Ex-Bundespräsident Christian Wulff.

Ex-Bundespräsident Christian Wulff erklärte in einem Gespräch mit dem „Spiegel“, dass die Dankbarkeit vieler Einwanderer für vieles, was er im Laufe der letzten Jahre durchleiden musste, entschädige. In dem Interview wird deutlich, dass ihm diese Unterstützung viel Rückhalt gegeben haben muss, denn er zeigt sich wieder selbstbewusst wie selten zuvor. Nach der von den Medien hochgepuschten, innenpolitischen Affäre, seinem freiwilligen Rücktritt und der turbulenten Zeit bis zu seinem Freispruch ist das keine Selbstverständlichkeit.

Er empfinde kaum noch Groll gegen irgendjemanden, auch habe er es geschafft, nicht bitter zu sein. In der Zeit nach seinem Rücktritt habe er einen intensiveren Zugang zum Glauben gefunden. Dies habe geholfen, die Ereignisse zu verarbeiten.

Das als Streitgespräch gekennzeichnete Interview mit Wulff füllt sieben Seiten in der aktuellen Printausgabe des Magazins. Wer sich mit den Vorwürfen gegenüber dem ehemaligen Bundespräsidenten befasste, weiß, dass diese Veröffentlichung sehr bedeutungsvoll ist: Vor allem die Medien, allen voran der „Spiegel“, hatten ihn mit vielen Recherchen und auch vorschnellen Vorwürfen zu Fall gebracht. Im ersten Augenblick erscheint das Gespräch zwischen den beiden alten Gegnern wie ein Friedensbeschluss.

Im Interview können sie sich nicht einigen

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die beiden Interviewpartner nicht auf einen Nenner kommen. Wulff besteht darauf, dass die medialen Anschuldigungen in keinem Verhältnis zu seinen tatsächlichen Fehlern standen. Er sagte, „wenn Sie solche Maßstäbe an Politiker so unbarmherzig und rigoros anlegen, dann können Sie sich Politiker künftig im Kloster ausleihen“. Vor allem beklagt er sich über die Berichte der Medien über sein Privatleben, zum Beispiel über das Tattoo seiner damaligen Frau, das angeblich ein Zeichen für die Mitgliedschaft in einer Rockerbande oder einem Prostituiertenring gewesen sein soll.

Die Redakteure des Spiegels beharren jedoch darauf, einen guten Job gemacht zu haben, all ihre Recherche gehöre zum investigativen Journalismus dazu. Außerdem sei es Wulff selbst, der mit seiner unvollständigen Antwort den Anlass für die Berichterstattung geliefert habe: „Sie haben den Landtag und später die Öffentlichkeit über den wahren Kreditgeber getäuscht.“ Dabei war es dem Spiegel vor allem wichtig, sich von anderen Medien abzugrenzen, die darüber boulevardesk berichtet hatten.

Waren die Anschuldigungen eine Ausrede?

Der 55-Jährige vermutet aber, dass die Anschuldigungen nur genutzt wurden, um ihn zum Rücktritt zu zwingen. Er soll zu provozierend gewesen sein: „Die einen verübeln mir meine Kritik an den Banken, wieder andere empörten sich über meine Kritik an der Katholischen Kirche.“ Er betonte auch, dass sein Satz, dass der Islam zu Deutschland gehöre, für viele ein Ärgernis war.

Der Islam war eines der prägenden Themen in Wulffs Amtszeit als Bundespräsident. Mit seiner Äußerung, der Islam gehöre mittlerweile auch zu Deutschland, hatte Wulff eine heftige Debatte ausgelöst und sich viel Respekt unter Muslimen verschafft. Auch nach seinem Freispruch hält er an seiner alten Thematik fest: Der Dialog der Weltreligionen sei wichtig für den Weltfrieden. Es gelte, das zu betonen, was eint, und nicht das, was trennt.

Ein Fortschritt: Reden statt vorschneller Vorwürfe

Das Gespräch endet ohne Einigkeit, aber immerhin kam es dazu: Statt wilde Vorwürfe zu erheben, wird nun geredet. Obwohl die Spiegel-Redakteure nicht über die problematische Rolle der Medien in seinem und vielen anderen Fällen nachdenken wollen, setzt der Spiegel auch ein Statement, indem er die harte Kritik Wulffs abdruckt. Dennoch erscheint das Ende des Interviews recht ruppig, indem dieser rasch mitten in einem Argument verabschiedet wird: „Herr Wulff, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.“