KOLUMNE Zu viel Schokolade macht dick, zu viel Fernsehen dumm, und zu viel Erdoğan? Kann das gesund sein?

Offensichtlich nicht. Aber beginnen wir von vorne.

Seit der Wahl in der Türkei bekommen die Türken von Erdoğan nichts zu sehen und nichts zu hören. Einige Webseiten haben Ticker geschaltet, seit genau wie vielen Stunden, Minuten und sogar Sekunden von Erdoğan nichts zu hören ist. Die Zeitung Cumhuriyet erschien mit der Schlagzeile „Die Türkei entspannt sich.“

Der Hintergrund: In der Türkei begann der Wahlkampf am 10. März 2015. Parlamentswahlen standen an. Recep Tayyip Erdoğan war Staatspräsident, also offiziell unparteiisch. Der Eid zur Amtseinführung als Staatspräsident verlangte es so. Aber Erdoğan konnte sich an seinen Eid nicht halten. Im Gegenteil.

Er fand irgendwelche Anlässe, sich vor das Volk zu stellen und Wahlkampf zu machen. Er hat an insgesamt 127 Veranstaltungen teilgenommen. Bei diesen Veranstaltungen, bei den reichlich „eröffnet“ oder „eingeweiht“ wurde, hat er die Oppositionsparteien kritisiert, beleidigt und für seine ehemalige Partei, die AKP, geworben. Gibt es nichts mehr zum Einweihen, steht die Wirtschaft des Landes still, ist man fast geneigt zu fragen.

Erdoğan täglich über 4 Stunden live im Fernsehen

Seine Reden wurden von diversen Fernsehkanälen live übertragen. Man hat in der Zeit vom 10. März bis zu den Wahlen Erdoğan insgesamt 367 Stunden und 23 Minuten live im Fernsehen gesehen. In den drei Monaten macht das pro Tag im Durchschnitt über vier Stunden Erdoğan live. An manchen Tagen war er erheblich länger zu sehen.

Kann so viel Erdoğan gesund sein?

Schon Paracelsus, der Schweizer Arzt, Mystiker und Philosoph aus der frühen Neuzeit (1493-1541), wusste: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei.“

Dass so viel Erdoğan der Gesundheit vieler Türken – zumindest der geistigen – nicht gut tat, konnte man in der Zeit der Aussetzung der Türken der Erdoğan’schen Strahlung an verschiedenen Dingen erkennen.

Symptome einer Erdoğanismus-Vergiftung

So gab es Unternehmer wie Ethem Sancak, die Erdoğan ihre reine Liebe erklärten. Eine Liebeserklärung, die in dieser Form eher in Zuständen der religiösen Verzückung geäußert werden. Dass diese Liebe allerdings nicht ganz so uneigennützig war, konnte man an den Aufträgen dieses Menschen sehen.

So haben Erdoğan-treue Medien offen anderen Medien gedroht, vorhergesagt, sie würden über kurz oder lang geschlossen werden.

Staatsanwälte wie Serdar Coşkun sahen sich auf einmal ermutigt, praktisch die Schließung oppositioneller Fernsehsender zu fordern.

Erdoğan-Anhänger zeigten Anzeichen von Überheblichkeit. Sie sahen sich als Bürger einer Weltmacht, Erdoğan als neuen Sultan. Alle, die nicht so dachten wie sie, beschuldigten sie, Verräter zu sein.

Am Wahlabend gab es Videos zu sehen, auf denen Teenager zu weinen begannen und auf die Oppositionsparteien schimpften. Das ist kein Verhalten normaler Teenager. Sollte es nicht sein.

Ein Verhalten, das meines Erachtens in einer Demokratie nichts zu suchen hat und eines normalen Bürgers nicht würdig ist – es sei denn, man leidet an einer Vergiftung, in diesem Falle an zu viel Erdoğanismus.

Ich habe ihn anfangs auch gemocht, aber was zu viel ist, ist zu viel. Wie sagt man hierzulande: Weniger ist oft mehr.

Die Phase einer Entgiftung hat begonnen

Zum Glück ist dieser Abschnitt im Leben der Türken vorüber. Zumindest bis heute. Seit über zwei Tagen läuft die Erdoğanismus-Entgiftung. Die Türken erholen sich.

Auf einmal gibt es Entscheidungen von Gerichten, die nicht mehr im Sinne von Erdoğan sind. So hat ein Gericht auf eine Anzeige hin über einen Bericht über illegale Erdoğan-Villen in Urla auf Freispruch entschieden. Eine Entscheidung, an die bei anderem Wahlausgang nicht zu denken gewesen wäre.

Allerdings brauchen solche Entgiftungsprozesse so ihre Zeit. Man kann nicht sagen, dass die Türken völlig erholt sind. Ob Erdoğan ihnen diese Zeit lässt? Man wird es sehen.