Zweiter Demografiegipfel: Fachkräftesicherung gewinnt an Bedeutung

Sechs Millionen Arbeitskräfte weniger, so die offizielle Schätzung der Bundesregierung, werden der deutschen Wirtschaft im Jahr 2025 zur Verfügung stehen: Der prognostizierte Fachkräftemangel auf Grund des unaufhaltsam voranschreitenden demografischen Wandels unserer Gesellschaft gewinnt auch in der öffentlichen Diskussion immer weiter an Bedeutung.

In jüngster Zeit rückt deswegen auch immer mehr das Thema Einwanderung in den Fokus der Debatte. Eric Schweitzer, seit März 2013 Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), verkündete jüngst, Deutschland brauche bis 2025 „rund 1,5 Millionen Fachkräfte aus dem Ausland.“ Das entspräche im Schnitt etwa 10.000 Zuwanderern pro Monat.

Laut einem OECD-Bericht zur Steuerung der Arbeitsmigration in Deutschland spielt das Thema Einwanderung bislang allerdings noch eine sehr untergeordnete Rolle in der deutschen Wirtschaft. Einer gemeinsam mit dem DIHK durchgeführten Umfrage zu Folge zieht die Mehrzahl der Unternehmen in Deutschland die gezielte Anwerbung internationaler Fachkräfte derzeit noch kaum in Erwägung. Problematisch sei, so die Studie weiter, dass das deutsche Zuwanderungssystem einen relativ schlechten Ruf genieße und als intransparent und restriktiv gelte.

Laschet: Aufhören, so zu tun, als wolle man gar keine Einwanderung

Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm die Kritik beim 2. Demografiegipfel der Bundesregierung am 15. Mai in Berlin auf und warb deshalb explizit für „Deutschland als ein offenes Land, das Fachkräfte stets willkommen heißt.” Doch auch CDU-intern gibt es Kritik. Im Vorfeld des Gipfels hatte der stellvertretende Vorsitzende Armin Laschet das Fehlen einer konkreten wirtschaftspolitischen Strategie zum Umgang mit dem demografischen Wandel Deutschlands moniert. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung betonte er zugleich, Deutschland sollte nicht länger signalisieren, man wolle eigentlich keine Zuwanderer. Im internationalen Wettbewerb um qualifizierte Einwanderer – auch aus Nicht-EU-Staaten – sollten zudem auch die deutschen Botschaften, Außenhandelskammern und Goethe-Institute aktiv die Anwerbung von Fachkräften mit unterstützen.

Das deutsche Zuwanderungssystem sei laut OECD indes besser als sein Ruf, zumindest wenn es um hochqualifizierte Arbeitskräfte geht. Es zähle sogar zu den OECD-Ländern mit den geringsten Hürden für die Einwanderung von Akademikern. Eine eventuell noch größere Lücke am Arbeitsmarkt wird inzwischen jedoch bei Fachkräften des mittleren Qualifikationsniveaus erwartet, das heißt insbesondere bei Absolventen des dualen Systems sowie der Berufsfachschulen. Das bestätigt auch der MINT-Frühjahrsreport 2013 des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus Köln. Das IW kommt darin zum Ergebnis, dass den Unternehmen ohne Gegenmaßnahmen bis zum Jahr 2020 im naturwissenschaftlich-technischen Bereich allein bis zu 1,4 Millionen Arbeitskräfte mit beruflichem Abschluss fehlen könnten.

Das Problem: Genau im Bereich der Anwerbungsmöglichkeiten qualifizierter Facharbeiter finden sich laut OECD die größten Hürden im Zuwanderungssystem. Derzeit hätten Nicht-EU-Bürger „kaum Chancen, in Deutschland Stellen auf mittlerem Qualifikationsniveau anzunehmen”, so die in Paris ansässige Organisation.

Wirtschaftskrise in Südeuropa bringt leichte Entlastung

Doch obwohl die dauerhafte Arbeitsmigration nach Deutschland im internationalen Vergleich insgesamt nach wie vor gering ausfällt und das Zuwanderungssystem als schwer zugänglich gilt, gibt es erste Anzeichen für eine Trendwende. So zieht Deutschland laut Statistischem Bundesamt inzwischen so viele Einwanderer an wie zuletzt 1995. Im Jahr 2012 kamen rund 370.000 Menschen mehr ins Land als fortzogen. Zwar betrifft dies im Wesentlichen Menschen aus anderen EU-Ländern und ist dies vor allen Dingen eine Folge der Wirtschaftskrise in Südeuropa sowie der neu geltenden Freizügigkeit für Menschen aus Mittel- und Osteuropa. Dennoch verzeichnet Deutschland seit 2010 wieder kontinuierlich einen positiven Migrationsüberschuss, nachdem über Jahre hinweg jeweils mehr Menschen aus- als einwandert waren.

Generell herrscht allerdings weitgehende Einigkeit darüber, dass kein Maßnahmenset allein ausreicht, um die befürchteten Lücken am Arbeitsmarkt zu schließen. Neben vermehrter Einwanderung steht deshalb weiterhin auch die bessere Mobilisierung der inländischen Potenziale Deutschlands im Fokus. Dies betrifft etwa die vermehrte Vollzeitarbeit von Frauen, was insbesondere die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf voraussetzt. Zudem gilt es, ältere Arbeitnehmer besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren, insbesondere wenn das Rentenalter weiter steigen soll. Besser genutzt werden müssten zudem die Potenziale bereits im Land befindlicher Einwanderer und deren Kinder, die bislang überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen sind und geringere Bildungschancen aufweisen. Schließlich setzt die Politik ebenfalls darauf, die Quote junger Menschen ohne berufliche Qualifikation zu senken. Aus betrieblicher Sicht sind schließlich die langfristige Bindung qualifizierter Mitarbeiter durch kontinuierliche Aus- und Weiterbildung und die Schaffung eines attraktiven Arbeitsumfelds von zentraler Bedeutung.

Zahlreiche Lösungsvorschläge kommen beim BUV-Kongress zur Sprache

Doch was die konkrete Umsetzung der Maßnahmen, insbesondere im Zusammenspiel zwischen Politik und Wirtschaft, anbelangt, ist der Handlungsbedarf noch groß. Aus diesem Grund organisiert der Bundesverband der Unternehmervereinigungen (BUV) gemeinsam mit dem Bundesinnen- und dem Bundeswirtschaftsministerium am 27. Juni 2013 in Berlin eine Konferenz zu diesem Thema. Im Mittelpunkt der Veranstaltung mit dem Titel „Die demografische Herausforderung – Strategien und Lösungsansätze zur Sicherung des Fachkräftebedarfs“ werden neben Experten und Entscheidungsträgern vor allen Dingen Vertreterinnen und Vertreter aus Unternehmen stehen. Ziel des Events ist es, einen Erfahrungsaustausch und gegenseitiges Lernen zu ermöglichen, erste konkrete Lösungsansätze zu skizzieren und die Erfahrungswerte und Forderungen aus der Wirtschaft in die politische Debatte mit einzubringen.

Auf dem Programm stehen u. a. ein Workshop im Vorfeld der Konferenz, Good-Practice-Beispiele sowie eine wirtschaftspolitische Expertenrunde. Veranstaltungsort wird der Konferenzbereich des Bundeswirtschaftsministeriums sein, die Teilnahme ist kostenfrei. Weitere Details zum Programm sowie zum Anmeldeverfahren werden in Kürze auf der Webpräsenz des BUV bekannt gegeben.