Der Istanbuler Jura-Student Mehmet* und seine Schwester haben als Demonstranten die Erstürmung der Zaman-Zentrale hautnah miterlebt. DTJ sprach mit ihm über seine Version der Ereignisse des gestrigen Abends.

Sie waren gestern Abend bei der Erstürmung der Redaktion der Tageszeitung Zaman durch die Polizei anwesend. Wie kam es dazu, dass sie an der Demonstration teilgenommen haben?

Es war ganz spontan, ich wollte nur schauen, was dort passiert, wie die Polizisten reagieren und ob es stimmt, was die regierungsnahen Medien so alles über die Gülen-Bewegung sagen. Ich kann Ihnen sagen: Alles ist gelogen, alles.

Wie haben Sie die Stimmung in der Menschenmenge vor Eintreffen der Polizei wahrgenommen? Wie haben sich die Demonstranten verhalten?

Jeder war ganz friedlich, selbst als die Polizei eintraf. Keiner der Demonstranten hat die Polizisten beschimpft. Einen Mann habe ich gesehen, der laut rief: „Wieso sind so viele Polizisten hier? Sind wir Terroristen, dass so viel Polizei hier ist?“ Dann kam ein anderer Demonstrant und sagte ihm, dass er leise sein soll, da sie sowieso einen Grund suchen, damit sie eingreifen können. Jeder verhielt sich sehr friedlich. Als es später begann zu regnen, sah ich sogar, wie Demonstranten Regenschirme über Polizisten hielten, damit sie nicht nass werden.

Die Demonstranten haben sich den Polizisten gegenüber kooperativ verhalten?

Kann man so sagen. Manche Demonstranten haben sogar andere aufgefordert, genug Abstand zur Polizei zu halten, obwohl wir das bereits taten, damit es keine Probleme geben würde. Niemand hat einen einzigen Stein geworfen, niemand hat einen einzigen Polizisten angegriffen.

Was für Menschen waren diese Demonstranten? Wie war die Menge zusammengesetzt?

Es waren ganz verschiedene Menschen, von Jung bis Alt, Kinder, Frauen, Männer – einfach alle. Ob bestimmte politische Gruppen vor Ort waren, kann ich nicht sagen. Dass auch AKP-Anhänger da waren, glaube ich nicht. Ich kann das alles aber nicht mit Sicherheit sagen. Es waren einfach zu viele Menschen dort, sogar welche aus meiner Schule.

Und wie haben Sie dann den Eingriff der Polizei wahrgenommen?

Ich hätte nie gedacht, dass die Polizei so hart mit uns umgeht, sonst hätte ich meine Schwester niemals mitgenommen. Ich dachte vorher, die Polizei kommt nur, damit es keine Auseinandersetzungen gibt, oder besser gesagt, damit nichts passiert und sie uns schützt.

Hätten die Demonstranten gewusst, dass die Polizei so hart auf uns losgeht, hätte niemand Frau und Kinder mitgenommen. Logisch, oder?

Ja, klar. Also hatten die Demonstranten das harte Vorgehen der Polizei gar nicht erwartet?

Nein, überhaupt nicht. Ich sah sogar Demonstranten, die vor dem Zugriff ganz normal mit Polizisten geredet und gelacht haben. Es war echt alles ganz friedlich. Wenn ich nicht erwartet hätte, dass es friedlich bleibt, wäre ich ja als Jura-Student gar nicht erst dorthin gegangen.

Also haben sich anfangs auch die Polizisten friedlich verhalten? Wie kam es dann plötzlich zum harten Durchgreifen der Polizei?

Das weiß ich wirklich nicht. Ich stand neben meinem Vater, als die Polizei plötzlich anfing, mit Wasserwerfern auf uns zu feuern. Es war absolutes Chaos. Mein Vater rief nur: „Mehmet, renn!“ Voll das Chaos, Frauen weinten, Kinder schrien. Es war wirklich schlimm.

Es gab wirklich keinen Anlass, jeder zweite Demonstrant hatte gesagt, dass wir, egal was passiert, ruhig bleiben sollen, und es war auch so. Da waren 500 Menschen und ich habe nicht mal jemanden rauchen sehen. Keine Ahnung, wie es zu dieser Eskalation kam.

Was geschah, nachdem die Polizei mit dem Zugriff begonnen hatte? Flüchteten die Demonstranten oder leisteten sie Widerstand?

Ich kann schwören und garantieren, dass keiner Widerstand geleistet hat. Jeder flüchtete voller Panik. Die Polizei zögerte nicht und es war ihr vollkommen egal. Ob Jung oder Alt, niemand leistete Widerstand, niemand.

Es waren nur ein paar Demonstranten, die Sachen geschrien haben wie: „Was macht ihr? Da sind Frauen und Kinder!“ Ein Mann schrie: „Macht mit uns Männern, was ihr wollt! Aber nicht mit den Frauen und Kindern!“

Haben Sie denn Gewalt gegen Frauen und Kinder beobachtet?

Gewalt gab es gegen jeden, sie haben einfach mit Wasserwerfern in die Menge geschossen. Auf die Männer sind sie mit Schlagstöcken losgegangen. Ich sah nur, wie manche Männer sich den Arm gehalten haben, die waren verletzt, glaube ich. Danach bin ich weggelaufen.

Und wie haben Sie die Zeit nach der Erstürmung erlebt? Gab es weitere Ausschreitungen?

Nein, jeder lief nur weg. Ich sah, wie sich die Demonstranten gegenseitig Zitrone in die Augen träufelten, um das Tränengas zu neutralisieren, auch mein Vater. Mir brannten ebenfalls das Gesicht und die Haut.

Und wie war die Stimmung der Menschen nach den Ereignissen? Herrschte Wut oder Entsetzen?

Natürlich waren manche Demonstranten wütend, weil wir nichts unternommen haben. Ich sah sehr viele junge und ältere Frauen, die geweint haben.

Wie behalten Sie den gestrigen Abend in Erinnerung?

Ich rief meine Schwester an und fragte, wo sie ist. Sie sagte, sie sei im Redaktionsgebäude und die Polizei lasse sie nicht heraus. Ich rannte zum Gebäude. Ich weinte fast vor Wut und Enttäuschung. Ein Polizist schnitt mir in den Weg ab und sagte, wenn ich nicht verschwinde, würde er mich mitnehmen. Ich sagte ihm aufgebracht, dass meine Schwester da drin ist, aber der Polizist antwortete nur: „Das ist mir egal.“ Daraufhin kam ein anderer Demonstrant zu mir und sagte: „Junge, bitte beruhige dich, du bist noch jung. Lass es.“ Das werde ich nicht vergessen.

Und danach gingen sie nach Hause?

Genau. Eines will ich aber noch sagen: Ich liebe die Türkei, ich bin kein Verräter. Ich will nur, dass die Menschen endlich aufwachen und sehen, was hier in der Türkei passiert.

Jeden Tag fallen Soldaten. Anstatt sich darum zu kümmern, geht die AKP-Regierung auf Menschen los, die nichts gemacht haben.

Keiner der Menschen von gestern Abend hatte Waffen oder ähnliches dabei. Das wollte ich noch betonen.

Vielen Dank für das Interview.

Kein Problem.


Mehmets Schwester, die ebenfalls anwesend war, war für ein Interview nicht zu erreichen. Er leitete uns aber ihre Schilderung der Ereignisse weiter, die wir hier ungekürzt wiedergeben:

Es war 21 Uhr, meine Freundinnen und ich standen vor der Tür. Alles war ruhig, keine von uns hatte Waffen, Steine oder sonst irgendwas dabei. Das einzige, was wir in unserer Hand hatten, waren Gebetsbücher. Es wurde Suppe, Wasser und Schokolade für die Kinder verteilt. Manche Frauen und Kinder räumten sogar den Müll vom Boden auf. Wir standen ruhig da und warteten, schließlich wussten wir nicht, was auf uns zukommen würde.

Um 23.00 Uhr fing es an zu regnen. Daraufhin bekamen wir Regenschirme und Regenmäntel. Später wurde der Regen heftiger, deshalb ließen sie Frauen und kleine Kinder in das Gebäude. Drinnen im Zaman-Gebäude war es so friedlich, jeder sorgte sich um jeden, es wurde Essen, Torte und Wasser verteilt. Doch plötzlich stürmten die Polizisten hinein, mit Waffen und Tränengasgranaten. Wir hatten gar nichts in der Hand, brauchten wir aber auch nicht. Denn unser Ziel ist kein Krieg, wir wollten niemanden verletzen. Sie behandelten uns wie Terroristen, wir konnten uns nicht wehren.

In dem Gebäude waren auch Kinder, 4-, 5-, 6-Jährige. Trotzdem warfen sie Tränengasgranaten hinein. Und das, obwohl wir gar nichts gemacht hatten. Kleine Kinder schrien und weinten, Frauen wurden gequält. Meine Freundin und ich haben Asthma und hatten beide unser Asthma-Spray nicht dabei. Wir hatten ja auch nicht mit Tränengas gerechnet. Deshalb rannten wir ganz schnell nach oben, doch das Tränengas reichte auch bis dahin. Wir müssten uns auf der Toilette verstecken. Auch dort konnte man noch deutlich das Geschrei von Frauen und Männern hören. Wir waren unter Schock und wussten nicht, was wir machen sollen.

Wir versuchten rauszukommen, doch draußen waren die Polizisten mit Waffen und Tränengasgranaten. Für die spielte es keine Rolle, ob Mädchen, Kinder, Frauen oder Männer vor ihnen stehen. Beim zweiten Versuch konnten wir die Treppen runtergehen, doch wieder rannten die Polizisten auf uns zu und wir mussten wieder hoch. Wieder sah ich Kinder, Mütter, Frauen, die weinten. Ich weiß nicht, wie jemand so gewalttätig zu Frauen sein kann. Wir haben denen gar nichts getan, weder haben wir aggressiv gesprochen, noch haben wir jemanden geschlagen oder sonst noch was. Es war ca. 24 Uhr und wir waren immer noch im WC. Meine Freundin und ich bekamen einen Asthma-Anfall, wir konnten nicht mehr atmen. Mitarbeiter von Zaman halfen uns dann, wir kannten niemanden dort, trotzdem kamen sie, gaben uns Wasser und sorgten sich um uns. Langsam wurde es ruhig. Ein Mitarbeiter sagte zu den Polizisten, dass wir Asthma haben und sie doch mit dem Gas aufhören sollen. Doch denen war das egal. Am Schluss hatten wir schlicht keine Wahl mehr und mussten einfach raus. Wir rissen uns zusammen und rannten hustend nach draußen.


*Der Name wurde von der Redaktion geändert, der Klarname ist DTJ bekannt. Aus Angst vor Repression möchte er anonym bleiben.