Wutbürgerproteste erfassen nun auch Brasilien

Viele Brasilianer fragten sich angesichts der ausgiebigen Medienberichterstattung, was denn in der Türkei los sei und mittlerweile versuchen sie offenbar selbst, herauszufinden, was in ihrem eigenen Land passiert. Seit einigen Tagen vollziehen sich dort ähnliche Entwicklungen wie im Gezi-Park und auch Gewaltakte sind dabei unausweichlich. Das Wort „Vandalismus“ ist jetzt in aller Munde.

Genau wie die Türkei herrscht auch in Brasilien nun eine Stimmung vor, die Protestkundgebungen begrüßt, aber ohne Gewalt und Vandalismus. Jedoch erscheint es inzwischen unmöglich, die Kundgebungen von Gewalttaten und die Sicherheitskräfte vom harten Durchgreifen gegen Demonstranten fernzuhalten. Dabei werden den Sicherheitskräften in Brasilien noch wesentlich mehr Befugnisse eingeräumt als in der Türkei und diese wissen das auch zu nutzen und einzusetzen.

Ähnlich wie in Istanbul mit dem Slogan begonnen hatten „Pass auf Deinen Park auf“, ist man auch in Rio de Janeiro an dem Punkt angelangt, an dem es heißt: „Das Problem sind nicht ein paar Bäume“. Auslöser der Protestbewegungen war die Erhöhung der Fahrpreise in öffentlichen Verkehrsmitteln um 20 Cent. Gemessen an der Expansion der Protestmärsche in viele Städte, geht es hier jedoch nicht nur um die genannte Preiserhöhung. Bevor das Land mit solchen Aktionen konfrontiert wurde, pflegte ein Freund zu sagen: „Wir haben Euch gekannt und sahen, was Ihr getan habt. Erlaubt jenen nicht, das Werk, das Ihr mit großen Anstrengungen aufgebaut habt, zu zerstören.“

Das waren die Wünsche eines Freundes, der Aktivist mit sozialistischen Ansichten war. Nach der Bekanntschaft mit den Türken bemühte er sich, bei jeder Gelegenheit zu äußern, dass die Sozialisten in seinem Land nicht religionsfeindlich ausgelegt seien. So wie unsere sozialistischen Linken ihre Genossen in Südamerika kannten, wussten auch diese unsere Linksorientierten gut einzuschätzen. Seine Erkenntnisse zwangen ihn zu Aussagen wie „Schmeißt uns nicht mit den islamfeindlichen Sozialisten in ein Topf“ und um sein Interesse am Islam auszudrücken, äußerte er sich zufrieden angesichts des Aufstiegs des Islam in Brasilien. Obwohl nur 0,018% der Bevölkerung Muslime sind, ist der Islam in den letzten 30 Jahren zunehmend auffällig in der brasilianischen Gesellschaft durch den Bau von Moscheen, Bibliotheken, Kulturzentren und Schulen sowie durch die Finanzierung von Zeitungen in Erscheinung getreten.

Bald noch mehr Schwellenländer betroffen?

Nun versuchen die Brasilianer, die sich Kettenreaktionen zu verstehen und sind bemüht, Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Auch ihre erste Reaktion war, sich nicht zurückzuziehen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Ausbreitung der Aktionen auswirken würde und mit welchen Methoden der Staat dieser prekären Situation begegnen wird.

Die sich nacheinander in Brasilien und in der Türkei ausbreitenden Massenkundgebungen richten nun einmal mehr das Augenmerk auch auf Schwellenländer wie Südafrika, Russland und Indien, die eine – wenn auch nur relative – politische Stabilität erreichen konnten und deren Volkswirtschaften ihre Blütezeit erleben. Es bleibt abzuwarten, ob auch diese Länder bald mit Aktionen dieser Art konfrontiert werden.

Wenn es dazu kommen sollte, müssen wir wohl die Thesen über den angeblichen „zweiten Akt des Frühlings“ diskutieren und relativieren. Sodann werden wir uns Gedanken machen müssen über die Einflüsse der in der Türkei fortgesetzten Prozesse gegen die Putschisten und „Ergenekon“, die in Brasilien ihr Pendant in Form der Tribunale zum „Mensalão“-Korruptionsskandal und den Wahrheitskommissionen über frühere Staatsstreiche finden.

Wie ist es um die tatsächliche Intelligenz der „Intellektuellen“ bestellt?

Umso mehr wird uns die geistreiche Internet-Generation mit ihrer Entstehung, der Art und Weise ihrer Aktionen und ihrer zeitabhängigen Gestalt verwirren. Auch wenn sie harmlose Jugendliche sind, schwinden ihre Intelligenz und ihre Fähigkeit zum Humor, wenn es darum geht, nicht als Instrumente der Gewalt zu fungieren. Was passiert mit ihrem Verstand? Warum können sie als Zeichen ihrer Intelligenz nicht denjenigen die Stirn bieten, die ihre Aktionen tatsächlich zu hintertreiben versuchen? Oder wird die Internet-Generation durch den unhinterfragten Umgang mit virtuellen Ressourcen in eine Falle gelockt?

Obwohl die guten Absichten anerkannt werden müssen, werden inakzeptable Erscheinungen wie das Demolieren von Bushaltestellen, in Brand gesetzte öffentliche Verkehrsmittel, geborstene Schaufensterscheiben von Geschäften, mit Reifen auf den Straßen errichtete Barrikaden und deren Anzünden geahndet werden müssen. Es ist an der Zeit, dass jene Teile der „kritischen Intelligenz“, die für zwanzig Cent ihr Land in Flammen aufgehen lassen, herausfindet, dass es wenig Intelligenz verrät, mit einer „Die-Welt-schuldet-mir-das-Leben“-Haltung einen Strick um den Hals des eigenen Landes zu legen…