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Wir müssen auch Brücken zu den „besorgten Bürgern“ bauen

Merkel mit der Burka, die Kommentare unter Artikeln zur Flüchtlingsdebatte und die Gespräche mit meinen deutschen Freunden. Immer, wenn ich denke, schlimmer kann es gar nicht werden, setzt man einen drauf. Vor einer Woche sprach ich mit meinen deutschen Freunden über das aktuelle Thema Nummer eins: Flüchtlinge.

Der erste Satz sorgte dafür, dass die Alarmglocken in meinem Kopf angingen: „Ich bin ja nicht rassistisch, aber…“. Dass jetzt auch noch meine Freunde so anfangen, hätte ich wirklich nicht erwartet. Es läge in ihren Händen, dies alles auszubaden. In was für einer Gesellschaft sollten ihre Kinder aufwachsen? Wie sollten sie mit männlichen Flüchtlingen umgehen, die sie als Frauen nicht respektieren würden? Deutschland würde viel zu sehr auf die Bedürfnisse der Muslime eingehen. Man könne als Flüchtling nicht nach Deutschland kommen und erwarten, dass einem die Deutschen entgegenkommen, ohne dass man sich selbst anpasst. Wenn sie in ein islamisches Land fahren würden, würde man sie auch zwingen, „so ein Tuch“ aufzusetzen und man würde es „niemals erlauben“, dass eine Kirche gebaut werden würde.

Sie hatten Angst. Und ich hatte es auch. Angst, dass die Menschlichkeit gerade jetzt versagen würde. Doch das erschreckendste an dem Ganzen: meine Freunde waren solchen Flüchtlingen, vor denen sie sich fürchteten, noch nie begegnet.

Die Ängste der „besorgten Bürger“ dürfen nicht ignoriert werden

Woher diese Angst und diese überzeugte Kritik herkamen, überrascht mich nicht. Wenn ich auf der Suche nach Artikeln bin und die WELT auf der Hauptseite ganz groß mit „Flüchtlingsfamilie redet nur mit männlichen Maklern“ titelt, wenn Julia Klöckner sich lieber über den verweigerten Handschlag eines Imams beschwert, anstatt die wahren Probleme aus der Welt zu schaffen, wenn Thomas de Mazière sich darüber beklagt, dass die Flüchtlinge sich ein Taxi leisten könnten, dann brauche ich mich auch nicht zu wundern, warum meine Freunde so denken.

Doch wie mit diesen Ängsten der „besorgten Bürger“ umgegangen wird, ist meiner Meinung nach falsch. Wir machen uns über sie lustig und loben die fleißigen Helfer. Auch ich habe mich anfangs über diese Sorgen lustig gemacht. Doch wenn ich nun die Kommentare unter positiven Flüchtlings-Artikeln lese und 80% dieser Kommentare kritisierend bis rassistisch sind, dann ist dringender Handlungsbedarf notwendig.

Woran es in Deutschland teilweise mangelt, ist ein „Aufeinanderzugehen“. Oft erwarten wir von der einen oder der anderen Seite sich zu ändern, doch selten, schaffen wir es, dass diese beiden Seiten SELBER miteinander sprechen. Dass eine Julia Klöckner herausposaunt, dass ein Mann ihr die Hand nicht gebe, weil sie „es nicht wert ist“, darf so nicht stehen gelassen werden! Dabei versteht sie nicht, dass manche in dieser Religion und Kultur einer Frau nicht die Hand geben, weil man sie respektiert und weil man sie schützen will! Die Frau ist im Islam etwas so wertvolles, dass man vermeidet, dass jeder X-Beliebige ihr die Hand gibt und sie somit berührt. Doch wenn Frau Klöckner dies nicht wissen kann und ihre falschen eigenen Interpretationen weiterverbreitet, dann hat sie damit den ersten Stein in den Weg gelegt und die von ihr geforderte Integration eher erschwert als erleichtert. Integration kann nicht nur von einer Seite erwartet werden, Integration heißt aufeinander zugehen – und zwar von beiden Seiten!

Seit Jahren geben mir Ärzte nicht die Hand, um die Übertragung von Krankheiten zu vermeiden. Anfangs fühlte ich mich auch nicht respektiert, doch als ich verstand, WARUM man mir nicht die Hand reichte, war ich sogar froh darüber. Und das ist es, woran wir arbeiten müssen. Dass wir für Verständnis sorgen, dass wir an erster Stelle Sprachbarrieren beheben, damit die Flüchtlinge ihre Kultur und Werte selber erklären und für andere verständlich machen können und auch, damit sie die deutsche Kultur besser kennen und akzeptieren lernen.

Die Willkommenskultur darf nicht an den Bahnhöfen aufhören

Auch müssen wir verstehen, dass Integration nicht gleich Assimilation bedeutet. Ein großer Teil der Menschen, der hierher kommt, ist gebildet und der deutsche Lebensstil unterscheidet sich nicht unbedingt von ihrem. Ich möchte hiermit nicht die Asylanten in Schutz nehmen, die sich nicht an die Regeln in diesem Land halten und Probleme verursachen, doch ich wünsche mir, dass diese vereinzelten Vorfälle nicht zu DER Schlagzeile gemacht werden und pauschalisierend über alle Asylsuchenden berichtet wird.

Es gibt viel zu tun und die Willkommenskultur darf nicht an den Bahnhöfen aufhören. Vor allem die Migranten der ersten und zweiten Generation in Deutschland sind nun gefragt. Die erste Generation hat es geschafft, sich in diesem fremden Land einzuleben, sodass es zu ihrer Heimat wurde und für die zweite Generation ist Deutschland mehr Heimat als ihr Ursprungsland. Allein indem diese Menschen existieren, bilden sie eine Brücke in beide Welten. Es gilt diese Brücken sinnvoll zu nutzen und beiden Seiten die Hand zu reichen, sodass sie sich in der Mitte treffen. Und wenn unsere Bundeskanzlerin davon überzeugt ist, dann glaube ich ihr, wenn sie sagt: „Wir können das schaffen und wir schaffen das!“


Foto: dpa

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