Aylan, Bodrum, Flüchtlinge, Fremdenfeindlichkeit, Türkei
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In der Türkei leben nach Schätzungen von Beobachtern und offiziellen Angaben ca. 2 Millionen Flüchtlinge. Viele sind auf der Durchreise, noch mehr bleiben im Land. Ob es ihnen in dem Land zwischen Orient und Okzident besser gehen wird, ist fraglich, denn zu viele von ihnen leben in tiefster Armut und müssen sehr viel Feindseligkeiten seitens der Einheimischen ertragen. Das sind meine Beobachtungen.

In den letzten Wochen dominierten erschreckende Berichte aus Ostdeutschland die deutschen Schlagzeilen. Ein Stichwort ist Heidenau. Sofort bekommt man Bilder von wütenden Bürgern vor Augen, die mit Plakaten und Gebrüll gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft protestieren. Oder aber einem fallen die ganzen Hasskommentare auf Facebook und Twitter auf, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Als Argument gegen all diese Flüchtlingsgegner wurde die bereitwillige Aufnahme von Millionen Flüchtlingen in Ländern wie der Türkei und dem Libanon genannt. Man hat nicht daran gedacht, wie die Menschen dort untergebracht werden. Die Zahl der Aufgenommenen war von Relevanz. Es wurde auch nicht beachtet, dass sehr viele Menschen in der Türkei gegen die Flüchtlinge sind und dass diese vielleicht sogar härter protestieren als die „Wutbürger“ in Deutschland. Ich war diesen Sommer in der Türkei und habe mehrere Tage in Bodrum verbracht. Noch nie habe ich den Bürgerkrieg in Syrien so nah zu spüren bekommen, wie in den vergangenen Tagen.

Der Wunsch nach Freiheit und Frieden kostet das Leben

Auf ihrer Flucht nach Europa, nehmen die Flüchtlinge den gefährlichen Weg über die tiefen Meere. Bei dem Wunsch nach Freiheit und Frieden verlieren viele Flüchtlinge ihr Leben.

Mit einem überfüllten Schlauchboot versuchen die Flüchtlinge von Bodrum über die Ägäis nach Kos/Griechenland zu kommen. Um dieses waghalsige Vorhaben umzusetzen, müssen sie oft ihr gesamtes Hab und Gut verkaufen.

Die schicken internationalen und einheimischen Touristen schlendern durch die romantischen, mit wundervoll bunten Blumen bewucherten Gassen und Straßen. Sie sind auf der Suche nach etwas Einzigartigem auf diesem schönen Flecken Erde, mit dem sie sich daheim bei Bekannten aufwerten können. Auf der anderen Seite schlafen halb verhungerte Menschen in den dunklen Ecken dieser Straßen, halten Pappe mit türkischen und englischen Schriftzügen in der Hand, mit denen sie um Hilfe und eine kleine Spende bitten.

In dem Busbahnhof sind auf jeder Seite Flüchtlinge anzutreffen, die ihre Habseligkeiten in Mülltüten eingepackt haben. Gott weiß, seit wie vielen Tagen oder Wochen sie die Tüten auf ihrem Rücken schleppen und in der Nacht darauf schlafen.

Situation der Flüchtlinge in der Türkei

In Deutschland treffe ich regelmäßig auf Flüchtlinge und ich habe bisher kaum einen betteln gesehen oder einen, der einen unterernährten Eindruck auf mich gemacht hat. In der Türkei allerdings habe ich es nicht übers Herz gebracht, in ihre Richtung zu schauen. Was mich am allermeisten verwundert und auch verletzt hat, ist die unglaubliche Feindseligkeit und Ablehnung der türkischen Bürger gegenüber den Flüchtlingen gewesen. Damit hatte ich nicht gerechnet, denn keiner hatte bisher darüber gesprochen.

„Die Syrer kommen her und bekommen alles zugesteckt. Geld, einen türkischen Pass und sogar Stipendien für die Universitäten!“.

„Die sind dreckig und beklauen Menschen. In großen Städten wie Istanbul, gibt es sehr viele, die sich prostituieren und kriminell sind!“.

„Die Regierung kann den Hunger seiner eigenen Menschen nicht stillen, wie sollen da die Mägen der Flüchtlinge auch noch gefüllt werden?!“.

Das sind die drei häufigsten Argumente gewesen, die ich mir anhören musste, als ich die Einheimischen über ihre Ablehnung gegenüber den geflüchteten Syriern befragte. In den Antworten und Begründungen der Einheimischen liegen starke Parallelen zu jenen, die man in Deutschland gegenüber Flüchtlingen zu hören bekommt.

Natürlich gibt es auch Menschen die helfen, genau wie es in Deutschland vielerorts der Fall ist. Meines Erachtens ist es allerdings in der Türkei eine erschreckend kleine Minderheit. Es ist das Gefühl der Ungerechtigkeit, die Angst, dass die „Neuen“ etwas bekommen, was den „Alten“ verwehrt wird. Das schürt den Hass.

Mir geht das Bild einer jungen Mutter mit ihrem Baby auf dem Arm, die nahezu ausgehungert durch die Straßen von Bodrum lief, nicht mehr aus dem Kopf. Ich war gerade auf dem Weg zum Busbahnhof und sie auf der anderen Straßenseite. Am darauffolgenden Morgen kam die Nachricht vom kleinen Aylan Kurdi, der in den Wässern der Ägäis ertrank.

Ich bin erschüttert über den Umgang mit den Fremden

Das Verständnis für die Tragödie der Flüchtlinge und ihre Lage ist bei vielen Türken scheinbar noch nicht angekommen. Einerseits ist es nachvollziehbar, da es einer breiten Masse des Volkes nicht viel besser geht. Wenn man mit seinem eigenen Leid beschäftigt ist, hat man keine Nerven für das Leid anderer. Andererseits bin ich erschüttert über das Verhalten, das gegenüber den Flüchtlingen in der Türkei entgegengebracht wird. Für mich grenzt es an Fremdenfeindlichkeit. Das merkt man daran, wie sie behandelt werden.

Es stimmt, die Türkei hat viel mehr Flüchtlinge aufgenommen als Deutschland, aber damit alleine ist die Sache nicht getan. In Deutschland geht es den Flüchtlingen viel besser. Sie sind in Sicherheit und gut versorgt – im Gegensatz zur Türkei, die ich jetzt im Sommer 2015 erlebt habe. Das ist eine ernst zu nehmende Problematik. Und das in einer Zeit, in der das Land im Terror zu versinken scheint.