Der NSU-Prozess ist in dieser Woche weiter den Lebensumständen der Hauptangeklagten Beate Zschäpe auf der Spur. Ein ehemaliger Rechtsextremist beschrieb Zschäpe vor Gericht als „bauernschlau“ und „zickig“. Eine weitere zentrale Figur des rechtsextremen Terrors entlastete er.
Der NSU-Prozess ist in dieser Woche weiter den Lebensumständen der Hauptangeklagten Beate Zschäpe auf der Spur. Ein ehemaliger Rechtsextremist beschrieb Zschäpe vor Gericht als „bauernschlau“ und „zickig“. Eine weitere zentrale Figur des rechtsextremen Terrors entlastete er.

Starrer Blick, zusammengekniffener Mund und eine lange Haarmähne, die perfekt als Schutz vor allzu bohrenden Blicken vor die ausdruckslosen Augen fallen kann: So kennt ganz Deutschland Beate Zschäpe als Hauptangeklagte im Münchener Prozess gegen die Terrorgruppe des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU).

In den zwei Jahren, die der Prozess vor dem Münchener Oberlandesgericht (OLG) bereits andauert, hat sie kein einziges Wort gesagt. Verbale Äußerungen hat sie noch nie, seitdem sie sich 2011 nach dem Auffliegen des NSU und dem Tod ihrer beiden Komplizen Uwe Böhnhradt und Uwe Mundlos den Behörden stellte, zu Protokoll geben.

Zschäpe verzweifelt an ihrem Schweigen

Nur ihre Anwälte und einige wenige Gefängnispsychiater kennen den Klang ihrer Stimme. Dass dieses Schweigen nicht spurlos an ihr vorbeigeht, war ihrem Gesicht zuletzt deutlich anzusehen. Immer müder und kranker sah Zschäpe aus. Nun vertraute sie sich einem Gefängnispsychologen an. Das Gutachten des Münchener Gerichtstherapeuten Norbert Nedopil zeichnet ein Bild einer verzweifelten Frau: Zschäpe falle das Schweigen immer schwerer, es belaste sie zunehmend, heißt es in dem Bericht für das OLG München.

In Nedopils schriftlichem Gutachten über seine Gespräche mit Zschäpe wird deutlich, dass ihr Schweigen noch zu Beginn des Prozesses keine Belastung für sie war. Sie habe gedacht, dass sie es durchhalten würde. Die einzige Überlebende der schlimmsten Neonazi-Terrorserie der Bundesrepublik möchte gerne etwas sagen.

Eine narzisstische Persönlichkeit

Die Aufzeichnung bestätigen außerdem, dass Zschäpe an ihren Anwälten zweifelt. Sie müsse ständig „auf die Fehler ihrer Anwälte aufpassen“ heißt es in dem Bericht. Das bestätigt den Prozessverlauf: Im vergangenen Sommer hatte sie noch versucht, sich von ihren Anwälten zu trennen, war aber mit einem entsprechenden Antrag vor Gericht gescheitert.

Das Gutachten bietet überdies auch Einblicke in die Psyche der mutmaßlichen Terroristin: Weil sie das Schweigen als Belastung empfindet, beschreibt Nedopil die Hauptangeklagte als narzisstisch. Psychologen beschreiben damit eine Persönlichkeitsstörung, bei der ein Individuum durch übermäßige Eitelkeit, Überempfindlichkeit gegenüber Kritik und mangelndes Einfühlungsvermögen auffällt.

Bricht sie ihr Schweigen irgendwann?

All das passt perfekt zu Zschäpe: Vor Gericht gerät sie immer dann in Aufruhr, wenn es um ihre persönliche Vergangenheit und private Angelegenheiten geht: Während einer Zeugenaussage, in der sie als Diebin beschrieben wurde, tuschelte sie auffällig häufig mit ihren Anwälten, obwohl das Vertrauensverhältnis zu ihren Verteidigern da schon offiziell als beschädigt galt.

Ein anderes Mal wurde sie sehr unruhig, als ein Zeuge von einem Treffen mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe während eines Urlaubs sprach. Zschäpe scheint sich immer weniger unter Kontrolle zu haben. Die Haft und das Schweigen scheinen sie immer mehr zu belasten.

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Zschäpe irgendwann ihr Schweigen bricht. Das hätte ganz sicher positive Auswirkungen auf eine lückenlose Aufklärung der NSU-Terrorserie.

Die schreckliche Bilanz des NSU

Die Terrorgruppe des sogenannten NSU soll von 2000 bis 2011 aus Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bestanden haben. Die beiden mutmaßlichen männlichen Mitglieder der Gruppe sollen acht türkischstämmige und einen griechischen Händler sowie eine Polizistin getötet und 14 Banken in Chemnitz, Zwickau, Stralsund und Arnstadt überfallen haben.

Zschäpe ist seit 2013 wegen Mittäterschaft in zehn Mordfällen, besonders schwerer Brandstiftung und Mitgliedschaft in und Gründung einer terroristischen Vereinigung vor dem Münchener Oberlandesgericht angeklagt. Seit mehr als drei Jahren sitzt sie in Untersuchungshaft.

Mittlerweile haben die Taten des sogenannten NSU fünf Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Länderebene beschäftigt und unzählige Entlassungen und Rücktritte verursacht. Wirkliche Erkenntnisse bleiben jedoch rar, Verschwörungstheorien beliebt.