epa05361207 People gather to mourn, honor and remember the victims of the Orlando nightclub shooting at Newtown, in Sydney, Australia, 13 June 2016. At least 50 people were killed and 53 were injured in a shooting attack at an LGBT club in Orlando, Florida, in the early hours of 12 June. The shooter, Omar Mateen, 29, a US citizen of Afghan descent, was killed in an exchange of fire with the police after taking hostages at the club. EPA/SAM MOOY AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT +++(c) dpa - Bildfunk+++

Nach dem Blutbad mit 50 Toten in einem LGBT-Nachtclub in Orlando/Florida haben sowohl in den USA als auch weltweit Politiker und Geistliche die Tat einstimmig verurteilt und sich betroffen geäußert. Die Ex-Frau des Täters beschrieb diesen als „sinnlose Gewalt ausübenden Menschen“, der mehr Zeit im Fitnessstudio verbracht habe als in der Moschee. US-Medien meldeten am Sonntagabend, das FBI habe berichtet, dass der Attentäter sich vor der Tat beim Polizeinotruf 911 zum IS bekannt habe. Auch die dem IS nahestehende Nachrichtenagentur Amaq habe unter Berufung auf eine nicht näher genannte Quelle gemeldet, die Tat sei „von einem Kämpfer des Islamischen Staats ausgeführt“ worden. Gleichzeitig wird vor einem Generalverdacht gegen alle Muslime gewarnt, was richtig ist.

Nach jedem Anschlag, egal ob in Istanbul, Paris, Brüssel oder wie in diesem Fall in Orlando, ist es wichtig und richtig seine Stimme zu erheben und den Terror zu verurteilen. Reicht das aber aus? Jeder Anschlag, egal ob der oder die Täter einen Bezug zu einer Terrororganisation haben, die ihre Taten mit dem Islam legitimiert und damit vor allem der Religion selbst schadet, wirkt sich verheerend auf das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen aus. Und das seit dem 11. September 2001, dem Tag, seit dem die unselige Verknüpfung zwischen Islam und den Terror in den Medien omnipräsent ist. Obwohl seitdem viele Debatten geführt wurden und viele muslimischen Gelehrte und Verbände den Terror im Namen der Religion ohne Wenn und Aber verurteilt haben, steht diese These im Raum und es reicht heute nicht mehr aus zu sagen: „Der Islam hat mit dem Terror nicht zu tun“.

Der muslimische Gelehrte Fethullah Gülen ist einer der wichtigsten muslimischen Intellektuellen, der auf Grundlage von islamischen Quellen den Terror verurteilt und sowohl den Tätern als auch den Hintermännern die religiöse Legitimation abspricht. In mehreren Büchern, Reden und Interviews beschäftigt er sich mit den Ursachen des Terrors und der Instrumentalisierung des Islam durch Terroristen. Sein Urteil über Terroristen die angeblich über ihre Schandtaten in das Paradies kommen wollen ist eindeutig: „Wer Terror im Namen der Religion verübt, landet mitten in der Hölle“.

Im Islam gibt es den Glauben an das Jenseits, in welchem der Mensch neu erschaffen wird. Er wird am Tag des jüngsten Gerichts vor Gott treten und Rechenschaft über seine Taten ablegen. Für seine guten Taten wird er mit dem Paradies belohnt. Als Strafe für Taten, wie zum Beispiel Planung und Durchführung von Terroranschlägen ist die Hölle vorgesehen.

Viele junge Muslime, egal ob sie in einem mehrheitlich muslimischen oder in einem europäischen Land aufgewachsen sind, haben kein fundiertes Wissen über ihre Religion. Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen, instabile Persönlichkeitsstrukturen und Perspektivlosigkeit treiben sie in die Arme von Terrororganisationen. Oft erfolgt die Radikalisierung über das Internet und die sozialen Medien. Gülen verweist genau auf diese Komplexe: „Es geht nicht, dass jemand im Namen der Religion Prinzipien wie Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit mit den Füßen tritt und Mord als ein Prinzip der Religion proklamiert.“ Er sieht die wahre Religiosität eines Muslims darin, dass er den Frieden und der Sicherheit dient: „Selbst im Kriegsfall darf man unschuldige Menschen nicht töten.“

Gülen bleibt aber nicht an diesem Punkt stehen. Er verweist auf die ungerechten politischen Ordnungen in der sogenannte islamischen Welt und stellt kritisch fest: „Nach meiner Auffassung gibt es keine Region auf der Welt, die den Namen ‚islamisch‘ verdient. Es gibt Orte, wo Muslime mehr oder weniger versuchen, ihren Glauben zu leben. Aber die meisten Menschen sind Kultur-Muslime.“ Damit meint Gülen ein Religionsverständnis, das unreflektiert von den Vorfahren übernommen wird. In einem Interview mit dem Wall Street Journal im August 2015 forderte der Gelehrte, dass die Muslime dem Radikalismus in ihren eigenen Reihen vorbeugen sollten: „Während eine Gruppe, die als IS bekannt ist, im Nahen Osten Massaker verübt, ist es unsere Aufgabe, uns der totalitären Ideologie des IS und anderer Gruppen, die es ihm nachmachen, zu stellen. Jeder Terrorakt im Namen der Religion entfremdet die Muslime der Gesellschaft in der sie leben und vertieft die falsche Wahrnehmung über den Islam.“

Einige Monate später, im Dezember 2015, verfasste Gülen einen Gastbeitrag für die französische Zeitung Le Monde, in der er einen Schritt weiter ging und die Muslime aufforderte, ihr Glaubensverständnis kritisch zu überprüfen: „Wir sollten als Muslime unser Verständnis vom Islam und unsere Handlungen anhand der Bedingungen der Gegenwart und im Lichte der Interpretation der Zeit erneut prüfen und fähig sein, Selbstkritik zu üben. Das heißt nicht, dass wir damit mit der islamischen Tradition brechen. Im Gegenteil; wir werden uns damit eventuellen Abweichungen bewusst. Indem wir uns davon befreien, kommen wir einem Verständnis des Geistes und der Essenz des Korans und der Sunna näher, wie die Gläubigen der Anfangszeit des Islam.“


Quelle der Zitate: Demokrasiden geriye Dönüş Yok (Es gibt kein Zurück von der Demokratie), Faruk Mercan, Blue Dome Verlag, New York 2016