Can Dündar und Erdem Gül

Deniz Yücel bleibt in der Türkei in Haft. Seine Inhalftierung zeigt: Journalisten leben in der Türkei gefährlich. Daran kann auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nichts ändern, obwohl sie den deutsch-türkischen Journalisten zur Chef-Sache erklärte.

Mit der Inhaftierung des deutsch-türkischen “Welt”-Reporters Deniz Yücel ist in Deutschland der prekäre Zustand von Journalisten in der Türkei einmal mehr bekannt geworden. Yücel wird politischer Aktivismus im Sinne der PKK vorgeworfen. Das lässt auch die Bundeskanzlerin nicht kalt. Bei ihrem letzten Türkei-Besuch habe Angela Merkel sogar höchstpersönlich die Freilassung von Yücel gefordert, heißt es aus Regierungskreisen. Obwohl sie den deutsch-türkischen Journalisten zur Chef-Sache erklärte, kehrte die sonst so einflussreiche Politikerin mit leeren Händen nach Berlin zurück. Zu aller Enttäuschung erklärte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bei einem TV-Auftritt kurz danach, dass eine Freilassung Yücels während seiner Amtszeit grundsätzlich ausgeschlossen sei.

Eine solche Vorverurteilung durch die höchste türkische Autoritätsperson ist – noch bevor überhaupt klar war, was Yücel konkret vorgeworfen wird – verdächtig. Wird an Deniz Yücel ein Exempel statuiert? Ist das die neue Form der türkischen Justiz, von dem die Verfechter des Präsidialsystems schwärmten? Ist das der handlungsschnelle Rechtsstaat, der im Referendum vom Ja-Lager versprochen wurde?

Klar ist, dass im erneut verlängerten Ausnahmezustand in der Türkei Gesetze und Gerichte bereits heute unter Erdogans Kontrolle stehen. Kritiker sehen darin bereits eine Überbrückung der übrigen eineinhalb Jahre bis zur offiziellen Einführung des Präsidialsystems.

Dündar als Gesicht der freien Presse in der Türkei

Noch bevor der Fall Yücel die öffentliche Debatte um Pressefreiheit in der Türkei beherrschte, war es dem ehemaligen Cumhuriyet-Chefredakteur Can Dündar gelungen, die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit für sich zu gewinnen. Zunächst war Dündar am 26. November 2015 in der Türkei verhaftet worden, kam nach drei Monaten Untersuchungshaft am 26. Februar 2016 überraschend wieder frei. Dabei hatte Dündar etwas geschafft, das die türkische Regierung im bislang unerreichten Maße in Bedrängnis brachte. Seine investigative Story über eine mutmaßliche Waffenlieferung der türkischen Republik an Syrien und die These, diese Waffen seien auf dem Weg zum sogenannten Islamischen Staat, hatten den erfahrenen Journalisten beinahe das Leben gekostet. Denn: Im Zuge seiner Freilassung wurde Dündar von einem türkischen Nationalisten angeschossen. Der Mann feuerte aus nächster Nähe auf Dündar und verfehlte ihn nur knapp. Dündars Ehefrau packte den Attentäter, während der Journalist in Sicherheit gebracht wurde. Unmittelbar nach diesem Tumult kam Dündar per Flugzeug nach Deutschland, während andere, deutlich weniger prominente Regierungskritiker für eine Flucht aus der Türkei die lebensgefährliche Seeroute über die Ägäis in Kauf nehmen mussten.

In Deutschland schreibt der Journalist im Exil für die wichtigste Wochenzeitung “Die Zeit” und gründete sogar ein eigenes Medium. Mit dem Namen „Özgürüz“ startete das gemeinnützige Recherchezentrum “Correctiv” ein Online-Nachrichtenportal und kennzeichnete es von Beginn an als Exil-Medium. Von dort sollen Journalisten aus der Türkei und anderen restriktiven Staaten wie Dündar wieder schreiben und arbeiten können. Die Idee ist als Gegengewicht zu staatlich gelenkten Medien in der Türkei leider wenig praktikabel: Bereits am ersten Tag wurde die Seite in der Türkei blockiert.

Ausreiseverbot für Ehefrau von Dündar

Dündars mutige Lebensgefährtin ist indes weiterhin in der Türkei und darf das Land nicht verlassen. Durch das Ausreiseverbot ist die Familie bis auf Weiteres voneinander getrennt. Dennoch fristet das Ehepaar Dündar damit ein weit erträglicheres Schicksal als so manch anderer Journalist in der Türkei. So wurde beispielsweise die Ehefrau von Bülent Korucu, dem ehemaligen Chefredakteur der Zeitschrift “Aksiyon”, in Gewahrsam genommen, weil die Polizei den gesuchten Journalisten  nicht zu Hause antraf. Über diese fragliche Vorgehensweise, die faktisch eine Geiselnahme ist, wurde weder in der Türkei noch in Deutschland berichtet.

Auch Dündar hielt es nie für nötig, neben seinem eigenen Schicksal auch auf solche krassen Fälle hinzuweisen. Überhaupt scheint es für Dündar nur Solidarität für gleichgesinnte Journalistenkollegen zu geben. Damit verkörpert er das klassische türkische Lagerdenken. Ein Ideologietransport aus der Türkei, ganz gleich aus welchem innertürkischen Lager es kommen mag, ist aber für die Integration der Türken in Deutschland kaum förderlich. Denn während die AKP und ihre Vertreter die türkische Diaspora für sich einzunehmen versuchen, tun dies andere ideologisierte Personen und Kreise aus der Türkei ebenso. Das wird noch deutlicher, wenn man Dündars neues Nachrichtenportal genauer unter die Lupe nimmt. Denn “Özgürüz” macht nicht nur Journalismus auf Türkisch. Die Beiträge werden auch ins Deutsche übersetzt. Dabei fällt für Leser, die über Kenntnisse beider Sprachen verfügen, auf, dass die Inhalte auf türkisch und auf deutsch nicht immer identisch sind.

Natürlich kann ein Gesicht sinnbildhaft für eine Sache stehen. Und die Öffentlichkeit, die Dündar und Yücel stellvertretend für alle inhaftierten Journalisten erzeugen, ist immer noch besser als gar keine. Dennoch: Die fehlende Solidarität für Journalisten, nur weil sie für Zeitungen und Medien gearbeitet haben, die entweder pro-Kurdisch, oder Gülen-nah sind, ist unfair und undemokratisch.

Die uninteressanten Journalisten in Haft

In der internationalen Liste von “Reporter ohne Grenzen” zählt die Türkei mit mittlerweile 153 inhaftierten Journalisten zu den gefährlichsten Ländern der Welt für Medienvertreter. Neben Yücel und Dündar sind auch ältere Damen wie Nazli Ilicak (73) und ältere, kranke Herren wie Sahin Alpay (73), die Gebrüder Ahmet (67) und Mehmet Altan (65), der Theologe und Koran-Exeget Ali Ünal (62) und unzählige weitere Journalisten inhaftiert. Familienmitglieder von flüchtigen Journalisten werden drangsaliert und zum Teil, wie im Fall von Bülent Korucu, grundlos und unrechtmäßig inhaftiert.

Dündar irritiert mit kruden Thesen

Wenn Dündar in seiner “Zeit”-Kolumne schreibt, „warum viele Türken glauben, dass auch die Enthüllung von Donald Trumps Frauenfeindlichkeit ein Werk der Gülenisten war“, ist das für aufgeklärte Leser in Deutschland irritierend. Wenn auf so eine steile Behauptung keine adäquate Erklärung folgt, dann kratzt so etwas an der Glaubwürdigkeit eines Journalisten. Dündar kümmert sich in einer ziemlich türkischen Manier erst gar nicht darum, Belege für eine derart obskure Behauptung zu liefern. Stattdessen stellt er weitere unbelegte Behauptungen auf. So schreibt er in seiner Kolumne „Sex, Lügen und Bänder“ vom 15. Oktober 2016: „Kaum war die Aufnahme veröffentlicht, dachten in der Türkei viele: ‘Wenn da mal nicht Fethullah Gülen hintersteckt!’ Der Verdacht war nicht aus der Luft gegriffen. Gülen, von Erdoğan derzeit zum ‘Gegner Nummer eins’ erklärt, wird beschuldigt, jahrelang die türkische Politik mit ‘Sex-Videos’ gelenkt zu haben”. Dündar will tatsächlich suggerieren, dass hinter den Veröffentlichungen von Trumps sexistischen Aussagen im US-Wahlkampf Gülen stünde.

Seine wilden Theorien, die in der Türkei tatsächlich auf breite Zustimmung stoßen, setzt der Exil-Journalist, seitdem er von Deutschland aus tätig ist, fort. So heißt es in seiner Kolumne weiter: „Der erste Schlag mit Videos gegen die Politik erfolgte im Mai 2010. Fünf Monate vor einem Referendum, das die Verfassung ändern und die Zügel der Justiz der Regierung übergeben sollte. Die größte Oppositionspartei CHP führte eine Gegenkampagne durch. Da tauchten im Internet Schlafzimmeraufnahmen von einem Treffen des CHP-Vorsitzenden mit seiner Sekretärin auf.“

In Deutschland müssen glaubwürdige Journalisten auch in Kolumnen einen gewissen journalistischen Standard beibehalten. Bei aller Hochachtung für Dündars Mut zur Wahrheit, ist diese Form des Ideologietransports aus der Türkei kaum förderlich für ein Zusammenleben der türkischen Community. Ohnehin ist Dündar mit seinem Image bei vielen Türken in Deutschland vorbelastet. Eine sachliche und neutrale Berichterstattung täten dem erfahrenen Redakteur gut, um seiner wichtigen Aufgabe im Exil gerecht zu werden. Sonst läuft Dündar Gefahr, den Bezug zu den Deutsch-Türken komplett zu verlieren.

Mit „Özgürüz“ ist Dündar auch ein Stück weit das Gesicht des anerkannten gemeinnützigen Recherchezentrums “Correctiv”. Das schreibt über sich, „Wir recherchieren langfristig zu Themen, die andere Medien zu wenig beachten. Wir wollen jeder Bürgerin und jedem Bürger Informationen geben, damit man die Welt besser versteht. Bleibt die Frage: Wer ist Dündars Korrektiv?