Cem Özdemir

Ein Kommentar von Selçuk Gültaşlı

Unser Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hat mit seiner übermenschlichen Weitsichtigkeit festgestellt, dass die Lösung der Armenierfrage darin liegt, das Blut von Cem Özdemir im Labor zu untersuchen. Falls kein türkisches Blut in seinen Adern fließt, können wir alle beruhigt sein. Denn dann haben wir den Grund und die Erklärung für die „Armenier-Lüge“ gefunden.

Immer dann, wenn die Armenierfrage in einem Land zur Debatte steht, haben wir eine Erklärung parat. Entweder hängt sie mit den anstehenden Wahlen in dem Land zusammen oder mit dem Einfluss der ominösen „armenischen Lobby“. Wenn beides nicht hilft, dann sind es eben dunkle Mächte, die den Aufstieg der Türkei zur Weltmacht verhindern wollen.

Zuerst sollten wir uns, wie Hrant Dink einst sagte, einer Sache bewusst werden: Die Armenier haben tiefes und bitteres Leid erfahren. Das sollten wir Türken ernst nehmen.

Wenn man sich anschaut, wie mit Cem Özdemir umgegangen wird, können die schroffen Reaktionen in der Armenierdebatte nur einen Grund haben: Landgewinn in der Innenpolitik. Der Staatspräsident verhält sich rassistisch, der Justizminister auch. Und dann behaupten sie doch tatsächlich, unsere Geschichte sei rein und sauber! Wie kann es sein, dass die Hüter dieser sauberen Geschichte nach Blutproben schreien? Wenn unsere Geschichte so rein ist wie sie behaupten, was ist dann mit Atif Hodscha, der in den 1920er Jahren wegen eines Buches hingerichtet wurde? Und zwar nach einem Gesetz, das erst später erlassen wurde?

Was soll der einfache Bürger tun, wenn die Spitze des Staates nach Blutproben schreit? Sie verstoßen Cem Özdemir, dessen Eltern aus der nordtürkischen Stadt Tokat kommen, aus der Dorfgemeinde. Ein Bürgermeister kommt auf die Idee, aus Protest gegen Deutschland den Mercedes-Stern mit einem Tuch zu überdecken. Verkaufen will er ihn anscheinend doch nicht.

Und dann fordert doch tatsächlich ein Staatspräsident, der nach einem Bluttest ruft, von Europa, sich nicht rassistisch zu verhalten. Das ist der Punkt, an dem das Ansehen des Landes auf seinem Höhepunkt ankommt!

Cem Özdemir ist der erste türkischstämmige Politiker in Deutschland, der es geschafft hat, Vorsitzender einer wichtigen Partei zu werden. Er ist einer der Politiker, die die Einwanderungspolitik mitgestalten. Der Özdemir, den ich in Brüssel kennengelernt habe, ist jemand, der sein Gewissen zum Kompass gemacht hat, sich bemüht, jedem Unterdrückten, den er in Not sieht, zur Hilfe zu eilen.

Genau aus diesem Grund war er, als er Mitglied des Europäischen Parlaments war, einer der wenigen Politiker, den die AKP-Parlamentarier aus Ankara oft besuchten, um sich in vielen Fragen Rat einzuholen. Er war bis zuletzt einer der wichtigsten Unterstützer der Reformpolitik Erdoğans und Güls. Und das, obwohl er von antitürkischen Lobbygruppen heftig angefeindet wurde. Man braucht nur in die Zeitungsarchive zu schauen, um festzustellen, was Cem Özdemir in den Jahren als Erdoğan und Gül gegen die Vormundschaft der Militärs kämpften, gesagt hat.

Angefangen vom Kopftuchverbot bis zum Kemalismus; Cem Özdemir ist ein Politiker, dessen Ansichten und Thesen von der AKP geschätzt und übernommen wurden. Özdemir ist ein europäischer Politiker, der den ersten Iftar-Abend im Fastenmonat Ramadan im Europäischen Parlament organisiert hat.

Einen letzten Punkt will ich hinzufügen: Auch ist Cem Özdemir derjenige, der den Völkermord an den Tscherkesen in das EU-Parlament getragen hat und deswegen von den Russen gescholten wurde.

Man muss nicht in allen Punkten und zu einhundert Prozent mit Cem Özdemir einer Meinung sein. Aber wir sind verpflichtet, Zeugnis darüber abzulegen, was für ein Mensch er ist.