Die historische 1:7-Schlappe der Seleção im Halbfinale der WM 2014 gegen Deutschland könnte nach Einschätzung brasilianischer Medien politische und wirtschaftliche Auswirkungen haben. Im größten Land Lateinamerikas beginnt in wenigen Wochen der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen am 5. Oktober. Regierungsvertreter versuchten am Mittwoch abzuwiegeln.

„Die historische Schande an diesem Dienstag schaltete ein Warnsignal bei der Regierung von Dilma Rousseff ein, die befürchtet, dass die schlechte Stimmung die ohnehin schon nicht guten wirtschaftlichen Perspektiven eintrübt und Auswirkungen auf den Wahlkampf hat“, schrieb „Folha de São Paulo“, eine der angesehensten Zeitungen des Landes, am Mittwoch in ihrer Online-Ausgabe.

Ähnlich äußerte sich das Konkurrenzblatt „Estado de São Paulo“: „Auch wenn das von der Opposition vorausgesagte Chaos bei der Organisation der Weltmeisterschaft nicht eingetreten ist, fürchtet die Regierung, dass das Trauma der Bevölkerung nach dem Scheitern Brasiliens das Selbstwertgefühl der Brasilianer beeinträchtigt und sehr wohl Auswirkungen auf die Wahlen hat“, schrieb die Zeitung.

Nach der WM kehrt der Alltag zurück

Bei der Wahl im Oktober stellt sich Rousseff, die seit Anfang 2011 regiert, zur Wiederwahl. Bisher liegt sie in Umfragen deutlich vor ihren Herausforderern, dem Sozialdemokraten Aécio Neves und dem Sozialisten Eduardo Campos. In der Halbzeit des Deutschland-Spiels, als Brasilien schon 0:5 zurücklag, habe es im Stadion in Belo Horizonte aber lautstarke Unmutsäußerungen gegen Rousseff gegeben, berichteten die Medien. Ähnliches könnte beim Endspiel am Sonntag passieren.

Präsidialamtsminister Gilberto Carvalho leugnete, dass die Niederlage politische Auswirkungen haben könnte. Wenn am 19. August der Wahlkampf beginne, werde sich niemand mehr an die brasilianische „Schande“ erinnern, sagte er laut „Estado de São Paulo“. „Die WM ist die WM. Im August wird das Klima ein anderes sein. Jetzt ist der Augenblick der Reinigung und des Leidens, aber im August wird eine andere Seite aufgeschlagen sein. Die Wahl ist ein anderes Kapitel.“

Vor dem Spiel sei die Haltung der Regierung gewesen, dass eine Niederlage gegen Deutschland weggesteckt werden könne, weil es sich um einen starken Gegner handele, schrieb „Folha de São Paulo“. Aber niemand habe eine 1:7-Schlappe vorausgesehen. Nun gebe es die Befürchtung, dass die Kritik an den hohen WM-Ausgaben von 26 Milliarden Reais (rund 8 Mrd. Euro) wieder lauter werden könnte. Die Regierung versuche entgegenzuhalten, dass Brasilien eine WM „wie in der Ersten Welt“ organisiert habe.

Mit Sorge betrachte die Regierung auch ein mögliches Spiel um Platz drei gegen den Erzrivalen Argentinien. „Sollte Brasilien am Samstag eine neue Demütigung erleiden, könnte das den Effekt der Niederlage (gegen Deutschland) noch verstärken“, schrieb „Folha de São Paulo“.

Rousseff gehört zur brasilianischen Arbeiterpartei (PT) des früheren Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der vor ihr acht Jahre lang regierte. Unter den Regierungen der PT hat sich die Armut im Lande deutlich verringert. Es gibt aber großen Unmut über das nach wie vor schlechte öffentliche Gesundheits-, Transport- und Bildungswesen. Dieser entlud sich in den Massenprotesten beim Confederations Cup vor einem Jahr. (dpa/dtj)