treue Linie zu fahren. Dadurch zog er dessen Zorn auf sich. Dann passierte, was immer passiert, wenn ein Unternehmen sich nicht fügt. Die staatliche Macht wird aufgefahren, Steuerprüfer werden geschickt, die Polizei kommt.

Allein sein seine Goldmine in Ovacık wurde in einem Jahr 163 staatlichen Prüfungen unterzogen. Man fand nichts. Trotzdem wurden seine Unternehmen quasi verstaatlicht.

Ein Staatsanwalt beantragte die Bestellung von Zwangsverwaltern, ein Spezialgericht (Sulh Ceza Mahkemesi), leistete dem Folge. In der Begründung hieß es denkwürdigerweise: „Bei der Überprüfung der Unternehmen erschienen diese derart fehlerlos, dass der Verdacht aufkam, dass das unrealistisch ist.“

Melek İpek tritt auf die Bühne

In dieser Zeit trat eine Person hervor und erfuhr große Aufmerksamkeit in regierungskritischen Medien: Melek İpek. Sie sprach den Mitarbeitern der Sender und der Zeitungen Mut zu, sagte, es lohne sich nicht, wegen solcher Dinge zu trauern.

Sie sprach zu ihren Mitarbeitern, einige mit Tränen in den Augen: „Genießen wir in diesen Momenten die Zufriedenheit über unsere Aufrichtigkeit. Ein Vergehen, das nicht exıstıertt, kann man nicht ausfindig machen. Sie haben tausend Mal danach gesucht, nichts gefunden.“ Und weiter: „Ich bin nicht traurig. Ich sage: ‚Mein Gott, mache, dass sie all ihren Ehrgeiz und Habsucht an unserer Familie ausleben, sodass sie anderen unschuldigen Menschen nichts tun.’“

Was für eine Familie ist das?

Die Familie İpek stammt ursprünglich aus der Provinz Maraş im Südosten der Türkei. In den 1940er Jahren zog sie nach Adana im Süden des Landes. Dort begann der junge Ali İpek in Druckereien zu arbeiten. Mit 20 Jahren gründete seine eigene kleine Druckerei.

Doch Ali İpek wollte wachsen. Er ging nach Ankara. Das Paar bekam die Kinder Pelin, Akın und Tekin. Hier begann er unter dem Namen Koza Einladungen, Kalender, Neujahrsgruß-Karten und ähnliches zu drucken. In seinen jungen Jahren wurde Ali als ’Cin Ali’ genannt, was ungefähr als ‚der aufgeweckte Junge‘ übersetzt werden konnte. Er war schmächtig, aber voller Energie. Später hat er mit diesem Namen die Comicheftreihe ‚Cin Ali‘ herausgebracht.

Mit Goldminen zum Reichtum gekommen

Doch Ali İpek erkrankte an Krebs, starb 1996. Danach übernahmen die Jungen das Unternehmen. Seine Frau Melek İpek, die viele auch liebevoll Melek anne nannten (Mutter Melek, wobei melek im Türkischen Engel bedeutet), blieb im Hintergrund.

Der Aufstieg zum Großunternehmen begann mit der Goldsuche in Bergama.

Danach stieg der Konzern in das Mediengeschäft ein, übernahm die Zeitung Tercüman, die fortan Bugün hieß, kaufte den verschuldeten Fernsehsender Kanaltürk, der bis dahin Tuncay Özkan gehörte und eine nationalistische Linie fuhr. Die Zeitung Millet wurde herausgebracht, Bugün TV folgte. Die İpek-Universität wurde gegründet.

Wofür der Name İpek stehen wird

Seit dem Oktober 2015 ist damit erst einmal Schluss. Nachdem staatliche Zwangsverwalter den Konzern übernahmen, ist ihr Eigentum de facto verstaatlicht, die Medienmacht zu Ende. Dutzende Journalisten aus den Koza-İpek-Medien wurden entlassen und durch Erdoğan-treue, aber ihren legitimen Arbeitgebern feindlich gesinnte Journalisten ersetzt.

In der Neuen Türkei, die seit Jahren von der AKP angepriesen wird, scheint eine eigene Meinung ein Luxus zu sein. Der Name İpek steht nicht mehr nur für eine Familie in der Türkei. Möchte das Land wieder ein Rechtsstaat sein, eine Demokratie mit funktionierender Justiz, wird der Name wohl erwähnt werden müssen.

Wenn nicht, dann werden an diesem 28. Oktober 2015 nicht nur die Medien eines Konzerns zum Schweigen gebracht worden sein.