Militäroffensive Türkei in Syrien. Rolle der USA in Syrien.
ARCHIV - 14.01.2019, Türkei, Hatay: Ein Konvoi türkischer Militärlaster mit Panzern und gepanzerten Fahrzeuge, sind zur Vorbereitung auf eine mögliche militärische Offensive nach Syrien unterwegs. Foto: Uncredited/AP/dpa

Die Türkei, Russland, Syrien, die USA und die Kurden: In Nordsyrien sind viele staatliche und nicht-staatliche Akteure im Konfliktgeschehen aktiv. Seit Jahren stoßen ihre Interessen aufeinander. Ein Überblick.

Acht Jahre Krieg haben Syrien verändert. Im Syrien-Konflikt sind bislang geschätzt mehr als 500.000 Menschen ums Leben gekommen. Im Land sind viele unterschiedliche Akteure unterwegs, die eigene Interessen vertreten und die Konfliktherde im Land weiter anfeuern. Seit dem Abzug der US-Truppen sind neue staatliche und nicht-staatliche Spieler auf dem Schlachtfeld Syrien aufgetaucht. Für das Machtgefüge in der Gefahr in der Region birgt das große Risiken. Ein Überblick zu den verschiedenen Akteuren.

Türkei

Ankara will in Syrien eine Schutzzone errichten, um einerseits die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem eigenen Land zu bekommen und andererseits jene Kurden und ihre YPG-Miliz, die sie als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und Terrororganisation ansehen, zu bekämpfen. Die türkische Regierung sieht in der YPG eine Bedrohung für die innere Sicherheit der Türkei, weil sie die separatistischen Bestrebungen vieler in der Türkei lebenden Kurden anfeuern könnte, und ihre regionalen Interessen.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin darauf geeinigt, bis zu 15 Kilometer auf syrischem Boden gegen die als verfeindet eingestuften Kurden vorgehen zu können. Im Gegenzug erkennt Erdoğan die Macht Baschar al-Assads an und legitimiert damit indirekt seine (Terror-)Herrschaft, die er noch zu Beginn des Kriegs um jeden Preis beenden wollte.

Die Kurden

Für die Kurden in Nordsyrien kommt die aktuelle Situation einer Niederlage gleich. Obwohl die kurdische YPG die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) im Kampf gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) anführte, wurden sie von ihren Verbündeten im Westen, insbesondere den USA, fallengelassen. Ihre Bestrebungen nach Autonomie haben sie mit dem Hilferuf an Assad ad acta gelegt. Ihr Ziel nach einem eigenen Staat ist wieder in weite Ferne gerückt. Ihr Schicksal ist – wie so häufig – vollkommen offen.

USA

Als US-Präsident Donald J. Trump ankündigte, seine Truppen aus Nordsyrien abzuziehen, erschütterte die Nachricht die Region. Von einem auf den anderen Moment wurde das Machtgefüge aus den Angeln gehoben. In das Machtvakuum stießen sodann Russland, Damaskus und die Türkei. Die Zeiten, in denen die USA die Sicherheitsinteressen des Westens im Nahen Osten an vorderster Front verteidigten, sind vorbei.

Für Trump und seine Anhänger ist der Abzug der Truppen indes nur konsequent. US-Truppen sollen nicht in einem Krieg sterben, der ihnen nichts beschert außer Kosten. Hinzu kommt: Trump kann vor den anstehenden Wahlen beweisen, dass er seine Versprechen erfüllt: US-Truppen nach Hause zu beordern.

Russland

Wladimir Putin ist der große Gewinner der aktuellen Entwicklungen. Russland konnte sich im Syrienkonflikt als starker außenpolitischer Player inszenieren. Das Großmachtdenken des Kremls konnte Moskau bestätigen, in dem es seine Truppen im TV in verlassenen US-Stützpunkte zeigte. Seit Beginn des Syrien-Konfliktes war Putin ein Verbündeter Assads. Das rentiert sich nun.

Denn neben der Außendarstellung Russlands in der Welt konnte Putin auch geostrategisch Zählbares vermelden: Mit dem Hafen in Tartus hat er sich einen Zugang zum Mittelmeer gesichert. Hinzu kommt der Luftwaffenstützpunkt Khmeimim bei Latakia, der für Präsenz russischer Kampfjets im Mittelmeerraum sorgt. Die USA und die Europäer stehen nun blöd da. Ohne Russland geht in Syrien nun nichts mehr.

Syrien

Für Damaskus sind die Kurden lästig. In der Vergangenheit unterdrückte das Assad-Regime sie unerbittlich. Während des Bürgerkriegs überließ Assad ihnen aber die Verwaltung des Nordens. Für das Regime war es schlicht nicht möglich, in dem Multifrontenkrieg auch noch im Norden einzumarschieren. Die Kurden, so sah es Damaskus, seien immer noch besser als islamistische Milizen oder der IS, die sich in anderen Regionen breitmachten.

Als die Kurden nun angegriffen wurden und Assad zu Hilfe riefen, ließ er Truppen gen Norden marschieren. Für ihn ist es eine Chance, um wieder die Kontrolle im Norden des Landes zu erlangen. Nach der Einigung der Türkei und Russlands wird sich Assad zurückhalten und eine konfliktlose Machtübernahme anstreben. Es liegt an den Kurden, ob das tatsächlich realistisch ist.

Islamischer Staat (IS)

In den vergangenen Wochen sind mehrere hundert ehemalige IS-Kämpfer aus kurdischer Haft entkommen, berichten internationale Medien. Für die Terrororganisation birgt die Flucht ihrer Anhänger die Chance auf ein Wiedererstarken. Es besteht die Gefahr, dass auch europäische IS-Anhänger Anschläge in ihren Heimatstaaten verüben könnten. Ob eine Renaissance der berüchtigten Terrorgruppe tatsächlich bevorsteht, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen. Sollten Meldungen, wonach ihr Anführer al-Bagdadi tatsächlich gestorben ist, stimmen, könnte das auch den Zerfall der Terroristen beschleunigen.