20.09.2021, Türkei, Istanbul: Stefan Kuntz gestikuliert während der Pressekonferenz nach seiner Ernennung zum Cheftrainer der Fußballnationalmannschaft der Türkei. Der bisherige deutsche U21-Erfolgscoach unterzeichnete einen Vertrag bis 2024. Foto: Uncredited/AP/dpa

Schafft die türkische Nationalmannschaft heute Abend die direkte Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022? Bei einem eigenem Sieg und einer gleichzeitigen Niederlage der Niederlande könnte das tatsächlich passieren. Einen großen Anteil an der nicht mehr für möglich gehaltenen Aufholjagd hat dabei der Chefcoach Stefan Kuntz, der zu Beginn seiner Amtszeit in der Öffentlichkeit nicht angekommen war. 

Es wäre „ein kleines Wunder“ hatte der neue Coach der türkischen Nationalmannschaft, Stefan Kuntz, vor den letzten beiden Gruppenspielen in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar gesagt. Nach einem erfolgreichen Start in die Gruppenphase hatte die Türkei unter der Leitung von Trainer und Kuntz-Vorgänger Şenol Güneş wichtige Punkte im Kampf um ein WM-Ticket liegen lassen und war in eine schwierige, fast aussichtslose Lage geraten.

Die 1:6-Niederlage gegen die Niederlande brachte Güneş, der mit der Türkei bei der WM 2002 bis ins Halbfinale kam, schließlich um seinen Job. Bei der Suche nach dem richtigen Coach fielen viele Namen, darunter auch der des aktuellen Beşiktaş-Trainers Sergen Yalçın oder der Trainer-Legende Fatih Terim. Doch mit einem Namen hatte wohl erst einmal niemand gerechnet: Stefan Kuntz. Bis dahin hatte Kuntz die deutsche U21-Nationalmannschaft zu Erfolgen geführt: Drei Endspiele, die er mit der wichtigsten deutschen Nachwuchsmannschaft spielte und in zwei davon sogar die Titel holte (2017 und 2021), brachten ihn sogar bei der deutschen A-Nationalmannschaft als Cheftrainer ins Gespräch. Letztendlich bekam Kuntz den Zuschlag in der Türkei. Wohl auch aufgrund des besonderen Einsatzes des aus Gelsenkirchen stammenden Hamit Altıntop, der seit 2019 im Vorstand des türkischen Fußballverbands sitzt.

Kuntz punktet auch in der türkischen Öffentlichkeit

Auch wenn Kuntz in der Türkei bereits durch seine Leistungen als Spieler des Istanbuler Traditionsklubs Beşiktaş bekannt ist und er selbst bei seiner Vorstellung von seiner großen Liebe zur Türkei sprach, stieß seine Verpflichtung bei vielen türkischen Fußballexperten nicht auf große Begeisterung – bis die Türkei es wie durch „ein kleines Wunder“ plötzlich wieder in der eigenen Hand hatte, sich das direkte WM-Ticket oder zumindest einen Platz in den Playoffs zu sichern. Plötzlich wurde aus dem „unerfahrenen Trainer“, an dessen Stelle viele lieber einen türkischen Fachmann gesehen hätten, ein „disziplinierter und professioneller Trainer“. Die türkische Zeitung „Hürriyet“ analysierte beispielsweise in vier Punkten, was den deutschen Trainer ausmacht und warum die Nationalmannschaft mit ihm erfolgreich wurde. Dabei wird stets auf die Unterschiede mit Güneş aufmerksam gemacht. Kuntz lasse im Gegensatz zu seinem Vorgänger auch mal junge Spieler ran und vertraue diesen, so die Hürriyet.

Hält die Euphorie heute Abend noch an?

Wie lange die Euphorie noch anhält, wird sich heute Abend zeigen, wenn die Türkei im letzten Gruppenspiel in Montenegro (20.45 Uhr MESZ/live auf TRT 1 und DAZN) antritt. Bei einem Sieg der Türkei und einer Niederlage der Niederlande gegen Norwegen könnte die Türkei den direkten Einzug in die Weltmeisterschaft schaffen, sofern die Norweger am Ende nicht mit einem Kantersieg gewinnen sollten.

WM 2022 in Katar: Die möglichen Szenarien

Türkei gewinnt, Norwegen gewinnt: Die Türkei liegt vor Beginn des letzten Spieltags aufgrund des um ein Tor besseren Torverhältnisses vor den punktgleichen Norwegern (18 Punkte) auf Rang zwei hinter den Niederländern (20 Punkte). Falls die Türkei gewinnen und die Niederlande gegen Norwegen verlieren sollte, würde die Türkei die direkte Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2022 garantieren.

Vorsicht Tordifferenz: Unwahrscheinlich ist dieses Szenario nicht, denn auch die Norweger haben nach wie vor eine Chance, sich direkt für die WM zu qualifizieren. Falls die Norweger einen aus türkischer Sicht zu hohen Sieg einfahren und damit wieder eine bessere Tordifferenz haben, stehen sie allerdings wieder vor dem Kuntz-Team. Sofern Norwegen und die Türkei den selben Punktstand und dieselbe Tordifferenz haben, entscheidet der direkte Vergleich, den die Türkei für sich entschieden hat.

Türkei gewinnt, Norwegen spielt unentschieden: Falls die Türkei gewinnen und das Spiel in Amsterdam unentschieden ausgehen sollte, müssten die Türken wegen der schlechteren Tordifferenz im Vergleich mit Holland mit den anderen neun Gruppenzweiten der Qualifikationsrunde in Europa sowie den zwei bestplatzierten Teams der UEFA Nations League, die sich nicht über die Gruppenphase qualifizieren konnten, in die Playoffs. Dort warten bereits Teams wie Italien, Portugal und Schweden.

Türkei verliert oder holt einen Punkt: Bei einem Punktverlust der Türkei ist der Sprung in die Playoffs nach wie vor möglich. In diesem Fall müsste Norwegen aber gegen die Niederlande verlieren bzw. bei einem Remis der Türkei ebenfalls unentschieden spielen.

Die Gruppenkonstellation verspricht also einiges an Spannung. Für alle drei Teams ist von Platz 1 bis Platz 3 noch alles möglich. Kuntz versucht auch deswegen die aufkommende Euphorie zu bremsen und die Konzentration hochzuhalten. In der Abschlusskonferenz vor dem Finale betonte er deshalb: „Wir haben noch nichts erreicht.“