Zeitungen wird es immer geben – trotz Internet und Smartphones

Zu den treuesten Lesern der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ gehörte einmal ein junger preußischer Offizier, der als Militärberater in der Türkei tätig war. Es war der spätere Generalfeldmarschall von Moltke. Die Zeitung, die zu den wichtigsten damaligen deutschen Journalen gehörte, traf mit drei- bis vierwöchiger Verspätung bei ihm ein und wurde von Tartaren, die als Kuriere fungierten, von Konstantinopel aus an jeden Punkt des Osmanischen Reiches befördert, an dem sich der Offizier gerade aufhielt. Später wurde er selbst ein freier Mitarbeiter des hoch angesehenen Blattes.

Es wird immer Zeitungen geben, weil es immer Menschen geben wird, die den Wert einer Zeitung kennen oder ein Empfinden für den Wert haben und bereit sind, den Preis dafür zu zahlen. Und es wird immer Verleger und Journalisten geben, die an den Wert dieser bedruckten 20, 30 und mehr Seiten glauben, die in einem Kampf gegen die Uhr Tag für Tag neu entstehen und die Herzen der Akteure höher schlagen lassen. Parallel dazu wird sich der Sturmlauf der Digitalisierung nicht verlangsamen, und den Nutzer des smartphones immer und immer wieder in neues Entzücken versetzen. Aber einen Ersatz für die Zeitung stellen alle diese Entwicklungen, die da kommen werden oder in den letzten Jahren stattgefunden haben, nicht dar.

Denn die Zeitung war und ist ein schnelles und langsames Medium zugleich. Sie wird in ihrem Nachrichtenteil mittlerweile vom Internet viele Male am Tage überrundet. Aber der Leser kann sich bei einer gut gemachten Zeitung weiterhin darauf verlassen, dass er das Wichtigste des Tages zu lesen bekommt, und dass die Hintergrund- und Analyseseiten durch andere Medien nicht „überrollt“ – so möchte man sagen – werden. Anders formuliert: er erhält ein Archiv des Tages. Ähnlich verläuft der Prozess beim Leser, beim „Empfänger“. Er möchte am Morgen oder am Abend, vor allem aber in diesen schönen Sommerwochen beim Frühstück in Ruhe sein Blatt lesen. Und wenn der Artikel sehr gut ist – eine Tageszeitung ist manchmal ein Stück Zeitgeschichte –möchte er den Beitrag noch einmal lesen – oder wenigstens ein Stück davon. Die Seite einer Zeitung bietet dafür einen Überblick, Orientierung, das menschliche Auge kann sie auf einmal erfassen. Das ‚Scrollen‘ führt hingegen ins Grenzenlose.

Tageszeitungen gehören zum Gründungsmythos der Bundesrepublik

Zum Gründungsmythos der Bundesrepublik gehören Tageszeitungen. Die Amerikaner und Briten waren Geburtshelfer bei wichtigen Presseerzeugnissen, die die Leser bis zum heutigen Tage fesseln. Viele entstanden im Hause Springer, wo es einen jungen Verleger gab, der ein Händchen für Titel und erstklassiges journalistisches Personal hatte. Als er selbst Politik machen wollte, um die Folgen der deutschen Teilung zu lindern, ging dies schief. Axel Caesar Springer war es dann auch, der im Kampf gegen die Ostpolitik von Willy Brandt selber die Axt an sein Presseimperium legte. Aber die Eiche verdorrte nicht, sie verlor nur Äste. Die Substanz des Hauses reichte bis heute, um das Unternehmen beim Publikum als Zeitungskonzern erscheinen zu lassen.

Damit ist nun Schluss. Der nicht mehr ganz junge Mann, den die Verlegerwitwe vor knapp 20 Jahren zum Nachfolger und geistigen Erben Springers erkor, will bis auf die sogenannte Bild- und Welt-Gruppe alle Zeitungs- und Zeitschriftentitel verkaufen, darunter die legendäre „Hör ZU“ und das bis vor kurzem hochprofitable „Hamburger Abendblatt“. Mathias Döpfner hat einmal Musikwissenschaft studiert. Er ist dank Friede Springer innerhalb kürzester Zeit ein Multimillionär geworden – mit geschätzten Jahresbezügen von 10 Millionen Euro. Zur gleichen Zeit hat Jakob Augstein, ein Sohn des Erfinders des Nachrichtenmagazins der SPIEGEL, eine Wochenzeitung gekauft, den Freitag. Geld verdienen lässt sich mit dieser Zeitung kaum, aber der Millionär Augstein ist im Herzen ein Verleger, ein wirklicher Freund der Journalisten. Davon kann bei Springer nicht länger die Rede sein. Vielleicht wird der Konzern nun hochprofitabel. Aber Schwingungen, Musik, lassen sich in dem Glaspalast unweit des Checkpoint Charlie im Herzen von Berlin nicht länger erzeugen. Hier hat ein Medienunternehmen seine Geschichte, seine Vergangenheit buchstäblich hinter sich gelassen. Nun drohen leere Seiten.