„Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Kabarettisten“

Sie sind diejenigen, die uns daran erinnern, dass man auch über sich selbst lachen kann. Sie haben die Gabe, alles mit Humor zu nehmen und doch gleichzeitig andere dabei zum Nachdenken zu bringen: Die türkischen Kabarettisten, die Leben in die Bude der „Integrationsfetischisten” gebracht haben.

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch sagte seinerzeit mit Blick auf die Anwerbeabkommen europäischer Staaten mit der Türkei: „Wir haben Arbeitskräfte gerufen und es sind Menschen gekommen“. Diese Worte brachten zum Ausdruck, dass die Arbeitsmigration auch einen gesellschaftlichen Wandel nach sich ziehen würde.

Aus diesen Menschen wurden später Dönerverkäufer und auch Unternehmer. Sie wurden Regisseure, Fußballer und auch Politiker. Und dann gibt es auch noch welche, die sowohl über „Integration” als auch über die „Ausländerfeindlichkeit“ Parodien erstellen und dabei Deutsche wie auch Türken gleichermaßen zum Lachen bringen.

Über Ironie wurden bis heute vermutlich Hunderte Begriffsbestimmungen gemacht, doch eine davon erscheint als die sinnvollste: „Ironie ist die Form, das Leid des Lebens zu besiegen”. Sagt jedenfalls einer der größten Philosophen des Jahrhunderts, Jean Paul Sartre. Es ist die Rede von einem Genre, wo selbst der ernsteste Mensch mit Ironie und Humor aufgelockert werden kann. Mit anderen Worten: Es ist die Kunst, das Leben zu meistern.

Nach über 50 Jahren Einwanderung haben die Türken in Deutschland irgendwann angefangen, auf den gesellschaftspolitischen Druck des ebenso substanzlosen wie aufdringlichen „Integriert euch” nur noch mit Humor zu reagieren. So haben sie strenge Gesichter und hochgezogene Augenbrauen bezwungen.

Es gibt heute in Deutschland mehr als 50 türkische Kabarettisten, Satiriker und Komiker. Einige von ihnen hatten und haben sogar Auftritte bei den renommierten Fernsehsendern RTL, SAT1 und ZDF mit guten Einschaltquoten. In der deutschen Presse ist die Sprache von „türkischen Don Quixotes”. Wenngleich diese Komiker sich über ihre eigenen Landsleute lustig machen, genießen sie auch unter diesen Anerkennung. Eine Gesellschaft, die so kontrastvoll ist wie die Farben Schwarz und Weiß, das Zusammenleben in ihr und die daraus geschöpfte Inspiration für die türkischen Komiker haben am Ende das hervorgebracht, worauf wir heute in diesem Bereich blicken können.

Der „American Dream“ in deutsch-türkischer Fassung: Vom Krankenpfleger zum Komiker

Vielleicht ist es das Schicksal der Komiker, dass ihr eigenes Leben selbst voller schräger Geschichten und böser Überraschungen ist. Ihre Biographie verläuft zumindest ganz und gar nicht linear. Şinasi Dikmen, der 28 Jahre lang sein Brot mit deutschsprachiger Satire verdient hat, passt genau in dieses Bild. Auch er war einer von ihnen: ein Gastarbeiter, der wieder in seine Heimat zurückkehren wollte. Er habe das Land im Jahre 1972 als Krankenpfleger betreten.

„Das waren die Jahre, wo unsere Beziehungen mit den Deutschen am besten waren”, beschreibt er die Zeit der Gastarbeiter. Alleine, weil die Deutschen davon ausgingen, dass wir sowieso zurückgehen werden, mochten sie uns. In den 15 Jahren, in denen er als Krankenpfleger gearbeitet hatte, schrieb er gelegentlich alles auf, was ihm an Absurdem begegnete. Eines Tages wird er zu einem Fernsehprogramm eingeladen und danach geht es bergauf, er nimmt fortan seinen Platz auf der Bühne ein.

Betrachtet man die Kindheit von Dikmen, ist sein beruflicher Übergang vom Krankenpfleger zum Komiker nicht verwunderlich. Er tanzt insofern aus der Reihe, weil er schon im Heimatdorf während seiner Tätigkeit auf der Weide europäische Literatur gelesen hat. Die Zutaten für sein Werk sind zweifelsfrei seine literarische Vergangenheit, sein Hang zur detailgetreuen gesellschaftlichen Analyse und wenn er dazu noch die Türken in Deutschland dazu mischt, kommen wunderbare Dinge heraus.

Islamophobie weglachen!

Şinasi Dikmen ist der erste Türke, der in Deutschland ein Kabarett gegründet hat. Es hat ihn schon seit langer Zeit gestört, dass der Islam mit Terror gleichgesetzt wird. Aus diesem Grunde betitelte er sein Programm „Islam für Anfänger” und teilt seine Position sowohl seinen Landsleuten als auch den Deutschen mit.

Während die Islamophobie in Deutschland ihre Hochblüte erlebt, weist er die auf Normen und Disziplin fixierten Deutschen darauf hin, dass der Islam doch eigentlich genau das Richtige für sie sei. Er fügt hinzu: „Das pure Beten, wie es im Christentum ist, wird doch Euren Bedürfnissen nicht gerecht”. Die Zuschauer reagieren mit viel Gelächter auf diese Worte und es bleibt nichts mehr von der Islamophobie im Salon übrig.

Die Dönerbuden lässt er nicht außen vor, denn genau diese seien verantwortlich für die über 4,5 Millionen Arbeitslosen in Deutschland. Er habe aber Hoffnung, dass die Deutschen sich den Migranten anpassen und überspielt somit die Angst dieser vor der Einwanderungsüberflutung.

Satire nährt sich von der Beobachtungsgabe des Künstlers, aber auch der Fähigkeit, zu imitieren, sagt man. Die Imitation von Dialekt und regional bedingten Sprachkulturen hat eine wichtige Stellung in der Parodie. Die türkischen Komiker sind so weit gegangen, dass sie begonnen haben, den Dialekt jener Regionen zu sprechen, in denen sie ihre Auftritte haben. Allen voran Uğur Bağışlayıcı, der mit dem Pseudonym „Django Asül” auftritt und mit bayrischem Akzent das Thema Einwanderung behandelt.

Übrigens steht das Pseudonym „Asül” für – wenig verwunderlich – Asyl. Er hat sich auf dieses Thema spezialisiert. Eine Zeitlang war er fast ein offizieller Repräsentant des Freistaates Bayern als Showmaster bei Fernsehsendern wie RTL und ZDF und Autor bei der Zeitschrift „Stern“. Dort griff er mit seiner Feder politische Absurditäten auf. Heute schreibt er bei der berühmten Sportzeitschrift „kicker“, wohlbemerkt auf seine ganz eigene Art.

An Themen fehlt es dem Kabarett nicht

Eine weitere türkische Schauspielerin ist Selda Akhan, die ihr eigenes Theater gegründet hatte. Sie behauptet, dass, egal wie viele Jahre vergehen, immer etwas zu finden ist, was Gegenstand des Theaters würde. Seien es die Türken, die sich immer noch nicht integrieren können oder auch Türken, die besseres Deutsch sprechen als Deutsche. Der Theaterschauspielerin fehle es auf der Bühne nicht an Material. So lange sie keine Beleidigungen oder Diffamierungen beinhalten, kämen die Witze auf beiden Seiten gut an. Die Anzahl der türkischen Kabarettisten sei deshalb in der letzten Zeit angestiegen.

Die eigene Lebensgeschichte der Komiker ist auch voller Absurditäten. Der in Izmir gebürtige Komiker Serhat Doğan findet den Weg, der ihn zum Komikerberuf geführt hat, ebenso komisch wie seine eigene Kunst. Weil Doğan blaue Augen und blondes Haar hat, erfuhr er nach seiner Einwanderung nach Deutschland keine Diskriminierung. Eine Hochzeitseinladung von Satirikern hatte Doğan nach Deutschland geführt und dort zauberte er den Gästen ein Lächeln ins Gesicht. Fortan durfte er mit einem Komiker-Visum in Deutschland sein Berufsleben fortsetzen. Er ist der Einzige, der in Besitz eines Komiker-Visums ist, aber nicht der Einzige, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Türken und die Deutschen gleichermaßen zum Lachen zu bringen.

Aufenthaltsrecht in Deutschland mit einem Komiker-Visum

So macht Doğan sich auch über sich selbst lustig: „Ich darf so lange in Deutschland bleiben, solange ich Komiker bin“. Einen anderen Beruf dürfe er folglich nicht ausüben. Als ihm eine Frau auf der Hochzeit im Anschluss gratulierte, habe sie ihn gefragt, wie es komme, dass er die Deutschen so gut imitieren könne. Seine Antwort soll gelautet haben: „Ich kann die Deutschen seit meiner Geburt imitieren”.

Dass sich unter den Gästen der Hochzeit die wichtigsten Satiriker des Landes befanden, spielte selbstverständlich auch eine große Rolle. Produzenten unter ihnen baten Serhat Doğan, in Deutschland zu arbeiten und setzten sich für ein Bleiberecht ein, indem sie auf die zuständigen Behörden Druck ausübten. Es klappte.

Wenn man von türkischen Komikern in Deutschland spricht, fallen den meisten Leuten zuerst allerdings die Namen von Kaya Yanar und Bülent Ceylan ein. Eines haben die beiden gemeinsam: Sie sprechen beide kaum Türkisch. Der Unterschied zu Şinasi und Django Asül ist, dass Yanar und Ceylan den politischen Themen ausweichen. Im Vordergrund stehen eher die Diskrepanzen der türkischen und der deutschen Gesellschaft in Deutschland. Kaya Yanar thematisierte in seinem Fernsehprogramm „Was guckst Du” regelmäßig die Visaprobleme der Türken: „Wir Türken können ohne Visum nicht einmal Phantasialand besuchen”. Wenn es nach dem Bundesinnenminister geht, der derzeit in der Türkei ist, wird das auch so bleiben.