In der Zeit des Fastenmonats Ramadan tritt dessen religiöse und spirituelle Bedeutung ganz besonders in der Bosporusmetropole sichtbar zutage.

Der neunte Monat des islamischen Mondkalenders ist der Fastenmonat Ramadan. Er findet wegen der sich verändernden Zyklen des Mondes jedes Jahr zu unterschiedlichen Zeiten statt – dieses Jahr startet er mit dem ersten Fastentag an diesem Samstag, dem 28. Juni, an dem die erste Sichel des neuen Mondes zu sehen sein soll, und dauert bis zum 27. Juli. Dann wird das Ende des Ramadans mit dem dreitägigen Fest des Fastenbrechens (Eid al Fitr) gefeiert. Das Fasten wird den Muslimen im Koran vorgeschrieben. Das bedeutet, sie dürfen vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang nicht essen und trinken.

Ramadan in Istanbul

Der Fastenmonat Ramadan ist in jedem islamischen Land, so auch in der Türkei, ein soziales und kulturelles Ereignis. Istanbuls Bevölkerung besteht zu mehr als 90% aus Muslimen. Während des Ramadan scheint der muslimische Glaube in Istanbul sich noch lebendiger und beeindruckender zu zeigen als sonst.

Ramadan in Istanbul erinnert ein wenig an Weihnachten im Westen: Geschäfte und Straßen sind mit Lichterketten geschmückt und geben somit der Stadt ein feierliches Flair. Zu dieser Zeit ist das Alltagsleben ein wenig verlangsamt – zumindest bis etwa eine halbe Stunde vor dem Sonnenuntergang, dann gerät alles in Hektik und Aufregung wegen der Vorbereitungen für das Iftar (Fastenbrechen). An Arbeitsstätten und in Geschäften rollt man eilig die Rollläden runter oder gibt sich der Pause hin; in Bussen drängen sich die Leute und im Verkehr herrscht Stress. Jeder beeilt sich, zum Fastenbrechen nach Hause, zum Restaurant oder in ein Iftar-Zelt zu gelangen. Niemand sitzt alleine. Das soziale Leben in Istanbul ist gerade im Ramadan ziemlich ausgeprägt.

Mahya und Güllaç – Anzeichen für den Beginn Ramadans

Die Vorbereitungen für den Ramadan beginnen schon Wochen vorher. In den Küchen jeder Familie bemüht man sich, besondere Gerichte für die Iftar-Mahlzeiten im Voraus zu bereiten, damit man sich im Ramadan als Fastender nicht anstrengen muss. Eine besondere süße Spezialität, die zu dieser Zeit serviert wird, ist Güllaç. Sie gehört zu den traditionellen türkischen Desserts aus der osmanischen Küche. Eine Süßspeise aus dünnen Reisblättern, die mit Rosenwasser aromatisiert, in süßer Milch eingeweicht, mit Walnusskernen gefüllt und mit Granatapfelkernen dekoriert wird.

Ein klarer Anzeichen auf den Beginn des Ramadans sind auch die sogenannten Mahyas – das sind Lichterketten, welche die Moscheen mit religiöse Botschaften, wie z. B. „Willkommen, oh Ramadan, Sultan der elf Monate“, beleuchten. Solche Botschaften dienen als eine Art Erinnerung an Gott und das Bewusstsein diesen heiligen Monats.

Trommler und Kanonenkugel

Eineinhalb Stunden vor der Morgendämmerung fangen Trommler an, auf den Straßen zu trommeln, damit die Fastenden für die letzte Mahlzeit vor Sonnenaufgang – Sahur – aufwachen. Zwar ist Sahur für die Fastenden wichtig, um durch den Tag zu kommen, doch noch wichtiger ist das Iftar. Zum Zeitpunkt, wo der Gebetsruf zum Maghreb-Gebet bei Sonnenuntergang – zu hören ist, werden auch an einigen Orten Istanbuls Geschosse von Kanonen als Zeichen für den Eintritt des Iftars abgefeuert.

Rituelle Gebete

Das Tarawihgebet wird im Monat Ramadan täglich nach dem Nachtgebet (Ischa) vollzogen und bildet einen wichtigen rituellen Bestandteil des Fastenmonats. Einige Imame verrichten dieses Gebet normal, andere wiederum mit einem „Hatim“. Das heißt, der Koran wird im Tarawihgebet – über den Ramadan verteilt – komplett rezitiert. Außerdem finden in Istanbul die Enderun-Tarawihgebete statt, welche aus dem Osmanischen Reich stammen und auf eine gewisse Harmonie zwischen dem Imam und dem Muezzin hinweisen, womit den Betenden die Möglichkeit zu einer höheren Spiritualität und Wohlbefinden geschenkt wird.

Hauptsächlich beziehen sich die Aktivitäten während des Ramadans in Istanbul auf den Iftar und die Zeit danach. Sowohl kommunale als auch private Organisationen veranstalten unter anderem kostenlose Zusammenkünfte zum Fastenbrechen in Zelten. An diesen Zelten stellen sich die Menschen schon Stunden vor dem Sonnenuntergang in der Reihe an, um eine Mahlzeit bekommen zu können. (rtr)

Brüderliche Mahlzeiten

Hauptsächlich beziehen sich die Aktivitäten während des Ramadans in Istanbul auf den Iftar und die Zeit danach. Sowohl kommunale als auch private Organisationen veranstalten unter anderem kostenlose Zusammenkünfte zum Fastenbrechen in Zelten. An diesen Zelten stellen sich die Menschen schon Stunden vor dem Sonnenuntergang in der Reihe an, um eine Mahlzeit bekommen zu können. In alltäglichen Standardzelten brechen ungefähr 6500 Menschen ihr Fasten, wobei Massenzelte eine Kapazität bis zu 20 000 Personen haben. Diese Iftar-Mahlzeiten sind nicht nur für fastende Muslime. Auch Andersgläubige, Obdachlose und Touristen sind herzlich eingeladen. Darüber hinaus dienen diese Organisationen dazu, den Dialog zwischen den Kulturen und Religionen zu fördern. Muftis bestimmter Moscheen und Regionen laden religiöse Geistliche anderer Religionen bzw. Kulturen, wie z.B. der alevitischen, armenischen, syrisch-katholischen oder auch jüdischen Gemeinden, zum gemeinsamen Iftar ein.

Fastenden, die zur Iftar-Zeit im Stau stecken, wird durch mobile Buffets der Bedarf an Essen und Trinken gedeckt. Auf der Fatih-Sultan-Mehmet- und der Bosporus-Brücke Istanbuls werden Autofahrern Wasser, Tee und Mahlzeiten gereicht.

Verschiedene Events

Neben den religiösen Ritualen sind auch die kulturellen Aktivitäten während des Ramadans in Istanbul überall zu bemerken. Darunter befinden sich die bekannten „Ramadan-Festivals“, in deren Rahmen Konzerte, Ausstellungen, Theater und Messen organisiert werden. Traditionell finden die populärsten Aktivitäten am Sultan-Ahmet-Platz statt. Dort ist dieses Jahr die Ausstellung der jahrhundertealten Geschmäcker und Künste zu finden. Die Besucher werden die Möglichkeit haben, von Lokum, Halwa und Kaffee bis hin zu Joghurt über aus Istanbul stammende Köstlichkeiten informiert zu werden. An der Feshane-Anlage und auf dem Beyazit-Platz werden während des gesamten Ramadans, vor und nach dem Iftar, Konzerte türkischer Volks-, Kunst und Janitscharenmusik, sowie Vorführungen des Sema – des Drehtanzes im Sufismus – abgehalten. Zudem wird seitens der Diyanet eine türkische Buch-und Kulturmesse stattfinden.

Eine ganz besondere Stimmung

Während des Ramadans verwandelt sich Istanbul in ein Zentrum der Unterhaltung, welche von der spirituellen bis zur festlichen Stimmung hinreicht. Auf diese Weise kombiniert Istanbul alte Bräuche mit neuen Feierlichkeiten.

Zum Ramadan verwandeln sich die Gärten der Sultan-Ahmet-Moschee in spontane Picknickplätze, wo Familien, die von weit her gekommen sind, den Tag verbringen. Nach dem Iftar genießen die Familien den Geschmack der dort angebotenen Snacks, gerösteter Kastanien, von gekochtem Mais, türkischem Kaffee und Tee.

Eine bestimmte, angenehme, fröhliche und vereinbarende Stimmung herrscht an den Tagen des Ramadans in Istanbul. Der Geruch des Ramadan-Pide-Brotes; das Trommeln mitten in der Nacht zum Sahur und die unglaublich große Freude auf das Iftar führen zu einer besonders eigentümlichen Atmosphäre in der Stadt – gewiss, Ramadan in Istanbul ist anders…