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Die Anfälligkeit für radikale Positionen war laut Experten noch nie so groß wie momentan. Ein neues Buch beleuchtet diese Entwicklung – und die fatale Wechselwirkung von Rechtspopulisten und Islamisten.

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Sie hat mit militanten Rechten diskutiert und mit Islamisten. Sie hat Demos und Szenekneipen besucht, von denen viele sich lieber fernhalten: Für ihre Recherchen hat die Extremismusforscherin Julia Ebner viel zugehört. Das Ergebnis dieser Erfahrungen, die sie im jetzt erscheinenden Buch „Wut“ beschreibt: Die Radikalen beider Couleur haben viel gemeinsam. Ihre Werdegänge ähneln einander, ihre Sichtweisen wirken teils spiegelverkehrt, und beide reagieren direkt auf Rhetorik und Handlungen des jeweils anderen.

Es sei eher Zufall, ob junge Menschen heute zum „Gotteskrieger“ oder zum Neonazi würden, sagte schon vor einer Weile der Theologe und Jugendbuchautor Christian Linker („Dschihad Calling“). Sie suchten, was beide Gruppierungen versprächen: „Freundschaft, Solidarität, Zusammenhalt“.

Ebner geht einen Schritt weiter: Laut ihrer Analyse bedingen sich die beiden extremen Pole gegenseitig – und tragen wechselseitig zur Radikalisierung bei. Die Einnahme der Opferrolle, die Dämonisierung der jeweils anderen Seite, das Beklagen eines untätigen Staates: Das sind nur einige Parallelen, aus denen sich in den vergangenen Jahren ein regelrechter Kreislauf der Radikalisierung entwickelt hat. Die Publizistin Düzen Tekkal bezeichnete Islamisten und Rechtsradikale kürzlich in der „Zeit“ als „böse Zwillinge“. Das Problem ist also erkannt – laut Ebner ist die Wechselwirkung jedoch kaum erforscht.

Ihr Buch schließt insofern eine Lücke, als es die Dynamiken des Kreislaufs beschreibt. Wer diese Prozesse erkenne, könne angemessener reagieren – und den Kreislauf durchbrechen, so Ebners Hoffnung.

Die Entwicklung betrifft laut der Autorin besonders die Generationen, die nach dem 11. September 2001 aufgewachsen sind: mit der Erzählung vom Kampf der Kulturen. Die Macht eines solchen starken Narrativs betonte kürzlich auch der US-Psychologe Arie Kruglanski. Und: Wer nicht auf die Bedürfnisse der Menschen reagiere, dessen Ansprache drohe ins Leere zu gehen, mahnt der Professor der Universität Maryland. „Vielen Islamisten geht es beispielsweise nicht um eine religiöse Wahrheit. Auf argumentativer Ebene erreicht man sie nicht.“

Vielmehr erzählen Rechtsextremisten und Islamisten die gleichen schwarzweißen Geschichten, erklärt Ebner: „Die wichtigste Parallele ist die utopische Vorstellung einer ethno-kulturell ‚reinen‘ Gesellschaft“, sagt sie im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Auch teilen sich beide eine Zielgruppe, nämlich Menschen in Identitätskrisen.

Inzwischen bevorzugen die scheinbar gegensätzlichen Gruppen sogar ähnliche Schlagworte auf Twitter: Beispielsweise der Hashtag #ProudToBeAKafir (dt. „stolz, ein Gottesleugner zu sein“) zeige, so Ebner, dass Rechtsextreme sich die salafistische Terminologie aneigneten. In den klassischen Medien funktioniert es ähnlich: Das Trump-nahe Portal Breitbart zitiert Islamisten, die Terroranschläge feiern; das IS-Magazin „Dabiq“ wiederum zitiert antimuslimische Botschaften von Breitbart-Lesern.

Vor solch pauschalen Wahrnehmungen warnen Experten seit Jahren. Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan sagte kürzlich der „Süddeutschen Zeitung“, es drohe eine Radikalisierung der friedlichen Mehrheit, „sobald man von der Radikalität einer kleinen Gruppe auf die Gesamtheit schließt“. Wenn unverhältnismäßige Ängste weiter ausgenutzt würden, drohten die extremen Ränder zur gesellschaftlichen Mitte zu werden, schreibt Ebner.

Sie wirbt für mehr politische Umsicht. „Der Terrorismus selbst stellt keine existenzielle Bedrohung für die westlichen Länder dar, aber unbedachte und unverhältnismäßige Reaktionen darauf können eine sein.“ Auch sei es geboten, „Pseudowissen“ etwa über den Islam zu bekämpfen. Rechtspopulisten und Islamisten hätten diese Religion „so stark verfälscht, dass die Linien zwischen Islam und Islamismus in der Öffentlichkeit immer stärker verwischen.“

Und Ebner fordert Kreativität, um den Blick von vermeintlichen Gegnern auf die tatsächlichen Herausforderungen zu lenken: Umweltzerstörung, Armut oder Hunger. Gelinge dieses Umdenken, meint die Autorin, könne darin „die größte Chance des 21. Jahrhunderts“ liegen.

KNA/pko/lwi

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