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Wie mein Gespräch mit einem türkischen Taxifahrer ausartete

KOLUMNE von Jochen Thies

Vor ein paar Monaten fuhr ich mit einem Taxi von einem Berliner Vorortbahnhof nach Hause. Ich realisierte sofort, dass der Fahrer türkischer Abstammung war und als ich ihn daraufhin ansprach, freute er sich sichtlich. Das Gespräch verlief entspannt, ich lobte den rasanten Fahrstil des Fahrers – nahezu alle Türken sind sehr gute, reaktionsschnelle Autofahrer. Warum ich mich mit der Türkei und aus Deutschland stammenden Türken so gut auskenne, fragte mich der gutgelaunte Mann, dessen Gesichtszüge wenige Sekunden später erstarrten, als ich ihm ahnungslos davon berichtete, dass ich viele Menschen kennen würde, die sich den Idealen der Gülen-Bewegung verpflichtet fühlen.

An dieser Stelle erlitt das Gespräch einen Bruch, von dem es sich im Verlauf der restlichen Fahrt nicht mehr erholte. Der Taxifahrer war nicht wiederzuerkennen, er stieß Verdächtigungen und Behauptungen über die Bewegung aus, die ich kannte, die mich aber entsetzten, vor allem, als es um das Thema Schulen ging. Der Mann, der sich bereits als säkularer, keinem Glauben gegenüber verpflichteter Mensch geoutet hatte, behauptete, es gebe Gehirnwäsche in den pädagogischen Einrichtungen von Hizmet, die Kinder würden indoktriniert, Lehrer und Schüler türkischer Abstammung seien dort unter sich, die deutsche Gesellschaft außen vor, die Mädchen allesamt Kopftuch tragend.

Vorsichtig, aber bestimmt, versuchte ich meinem Taxifahrer zu erklären, dass dies nicht zutreffe, dass ich zwischen Hamburg und München in Verbindung mit Recherchen für ein Buch eine ganze Reihe von Schulen aufgesucht hätte, die mir ein verlässliches Gesamtbild über Schulen der Gülen-Bewegung vermittelt hätten. Es entspreche in keinem Punkt den vorgebrachten Behauptungen. Ob er selbst schon einmal in einer solchen Schule gewesen sei, fragte ich am Ende. Statt einer Antwort setzte eine Schimpfkanonade ein, die Erregung des Fahrers steigerte sich um bedrohliche Grade, und ich zog es vor, das Gespräch an dieser Stelle zu beenden. Schweigend verließ ich vor der Haustür den Wagen, entsetzt über das, was ich während der zurückliegenden Viertelstunde erlebt hatte.

Die Ereignisse nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei zeigen dort wie hierzulande, dass ich ein Stellvertreter-Erlebnis auf meiner Taxifahrt gehabt habe. Die türkische Gesellschaft und damit auch Teile der deutschen Gesellschaft sind in grundlegenden Fragen gespalten. Auf den Fortgang der Ereignisse in der Türkei hat Deutschland nur sehr begrenzten Einfluss, für das friedliche Zusammenleben der Menschen hierzulande, zumal für die Koexistenz der diversen deutsch-türkischen Lager hat es hingegen eine große Verantwortung. Die Gräben, die dort schon lange existieren, die sich in den letzten Wochen weiter vertieft haben, müssen zugeschüttet werden. Und wie die Ereignisse zeigen, sind die Konflikte so groß, dass Staat und Gesellschaft die Aufgabe der Moderation übernehmen müssen. Ein Kennzeichen der Gülen-Bewegung – jedenfalls so wie ich sie erlebe – ist, auf Menschen zuzugehen, ihnen zuzuhören, miteinander in Gespräch zu kommen, den Dialog zu suchen. Das müssen nun andere lernen, und da sie es vermutlich nicht selbst schaffen, gehört freundlicher, aber bestimmter „Zwang“ staatlicherseits dazu. Es muss gelingen, die deutsch-türkische Minderheit miteinander ins Gespräch zu bringen. Wenn dies nicht gelingt, gerät vieles andere in der deutschen Gesellschaft ins Rutschen, die eine verunsicherte ist – nicht nur wegen der Anschläge der letzten Wochen, sondern auch wegen der Dimension der Aufgaben, die die Bundeskanzlerin dem Lande verordnet hat. Nur wenn die Integration der Deutsch-Türken weiterhin gut verläuft, lassen sich die Aufgaben bewältigen, die seit einem Jahr hinzugekommen sind.

Das Mitentscheidende scheint mir dabei zu sein – jedenfalls ist dies die Schlussfolgerung aus meinem gescheiterten Taxi-Gespräch – Tatsachen zu akzeptieren, Fakten zu ermitteln und hinzunehmen. Nur dann hat ein Gespräch Aussicht auf Erfolg. Wer sich in Verschwörungstheorien ergeht, wer sich der Realität nicht stellt, landet am Ende im Gebrüll, im Niederschreien des Anderen. Wie immer hat hier die Schule eine besondere Aufgabe. Aber weil es in einer Gesellschaft keine „Stunde Null“ gibt, weil höchst unterschiedliche Erfahrungen und Hintergründe zusammenkommen, muss eingegriffen werden, muss miteinander gesprochen und gelernt werden, um eine Polarisierung zu vermeiden, die auf absehbare Zeit von außen an die Bundesrepublik herangetragen werden wird.

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