Wird Christian Wulff zum Mittler zwischen Okzident und Orient?

Die letzten beiden Jahre gehörten für den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff (r., mit Abdullah Gül und dessen Frau Hayrünnisa) zu den schwersten seines Lebens. Die Affäre um angebliche Vorteilsnahme im Zusammenhang mit einer privaten Kreditgewährung, die verunglückte Nachricht auf dem Anrufbeantworter der „Bild“ und die Einleitung von – bislang ergebnislosen – Ermittlungen seitens der Staatsanwaltschaft, die den Anlass zu seinem Rücktritt vom höchsten Staatsamt gaben, hatten ihm, wie auf Bildern erkennbar war, auch körperlich enorm zugesetzt.

Vor einigen Tagen kam dann auch das Ehe-Aus. Möglicherweise kam seine zweite Ehefrau Bettina Wulff, über die bereits im Vorfeld der Kreditaffäre Gerüchte über ein zweifelhaftes Vorleben verbreitet worden waren, mit dem Abschied aus dem Rampenlicht weniger gut klar als erwartet – jedenfalls verkündete der Anwalt der Eheleute am Montag gegenüber der dpa die einvernehmliche Trennung.

Nur in einer Bevölkerungsgruppe wurde der frühere Bundespräsident in all diesen schweren Jahren nie mit Neid, Häme oder Schadenfreude bedacht: In der türkischen und muslimischen Community in Deutschland hat Christian Wulff nie an Wertschätzung eingebüßt. Hier hat man ihm nicht vergessen, dass er mit seinem Bekenntnis, dass mittlerweile auch der Islam zu Deutschland gehöre und durch seine uneingeschränkten Solidarität mit den Opfern des NSU-Terrors deutlich gemacht hat, dass er ein Präsident aller Deutschen war, auch jener der Einwanderer.

Migranten betrachten Wulff immer noch als „einen von uns“

Der „Spiegel” berichtet, dass in Kreisen der Regierungskoalition über eine späte Genugtuung für Wulff nachgedacht werde, über den nicht wenige sagen, er wäre in erster Linie wegen seiner mutigen Haltung gegenüber den Muslimen als Präsident durch die Medien „abgeschossen“ worden.

Die Idee ist, Wulff könnte sich künftig um die in letzter Zeit angespannten Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei kümmern. Wulff solle als eine Art Mittler zwischen Okzident und Orient auf europäischer Ebene arbeiten, dabei auch die europäische Bühne nutzen. Angesichts des zum Stillstand gekommenen Beitrittsprozesses der Türkei zur EU könnte ein Ansprechpartner, der unter Deutsch-Türken wie auch in der Türkei selbst hohen Respekt genießt, die Weichen für ein besseres Verhältnis zwischen den Beteiligten in der Zukunft stellen.

Auf eine ähnliche Weise nimmt auch sein Amtsvorgänger Horst Köhler eine internationale Aufgabe wahr – er entwickelt im Rahmen eines neu geschaffenen UNO-Gremiums neue Visionen für Afrika, nachdem er sich für diesen Kontinent bereits über Jahrzehnte hinweg engagiert hatte.

Nach den Landtagswahlen in Niedersachsen wird damit gerechnet, dass die noch nicht abgeschlossenen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Wulff zu einem Ende kommen werden. Sollte, wie viele Beobachter mutmaßen, das Verfahren mit oder ohne Auflagen eingestellt werden, könnte der Altpräsident seine neue Tätigkeit antreten.