Wir weigern uns, Feinde zu sein!

Obwohl die Wahlen in Israel den liberalen Kräften rund um die erst 2012 gegründete Partei „Yesh Atid“ („Es gibt eine Zukunft“) ein überraschend starkes Ergebnis bescherten, ist eine Lösung des Nahostkonflikts nicht in Sicht. Im Heiligen Land kommt es regelmäßig zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Israelis. Traumatisierte und auf Vergeltung pochende Gesellschaften auf beiden Seiten, etliche gebrochene Waffenruhen und neu gebaute Siedlungen lassen der Hoffnung auf Frieden in der Region wenig Raum.

Unterwegs im Heiligen Land

Die Stadt Hebron, eine knappe Stunde Autofahrt südlich von Jerusalem, wirkt auf den Besucher wie eine Überdosis des Nahostkonflikts. Bei den Palästinensern heißt die Stadt Medinat al-Khalil, die Stadt des Freundes, womit der „Freund Gottes”, der Prophet Abraham bzw. Ibrahim gemeint ist. Sein Grab und die Gräber seiner Frau Sara sowie ihrer beider Nachkommen Isaak und Jakob werden dort in einem eindrucksvollen Bau aus der Zeit des biblischen Königs Herodes verehrt. Das Gebäude wurde später zur Kirche, dann zur Moschee und heute teilweise auch zur Synagoge.

Die Stadt um das Gebäude herum ist geteilt in einen von der palästinensischen Autonomiebehörde verwalteten West- und einen weiterhin israelisch besetzten Ostteil. Von Stacheldraht, Mauern und Checkpoints umgeben ist das Stadtzentrum zur beinahe ausgestorbenen Geisterstadt geworden, in der sich besonders hartgesottene jüdische Siedler durch die ebenso autofreien wie menschenleeren Straßen bewegen, als wäre alles ganz normal… – Einer von ihnen, der Arzt Baruch Goldstein, schoss am 15. Februar 1994 auf betende Muslime am Grab Abrahams und tötete 29 von ihnen. Der damalige Staatspräsident Israels, Ezer Weizmann, sprach vom schwärzesten Tag in der Geschichte des jüdischen Staates. Bei Unruhen war schon 1929 die alte jüdische Gemeinde Hebrons von ihren arabischen Nachbarn überfallen worden, 67 wurden getötet, die Überlebenden flohen aus der Stadt. Heute sind es die arabischen Bewohner, die in den engen Gassen des Marktes von den jüdischen Siedlern von oben herab mit Steinen und mit Müll beworfen werden.

Zwischen Hebron und Jerusalem liegt Bethlehem, einst die Stadt Davids, des großen Königs über Israel, der zugleich ein Prophet des Islam ist und Stammvater des Messias Jesus. Seine Geburt hier in einer Grotte bleibt für Christen unlösbar mit dem Namen dieser früher judäischen, heute palästinensischen Stadt verbunden. Neben der Geburtskirche ist jetzt die Mauer zur Hauptsehenswürdigkeit für Touristen geworden, eine acht Meter hohe Betonwand an der Stadtgrenze zwischen Jerusalem und Bethlehem. Checkpoints, Tunnel, Sperranlagen und überall Bilder von schwer bewaffneten „Märtyrern” haben die eigentlich von Ölbäumen und Schafherden charakterisierte Szenerie bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Die Heilige Familie käme in der gespenstisch irrationalen Wirklichkeit von heute ohne Reiseerlaubnis und Sicherheitschecks nicht mehr weit…

Das Zelt der Völker

Kein Schild weist die Richtung zum „Zelt der Völker”. Man muss sich genau auskennen, um in dieser Geografie des politisch Absurden eine Chance zu haben, die Oase der Hoffnung überhaupt zu finden. Hinter der immer weiter expandierenden jüdischen Siedlung Neve Daniel, die mit ihren gepflegten Vorgärten und rot gedeckten Ziegeldächern mehr an ein mitteleuropäisches Reihenhausviertel erinnert als an den Orient, geht eine alte, schmale Straße rechts ab. Der Mietwagen plagt sich durch Schlaglöcher und abbröckelnden Asphalt, bis es nach ein paar Hundert Metern gar nicht mehr weiter geht: Armeebulldozer haben quer über die Straße einen Haufen Erde und Steine aufgeschüttet, eine Methode, mit der besonders in der heißen Zeit der zweiten Intifada ab Herbst 2000 zahlreiche Verbindungen zwischen den arabischen Dörfern der Westbank unpassierbar gemacht wurden.

Also bleibt der Wagen stehen, es geht zu Fuß weiter, an Weinstöcken, Oliven- und Feigenbäumen vorbei, und die tief stehende Nachmittagssonne tut das ihre, um ganz unvermittelt ein Gefühl idyllischer Beschaulichkeit aufkommen zu lassen. Dazu kommt, dass jetzt im März, nach den Winterregen, der Berg überall grünt und dort, wo den größten Teil des Jahres über nur vertrocknetes Gras das karge Futter für Ziegen und Schafe abgibt, eine für hiesige Verhältnisse geradezu üppige Blumenpracht in den Wiesen rot, gelb und blau blüht.

Am Tor empfängt uns Daoud Nassar – ein kräftiger junger Mann mit markanten Zügen und entschlossenen Augen, dem man schon äußerlich ansehen kann, dass er hierher in diese Landschaft gehört. Da irritiert es fast ein bisschen, dass er uns in praktisch perfektem Deutsch begrüßt, eingeschränkt höchstens dadurch, dass er es in Österreich während seines dortigen Studiums gelernt hat. Daouds Familie sind palästinensische Christen aus Bethlehem. Der Berg, einer der sanft langgezogenen Hügel in der 800 bis 1000 Meter hohen Kette, die in der Bibel das Judäische Gebirge heißt, gehört ihnen seit Generationen. Jetzt aber ist auch dieses Stück Land, das groß genug ist, um darauf eine ansehnliche Siedlung unterzubringen, strittig. Und gerade da setzt das Dialogprojekt „Zelt der Völker“ ein.

Daoud spricht es aus: Sein Volk, die Palästinenser, hat sich in zwei Gruppen geteilt. Die einen greifen angesichts des Unrechts, das ihnen widerfährt, zu Gewalt, wodurch nichts anderes erreicht wird, als eine immer dramatischere Verschlimmerung der Lage, und die anderen resignieren und verfallen in Apathie. „Wegen der Besatzung” ist die meistgehörte Begründung für alle Unzulänglichkeiten, auf die man trifft, bis hin zum Müll, der an den Straßenrändern liegt. Daoud (zu Deutsch: David) will nicht abwarten, bis die Besatzung verschwunden ist, und er will erst recht nicht das Unrecht vergrößern, indem er es wieder anderen zufügt. Er prozessiert, klagt sein Recht und das seiner Familie vor israelischen Gerichten ein, von Instanz zu Instanz, bei immensen Anwalts- und Prozesskosten. Und nach nicht weniger als 17 Jahren zeichnet sich nun ab, dass er eine reelle Chance hat, zu gewinnen! Das wäre ein Erfolg nicht nur für ihn, es wäre ein Erfolg, der signalisieren würde, dass es möglich sein kann, auf gewaltlosem Weg sein Recht durchzusetzen.

Aber nicht nur das. In der Zwischenzeit bringt Daoud mit seiner Frau Jihan den Berg auf Vordermann. Auf konstruktive Weise mit der Situation umzugehen ist ihre Maxime. Und andere dafür zu gewinnen. So entstand die Idee mit dem Zelt. Hier können Gäste unterkommen, auf dem Berg wohnen und das Land kennen lernen, indem sie mit anpacken. Bäume werden gepflanzt und gepflegt, Ziegen geweidet und die Hühner gefüttert; aus dem Abfall eines nahen Steinplattenbetriebs werden Flächen gepflastert und sogar Mosaiken gelegt. Deren Bildmotive illustrieren anschaulich, welcher Geist hier weht: friedliche Szenen sind es, Dörfer mit Kirchtürmen und Minaretten nebeneinander, Gestalten aus Bibel und Koran, Juden, Christen und Muslime, die sich die Hand reichen. Das Zelt der Völker richtet sich an sie alle. Aus Bethlehem und den umliegenden Dörfern kommen muslimische und christliche Jugendgruppen, um hier gemeinsame Programme zu absolvieren; es kommen aber auch Israelis und Juden aus aller Welt, die von der Initiative gehört haben, sie kennen lernen und unterstützen wollen.

Auf der felsigen Fläche einer alten römischen Weinpresse werden gemeinsam Tänze und Theaterstücke einstudiert, die erfolgreichste Vorstellung war: Romeo und Julia! So sind das Zelt und der Berg zu einem Ort der Begegnung geworden, wo Australier und Deutsche, Israelis aus Netanya und Tel Aviv, muslimische und christliche Palästinenser aus der Umgebung gemeinsam das Land bearbeiten, gemeinsam Tee mit selbst geernteten Salbeiblättern trinken und eine Atmosphäre entsteht, in der offen über die Probleme des Landes und die Ängste der Menschen, über Ungerechtigkeit und Misstrauen, gesprochen werden kann.

Vor wenigen Monaten war die bisher größte Gruppe auf dem Berg: 150 meist junge Menschen, darunter Israelis und Palästinenser, die mehrere Tage lang zu Fuß von Hebron bis Bethlehem marschierten. Sie brüllten dabei keine Parolen, sie warfen keine Steine und sie trugen keine Waffen. Sie trugen Schilder in Englisch, Hebräisch und Arabisch mit der Aufschrift „Wir weigern uns, Feinde zu sein!”

Wer bietet mehr: Dialog oder Gewalt?

Aus der Welt geschafft sind die Probleme damit freilich nicht, und im Zelt der Völker wird der Nahostkonflikt auch nicht gelöst. Dennoch sind solche Initiativen unverzichtbar, denn sie bereiten den Frieden vor. Während unseres Besuchs im Land wohnen wir in Jerusalem in einem Gästehaus der Anglikanischen Kirche. Der Bischof der Gemeinde, Rev. Suheil Dawani, selbst ein Palästinenser, sagt: „Versöhnung braucht den Dialog. Der christliche Auftrag wird am besten durch den Dialog verwirklicht. Das Alte Testament ruft zum Dialog auf. Der Islam ruft zum Dialog auf, wenn er sagt, dass es keinerlei Zwang in der Religion geben darf.”

Der Dialog findet ja statt, nicht nur auf dem Berg zwischen Hebron und Bethlehem: Überall im Land existieren Dialoginitiativen und Friedensgruppen. Wollte man sie auch nur auflisten, würden die Seiten dieses Beitrags nicht annähernd ausreichen. Wir erfahren davon wenig, denn Anschläge und Raketen, Unterdrückung und Gewalt sowie Politiker, die zur Deeskalation nicht fähig oder gar nicht willens sind, haben das Geschehen vor Ort fest im Griff. Auf beiden Seiten trifft man auf Gesprächspartner, die zum Kompromiss bereit sind, die zugestehen, dass die Lösung nur im Verzicht auf eigene Maximalpositionen und in der Anerkennung der Rechte auch der anderen Seite liegen kann.

Doch diejenigen, die im Anderen nichts als „den Feind” zu sehen bereit sind und nach über hundert Jahren Konflikt und unsäglich viel Leid noch immer an den totalen Sieg glauben und daran, dass am Ende der gewinnt, der zu immer neuen Dimensionen der Grausamkeit fähig ist, nehmen ganze Generationen von Menschen guten Willens als Geisel. Die Dummheit der Gewalt triumphiert, wenn bestimmte Gruppen in Gaza darauf bestehen, mit Raketen, die nichts bewirken als noch viel größere Gegengewalt, „ganz Palästina befreien” zu wollen, und den Regierenden in Israel nichts anderes dazu einfällt, als mit Luftbombardements ganzer Stadtviertel zu antworten und mit der totalen Blockade des Lebens von 1,5 Millionen Menschen. Wenn die Dummheit der Gewalt seit so vielen Jahrzehnten zu nichts anderem geführt hat, als zu einer immer dramatischeren Eskalation des Konflikts, versagt der Verstand; es versagen aber auch menschliche Ethik und alles, was Religionen – egal welche – zum menschlichen Miteinander lehren.

Fazit: Ist der Konflikt überhaupt noch lösbar?

Alle Gespräche und Verhandlungen haben keine Besserung gebracht, und die Sprache der Gewalt nichts als Verschlechterung. Erscheint der Dialog da nicht inzwischen als sinnlos? Stehen Menschen wie Daoud Nassar da nicht einsam auf verlorenem Posten? Gleichen Initiativen wie das Zelt der Völker nicht dem hilflosen Ringen nach Luft von Ertrinkenden in einem Ozean menschenfeindlicher Politik?

Wer den Nahostkonflikt über die Jahre verfolgt hat, mag tatsächlich versucht sein, die Segel der Hoffnung zu streichen und sich auf eine bequemere „Da ist nichts mehr zu machen”-Haltung zurückzuziehen. Und doch lehrt der Blick in die Geschichte auch dies: Konflikte entstehen und vergehen. Von der Unterdrückung der Schwarzen in Südafrika bis zur Teilung der Welt in West- und Ostblock reicht eine eindrucksvolle Reihe von Beispielen für Konstellationen, die so fest gefahren waren, dass sie nach menschlichem Ermessen als unüberwindbar gelten mussten, und dennoch traten irgendwann Umstände ein, die plötzlich eine Wende brachten, manchmal ganz unerwartet schnell. Am Ende werden – auch in Nahost – die gewinnen, die den Dialog schon geführt hatten, als alle anderen noch damit beschäftigt waren, ihren jeweiligen Clash auszutragen.
 
* Dieser Artikel erschien 2008 in der Zeitschrift „Zukunft“.