Wikipedia in der Türkei wieder zugänglich - Selbstzensur?
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Die erste Anlaufstelle für Informationen ist sehr oft die Online-Enzyklopädie „Wikipedia“. Wikipedia hat Artikel zu nahezu jedem Themenfeld. In deutscher Sprache sind laut den Statistiken von „Wikipedia“ seit Mai 2001 2.389.271 enzyklopädische Artikel (Stand: 24.01.2020) entstanden. Auch in anderen Ländern ist die Plattform sehr beliebt, so auch in der Türkei unter dem Namen „Vikipedi“. Dort sind mit Stand Januar 2020 339.935 enzyklopädische Artikel entstanden.

Türkei: Wikipedia war zwei Jahre nicht erreichbar

Doch in der Türkei hatte die Online-Enzyklopädie immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen. So war dort Wikipedia seit etwa zwei Jahren nicht mehr erreichbar. Das hatte politische Gründe. So war der Putschversuch vom 15. Juli 2016 in der Wikipedia-Liste als „Self-Coup“ aufgeführt. In dieser Liste sind Staatsstreiche aufgeführt, die von den Regierenden selbst organisiert worden sein sollen. Dadurch hätten die Regierenden ihre Macht noch mehr stabilisiert oder es zumindest versucht.

Aufgrund dieser Liste sperrte die Türkei den Zugang zur Plattform. Seit der Sperrung gibt es einen großen Rechtsstreit zwischen den Machern von Wikipedia und den verantwortlichen türkischen Stellen.

Überraschende Freischaltung von Wikipedia

Das türkische Verfassungsgericht hat vor wenigen Wochen der Klage von Wikipedia stattgegeben. Die Entscheidung kam überraschend. Denn das Verfassungsgericht besteht hauptsächlich aus Juristen, die vom türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan ernannt wurden.

Doch trotz der Freischaltung war „Vikipedi“ noch immer nicht vollständig zugänglich. Das Amt für Datentechnologie und Kommunikation (BTK) erklärte, dass die Freischaltung noch ein wenig Zeit benötige. Doch viel kurioser war eine Änderung in der oben angesprochenen „Self-Coup“-Liste. Denn der türkische Staatspräsident Erdoğan war nicht mehr in der Liste aufgeführt. Stattdessen wurde der venezolanische Präsident Nicolás Maduro aufgenommen.

Selbstzensur wie Netflix?

Kritiker vermuten nun einen Deal hinter der Freischaltung von Wikipedia. Setzt sich die Plattform also einer Selbstzensur aus? Details sind nicht bekannt, allerdings weiß man, dass sich auch andere ausländische Plattformen in der Türkei dieser Methode bedienen, so beispielsweise Netflix im vergangenen Jahr. Der Serien- und Filmgigant hatte sich aufgrund homosexueller Inhalte den Richtlinien der türkischen Rundfunkaufsicht RTÜK unterworfen, um eine komplette Schließung zu umgehen.