„Wir sind die Generation, die alles verändern kann - die Re-Generation“

Am 26. Mai 1993 wird sich der Brandanschlag von Solingen zum zwanzigsten Mal jähren. Neonazis hatten damals fünf Menschen einzig auf Grund ihrer Herkunft bei einem Brandanschlag ermordet.

Durmuş und Mevlüde Genç sind ohne Zweifel diejenigen, deren Herzen sich am meisten beim Gedanken an dieses Unglück zusammenziehen. Mevlüde Genç – die eher als Mevlüde Anne (türkisch: Mutter) bekannt ist – ist trotz ihrer Schmerzen durch ihre Worte, in denen sie vor Hass und Racheakten warnte, zur Heldin ihrer eigenen Geschichte geworden. Obwohl schon 20 Jahre seit dieser Katastrophe vergangen sind, hat sich die Situation der in Deutschland gebürtigen Türken immer noch nicht entscheidend verändert und es gibt nach wie vor Anlass, eine traurige Bilanz zu ziehen.

Dass in der Zwischenzeit neun weitere Migranten, davon acht Türken, zum Opfer einer neonationalsozialistischen Mordserie geworden sind, unterstreicht nur, wie wenig sich verändert hat. In diesem Jahr wird auch der Künstler und Designstudent Mirza Odabaşı (r.) mit einer Dokumentation an der diesjährigen Gedenkveranstaltung des 20. Jahres in Solingen teilnehmen. Er hat sich immer wieder künstlerisch mit Themen wie dem Alltagsrassismus und den damit zusammenhängenden täglichen Erfahrungen von Jugendlichen auseinandergesetzt, aber auch mit wichtigen Rollen, die Heranwachsende und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit Migrationshintergrund in der Öffentlichkeit übernehmen, um gegenzusteuern.

Mirza Odabaşı stand dem DTJ für ein Interview zur Verfügung.

DTJ: Wer ist Mirza Odabaşı?

Mirza Odabaşı: Ich bin in Deutschland, genauer gesagt in Remscheid zur Welt gekommen und aufgewachsen. Ich bin mittlerweile 24 Jahre alt und studiere in Düsseldorf Grafikdesign. Zuvor hatte ich das Projekt „Zwischenkultur“ gemacht.

Wie kam es, dass Du Dich für die Bild- und Fotokunst entschiedst?

Eigentlich kann ich nicht sagen, dass ich ab einem bestimmten Punkt angefangen hätte, mich mit Kunst zu beschäftigen. So einen Moment, an dem man sagen könnte „Ich habe angefangen, Kunst zu machen“, gibt es nicht. Von klein an und seitdem ich mich entsinnen kann, hatte ich ein großes Interesse an der Kunst. Ich liebte es, Fotos aufzunehmen und mit ihnen dann zu Hause am PC zu experimentieren. Auf diese Weise habe ich mein Interessensgebiet entdeckt und studiere daher auch Kommunikationsdesign.

Woher kam die Idee, den Mordanschlag in Solingen zum Thema zu machen?

Als ich das Unglück mitbekam, war ich fünf Jahre alt. Im Fernsehen gab es tagelang nur etwas zu diesem Thema. Die grauenhaften Bilder machten mir sehr große Angst, weil diejenigen, deren Häuser angezündet wurden, so wie ich Türken waren. Damals wohnten wir im fünften Stockwerk eines Mietshauses und an meinem Zimmerfenster hing die Fahne eines türkischen Fußballvereins. Und innerhalb dieser Fahne war die türkische Flagge zu sehen. Aus Angst, sie könnten uns auch verbrennen, nahm ich an jenem Tag meine Fahne vom Fenster ab. Doch das Problem selbst habe ich erst mit 15-16 Jahren erkannt. Eigentlich war der Drang, das aufzuarbeiten, etwas, das immer schon in mir vorhanden war und ich habe nur auf die passende Atmosphäre und Eingebung gewartet, in der ich das Thema angehen konnte.

Wer ist heute Dein größter Unterstützer bei Projekten dieser Art?

Meine Eltern haben mich in jedem Moment meines Lebens unterstützt. Zuvor hatte ich mich auf einer künstlerischer Ebene bewegt und Dinge gemacht, die in meinem Umfeld auf Kritik stoßen könnten, doch meine Familie hat mir immer meine Freiräume gelassen und die Liebe und Familienatmosphäre zu Hause haben mich geschützt. Zum Beispiel habe ich mich jahrelang mit Rap-Musik beschäftigt. Auf Unverständnis von außen, auf jegliches entmutigendes und demotivierendes Ereignis folgte immer der Schutz durch meine Familie. Dadurch haben diese Ereignisse mich noch nicht einmal verletzen können. Meiner Familie gegenüber bin ich endlos dankbar, sie hat einen überragenden Stellenwert für mich.

Wo steht heute der in Deutschland lebende, türkische Jugendliche in der Kunst?

Wenn wir die Situation näher betrachten, erkennen wir, dass viele türkische Jugendliche aufgrund der Massenpsychologie aggressiven Hip-Hop als die ihnen eigene Kunstrichtung definieren. Die Basis dieser Musik ist in Deutschland nicht mehr Kunst, sondern eher Provokation und Rebellion. Der klassische Hip-Hop ist sowieso in der Vergangenheit steckengeblieben und heute nimmt niemand mehr diese Musik als Kunst wahr. So eine Art von Musik leistet gegenüber der Gesellschaft keinen konstruktiven, sondern eher einen destruktiven Beitrag. Was kann man denn auch sonst von einer aus Provokation entstandenen Musik erwarten? Das müssen die Jugendlichen erkennen. Kunst ist viel mehr als das, es steht in Verbindung mit dem Geist und der Intelligenz. Vor allem ist Bildung auch für einen geborenen Künstler eine Notwendigkeit. Mit der Bildung kann man den für die Kunst erforderlichen Horizont erreichen. Ein wahrer Künstler ist ohnehin zunächst einmal ein gebildeter Mensch. Die Jugendlichen müssen sich von dem Gefühl, einer Gruppe angehören zu müssen, befreien. Der Zwang, sich an die Schritte einer Gruppe anpassen zu müssen, ist immer wieder der Grund für die Verkümmerung und Abstumpfung der eigenen Begabungen.

Was genau ist das Projekt „93/13”?

Das Projekt ist mein Beitrag zur Aufarbeitung des Solingen-Anschlages. Wie zuvor schon erwähnt hatte ich immer ein Verlangen, zu diesem Thema einen Beitrag zu leisten. Außerdem bin ich 24 Jahre alt. Ich bin hier auf die Welt gekommen und hier aufgewachsen. Nichtsdestotrotz habe ich einiges Bedenkliches erlebt und durch diese Ereignisse habe ich erkannt, dass immer noch ein großes Problem in unserem Alltag vorhanden ist. Über ein Ereignis davon möchte ich erzählen. Eines Tages saß ich in der Universität. Mir gegenüber saßen zwei Freunde, die ich kannte und die sich über einen Stadtteil und die Wohnungen hier unterhielten. Das eine Mädchen sagte, es wäre ein schöner Ort, doch es gäbe dort zu viele Türken – danach drehte sie sich zu mir und sagte: „Mirza, versteh mich nicht falsch, ich hab nichts gegen Türken.“

Mich interessieren offen gesagt weder die Nazis, noch die NPD-Wähler oder was auch immer in dieser Richtung. Mein Problem ist der alltägliche Rassismus. In zwanzig Jahren hat sich daran überhaupt nichts geändert. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, diesen Film zu drehen.

Einer der Filmslogans lauter „Re-Generation“. Was bedeutet das?

Der Begriff „Re-Generation“ ist ein Wortspiel. Wir und Jugendliche wie ich sind die erste Generation, die in Deutschland lebt und tatsächlich eine Möglichkeit hat, alles zu ändern. Als erste von den bis heute erlebten Unannehmlichkeiten und von Negativität bereinigte Generation können wir die Gesellschaft verändern. Die erste Generation, unsere Großväter – deren Hände wir küssen sollten – kamen nur hierher, um zu arbeiten und haben nur dafür gelebt; die zweite Generation war damit beschäftigt, sich selbst beweisen zu müssen. Sie hat zu sehr für das Existenzrecht hier kämpfen müssen. Doch wir als Produkt der Gesellschaft, welches von all diesen Belastungen bereinigt ist, können die Generation des Neubeginns sein. Wir sind die erste Generation, die die Möglichkeit besitzt, die Umstände anders oder besser zu gestalten – die „Re-generation“ halt.

Der Film „93/13“ von Mirza Odabaşı wird im Solinger Theater durch Oberbürgermeister Norbert Feith im Rahmen der Gedenkfeier zum 20.Jahrestag des Mordanschlages vorgestellt werden. Zusätzlich können die weiteren Sendetermine des Films, der in den Großstädten Deutschlands und im TV gezeigt werden wird, der Seite www.mirzaodabasi.de entnommen werden.