Ein Mann sitzt am 27.05.2015 zur Erˆffnung der neu fertiggestellten Bait-ul-Wahid Moschee der Ahmadiyya Muslim Jamad-Glaubensgemeinschaft (AMJ) in Hanau im Gebetsraum. Die Moschee verf¸gt ¸ber zwei zwˆlf Meter Hohe Zierminarette und bietet Platzt f¸r rund 500 Menschen. Foto: Boris Roessler/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Der Rapper „Xatar“ hat in einem Interview mit dem zum „Vice“-Magazin gehörenden Portal „Noisey“ seine Sicht zu verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Themen dargelegt.

Er sprach über Probleme der muslimischen Gemeinden in Deutschland, die Rekrutierung von Jugendlichen durch Gruppen wie dem IS, Populismus und die Frage nach dem Verhältnis der Staatsmacht zu seinen Bürgern. Der kurdischstämmige Künstler beweist durch seine Aussagen, dass er sich über gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland ernsthaft Gedanken macht. Gerade seine Vergangenheit scheint den bis dato als „Gangsta-Rapper“ mit krimineller Vergangenheit bekannten Xatar dazu veranlasst zu haben – denn er spricht aus Erfahrung.

Angesprochen auf einen „Diss“ gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ in seinem Song „Original“ erklärt Xatar, dass sich daraufhin im Netz IS-Sympathisanten bei ihm meldeten. „Viele von diesen Wahhabiten haben mir auch auf Facebook geschrieben und wollten mit mir ernsthaft darüber reden. Ich habe auch mit ihnen geredet, die Zeit habe ich mir genommen. Sie waren dann selber verwundert darüber, was ich ihnen erzählt habe, denn das erzählt ihnen sonst niemand“, so der Rapper. Vor allem die Tatsache, dass er auf dem Song auf den kurdischstämmigen muslimischen Feldherren Saladin eingeht, sorgte offenbar bei einigen IS-Sympathisanten für Verwirrung. „Saladin hat ganz andere Sachen repräsentiert, wie etwa Frieden oder Handel, anstatt eben zu töten. Töten war damals gang und gäbe in der Welt, aber er hat andere Optionen aufgezeigt, um den Feind zu bestrafen, zum Beispiel mit einem Handelsstopp. Wenn man ihnen sowas dann erzählt, wundern sie sich und sie kommen ins Grübeln“, erklärt Xatar. Interesse daran, mit ehemaligen Weggefährten oder Freunden zu reden, die sich mittlerweile dem IS angeschlossen hätten, habe er aber nicht. Am Tag des jüngsten Gerichts würden sie ohnehin den für ihre Taten zahlen müssen. „Jeder macht sein Ding. (…) Gott entscheidet am Ende. (…) Bei ihnen ist das dann erst recht kein Spaß. Schließlich machen sie das alles auch noch im Namen von Gott.“

„… bis diese große Wahhabiten- und Salafisten-Sache aufgetaucht ist“

Beim Thema Radikalisierung widerspricht Xatar der Darstellung, dass deutsche Gefängnisse Rekrutierungsfelder für Extremisten sei. Er selbst habe „in ziemlich vielen bekannten Knästen in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland Pfalz und NRW“ gesessen und so etwas nie beobachten können. In diesem Zusammenhang nennt Xatar zwei Punkte, die aus seiner Sicht entscheidend für die Radikalisierung und später die Rekrutierung von Jugendlichen durch Extremisten sind.

Erstens arbeite die Bundesregierung mit Blick auf den Islam in Deutschland lediglich mit türkischen Repräsentanten zusammen, beispielsweise der DITIB. Folglich seien die muslimischen Gemeinden lange Zeit von Türken dominiert gewesen und Predigten seien daher stets auf Türkisch gehalten worden. Und dies, obwohl viele Muslime in Deutschland keine Türken sind. „Die sprechen alle kein Türkisch. Wo sollten die also hin, wenn in jeder Moschee nur türkisch geredet wird?“

„Genau, dieses Problem gab es solange, bis diese große Wahhabiten- und Salafisten-Sache aufgetaucht ist. Das war 2003, 2004, in der Zeit nach dem 11. September. Sie waren die allerersten, die angefangen haben, auf Deutsch zu predigen. Auf einmal gab es in jeder Stadt Moscheen – kleine Hinterhofmoscheen -, wo viele auch hingegangen sind“, erläutert Xatar. „Dort sah man vielleicht einen Kanacken, oder auch einen Deutschen, der perfekt Deutsch gesprochen hat. Studierte Typen, Akademiker, die auf Deutsch angefangen haben, Leute zu Muslimen zu machen – also aus Überzeugung, was cool war.“

Xatar: Fremdenfeindliche Wahlkampf-Rhetorik nutzt den Scharfmachern

Diese deutschsprachigen und meist jungen Prediger hätten viele Jugendliche beeindruckt: „Da stand ja kein alter Mann mit Bart vor dir, der dir irgendwas erzählt. Das waren Jugendliche, coole Leute, frisch rasiert, studiert, Kickboxer. (…)Wenn du 14 Jahre alt bist und gerade selber auf der Straße unterwegs bist, hat das schon eine krasse Anziehungskraft. Die haben coole Sachen erzählt und du hast mit ihnen zusammen gegessen und geredet. All das, was eben in jeder Moschee passiert, nur dass du es jetzt zum ersten Mal auch verstanden hast, weil es auf Deutsch war.“

Das zweite Problem ist nach Meinung des Rappers die aggressive Rhetorik einiger politischer Parteien während des Wahlkampfes. „Immer wenn es zum Wahlkampf kommt, kommt dieses populistische Gelaber von irgendwelchen Parteien, auch von größeren Parteien. Dann werden sie auf einmal ganz kurz zu Nazis. Obwohl sie das gar nicht sind. Sie müssen das machen, damit die aus irgendwelchen Dörfern von irgendwelchen Vollidioten ihre Stimmen kriegen. (…) Nicht nur Islam-Bashing, auch Ausländer-Bashing.“ Diese Aussagen von Politikern würden genau wie „die semi-imperialistische Politik aus Amerika“ den Scharfmachern in die Hände spielen.


Dieser Artikel erschien zuerst am 29. Mai 2015 und wurde nun im Rahmen unseres Jahresrückblicks erneut veröffentlicht.